Zeitschriftengeschäft in Berlin um 1925, mit zwei Zeitungskolporteuren mit Kappen im Vordergrund. (Quelle: Austrian Archives)
Audio: rbb Kultur | 18.12.2019 | Jürgen Gressel-Hichert | Bild: Austrian Archives

Reporterlegende Egon Jakobsohn - Unterwegs in der Hauptstadt des Verbrechens

Egon Jakobsohn, später bekannt als Jameson, dokumentierte den chaotischen Aufstieg von Berlin zur Weltstadt und erfand dabei den Journalismus neu: Was damals Boulevard war, gilt heute als investigativ. Heute vor 50 Jahren starb die Berliner Reporterlegende. Von Ansgar Hocke

Im November 1919 hat der Berliner Lokalreporter Egon Jakobsohn eine spektakuläre Idee. Die Zeitung "Berliner Morgenpost", bei der er beschäftigt ist, soll ein Kopfgeld in Höhe von 1.000 Reichsmark ausloben. Gesucht wird ein mutmaßlicher Mörder. Die Belohnung winkt demjenigen, der den Gesuchten auf der Straße erkennt und "Augen auf“ ruft.

Ein journalistisches Novum, wie Jakobsohn Jahre später in einem Radiointerview erklärte. "Denn noch niemals war eine Zeitung in Europa auf die Straße gegangen. Noch niemals hatte man sich so direkt an das Publikum gewandt."

Hauptstadt des Verbrechens

Der Hintergrund für Jakobsohns Aktion ist ein ernster: Nach dem ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches fällt es der Berliner Polizei schwer, die zunehmende Zahl an Diebstählen, Raubüberfällen und Morden in der Reichshauptstadt aufzuklären. "Verbrechen machte sich bezahlt, Augenzeugen verstummten angsterfüllt oder widersprachen sich“, berichtet Jakobsohn später. Damals wie heute mangelte es bei Polizei und Justiz an Personal.

Nur ist der Fall vom mit Kopfgeld gesuchten Mörder ein sehr spezieller: Der Verdächtige ist nämlich niemand anders als der Reporter Jakobsohn selbst. Die Leser der "Morgenpost" sollen ermuntert werden, genauer hinzuschauen, um als eventuelle Augenzeugen nach Straftaten bessere  Angaben zu liefern. Im Jahr 1919 ist das dringend notwendig: Damals wird in Berlin mindestens ein Mord pro Woche verübt.

Inszenierung eines Ereignis, über das er selbst berichtet

Am 13. November 1919 also lief Jakobsohn, bis dahin ein unbekannter Journalist, von 8 bis 20 Uhr durch die Straßen des gerade erst geschaffenen Groß-Berlins. Sein Steckbrief klebte an den Litfaßsäulen der Stadt, zudem gab es ein Extrablatt der "Berliner Morgenpost" mit der  Schlagzeile "AUGEN AUF".

Reporter Jakobsohn zieht also durch die Stadt und wartet darauf, entdeckt zu werden: Vom Wilmersdorfer Kaiserplatz über den Potsdamer Platz, den Moritzplatz, den Alexanderplatz, durch Moabit bis zur Kochstraße.

Für die "Berliner Morgenpost" endet die Jagd quer durch Berlin in doppeltem Sinne erfolgreich: Da Jakobsohn  nicht erkannt wurde, kann sie das Kopfgeld behalten. Gleichzeitig wird ein neuer  journalistischer Stil kreiert: Reporter Jakobsohn inszeniert ein Ereignis, über das er dann selbst berichtet.

Wallraff war nicht der Erste

Nach dieser erfolgreichen Reportage legt Egon Jakobsohn nach.  Er verkleidet sich und schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen: Als Wurstmaxe mit einem Kessel vor dem Bauch auf dem Kurfürstendamm, als Aalverkäufer in der Markthalle, als Aushilfskellner in einem verbotenen Spielclub, als Lehrling eines Taschendiebs. In Berlins Hinterhöfen dreht er den Leierkasten, um die Gerüchte über die  angeblich hohen Einkünfte der Straßensänger zu widerlegen. Günter Wallraff war nicht der erste Journalist, der einen Beruf vortäuscht und einen anderen Namen annimmt, um über  Missstände aufzuklären.

Diese Herangehensweise an Themen gehört heute zum Standard des investigativen Journalismus, doch ihr Erfinder Egon Jakobsohn gerät in Vergessenheit. Anders als Erich Kästner, Egon Erwin Kisch oder Kurt Tucholsky versteht er sich als Lokalreporter, beschränkt sein Tun auf den Lebensalltag im Kiez. Die "politische, sittliche Erhabenheit des  Schreibenden waren Egon Jakobsohn so fremd wie nichts", urteilt einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Bildausschnitt: Pressefotograf auf einem Motorrad im Jahr 1925. Neuerung auf dem Gebiet der Zeitungsfotografie: Eine Motorraddunkelkammer, welche es dem Berichterstatter ermöglicht, unterwegs die Aufnahmen zu entwickeln. Ein ausziehbarer Turm ermöglicht Aufnahmen von erhöhtem Standpunkt. (Quelle: akg-images)

Ein Wink des Schicksals

Jakobsohns Geburtsort ist ein Wink des Schicksal: 1895 erblickt er in der Kochstraße das Licht der Welt, im Zeitungsviertel also, wo später das Ullsteinhaus stand, in dem er arbeiten wird. Er schreibt für die "Berliner Morgenpost" und auch für die "BZ am Mittag", das erste Boulevardblatt, das auf der Straße verkauft wird. Bis 1932 ist er BZ-Lokalchef.

Jakobsohn liebt das schnelle, hektische Leben eines  Reporters  in den turbulenten zwanziger Jahren:  Berlin ist damals der Mittelpunkt für Theater, Revuen und Nachtclubs. "Da kam also jeder junge Schauspieler, wenn er irgendwo Möglichkeiten hat, aus der Provinz hierher. Alle hatten nur ein Ziel: Sie wollten in Berlin sein."

Erfinder der Homestory

Bereits als Oberschüler betätigt sich Jakobsohn als Filmkritiker bei der "Illustrierten Filmwoche", obwohl die kaiserliche Schulverwaltung den Eltern damals von einem Filmbesuch ihrer Sprösslinge dringend abrät. Selbst vor Interviews mit bekannten Literaten und Schauspielern schreckt der Nachwuchsreporter nicht zurück: Um einen Termin bei Frank Wedekind , dem Dramatiker, Schriftsteller und Schauspieler zu erhalten, lässt er sich korrekt unter seinem Namen "Jakobsohn" voranmelden. Wedekind hält ihn am Telefon prompt für den bekannten Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn und staunt nicht schlecht, als sich Egon im viel zu großen Anzug seines Vaters im Foyer des Central Hotels am Bahnhof Friedrichstraße vorstellt.

Egon Jakobsohn erahnt den aufkommenden Wunsch der Filmfans, etwas über das Privatleben der heiß geliebten Stars zu erfahren. In der "Illustrierten Filmwoche" erfindet  er die Starreportage, die Homestory: Er schreibt über die große, dänische Mimin Asta Nielsen oder über den Stummfilmstar und Publikumsliebling Harry Liedtke.

Flucht nach London

Als die Nazis an die Macht kamen verlässt Egon Jakobsohn 1933 Berlin  und geht nach London. Für jüdische Journalisten liberal demokratischer Zeitungen gibt es keine berufliche Zukunft mehr in Deutschland. Die Nationalsozialisten hatten den Juden Jakobsohn immer öfter persönlich attackiert: Er wurde verprügelt, sein Auto demoliert. Der Reporter bricht nach Großbritannien auf und stellt im Exil lapidar fest: “Egon Jakobsohn gibt es nicht mehr."

Kaum hat Jakobsohn britischen Boden betreten, anglisiert er seinen Namen und nennt sich von nun an Egon Jameson. Innerhalb kürzester Zeit schafft er es, sich auch in London bekannt zu machen. Er fesselt die britische Leserschaft mit leichter Kost, voller Humor und spitzfindigem Ernst. Seine Kenntnisse der britischen Geschichte und Eigenheiten publiziert er in Büchern wie "10 Downing Street",  "Eintausend Kuriositäten über Britain" oder "Die Geschichte des britischen  Weltreiches  oder  London, wie es nicht im Wörterbuch steht".

Nein zum Indizienbeweis

1945 kehrt Egon Jameson in britischer Uniform nach Deutschland zurück und hilft beim Aufbau der Nachrichtenagentur DANA, der Vorläuferin der Deutschen Presseagentur (dpa). Danach wird er Chefreporter und Ausbilder für junge Journalisten bei der "Neuen Zeitung", dem deutschsprachigen Blatt der amerikanischen Militärregierung in München. Sein Hauptanliegen damals ist der Kampf gegen den Indizienbeweis. "Ich glaube sagen zu dürfen", so Jameson später, "dass ich in den Jahren 1946 bis 1949 sechs Menschen, die lebenslänglich verurteilt worden waren, herausbekommen habe, weil ich einfach nicht glauben wollte,  dass der Indizienbeweis ausreicht, um einem Menschen die Freiheit zu nehmen". Lieber soll man, so Jameson, "einen Menschen freilassen, der schuldig ist, als wenn man zwei, drei oder vier Unschuldige einsperrt."

Zusammen mit Loriot

Fast alle seiner 45 Bücher sind heute vergriffen, auch ein "Schmunzelbuch" aus dem Jahre 1957. Zusammen mit dem damals noch recht unbekannten Loriot schreibt Jameson ein Standardwerk des Humors: "Wie gewinnt man eine Wahl?" Der sarkastische Untertitel ergänzt: "Erschöpfender Leitfaden für Wähler und Politiker aller Parteien". Dieser  Grundkurs aus der damals noch sehr jungen deutschen Demokratie klingt ein wenig altertümlich, enthält aber einige zeitlose Wahrheiten: "Politiker sollten ihr Augenmerk darauf richten, dass die Wähler bis zum Wahltage erhalten bleiben. Der Kandidat soll sich stets an die volkstümliche Weisheit erinnern: Kleine Geschenke  erhalten die Freundschaft, große Versprechungen die Ausdauer."

Sendung: rbb Kultur, 18.12.2019, 19.04 Uhr

Das Hörfunkstück "Einfach nur kess - Der Berliner Reporter Egon Jakobsohn" können Sie mit einem Klick ins Titelbild nachhören.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich finde, dieser Artikel ist es wert, in Erinnerung gehalten zu werden.

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