Eine Collage aus Musikern und Musikerinnen, die dieses Jahr in Berlin in Berlin gespielt haben. Zu erkennen sind Phil Collins, Anna Calvi, Peter Fox, Dellé und Joao Donato (Bild: dpa/imago images)
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Rück- und Ausblick | Konzerte - Von unvergesslichem Air-Drumming und überraschenden Flops

Sting, Phil Collins, Fleetwood Mac: Berlin hatte sie dieses Jahr mal wieder alle. Was bei unseren Kritikern 2019 hängen blieb, was sie enttäuschte - und was bei ihnen für 2020 schon im Kalender steht.

Auch dieses Jahr hatte Berlin konzerttechnisch viel zu bieten. Was unsere Konzertkritiker und -kritikerinnen 2019 verehrten und liebten oder total unnötig und enttäuschend fanden, haben wir im Folgenden zusammengetragen. Beim Lesen nicht vergessen - das hier sind persönliche, ehrliche und ungefilterte Meinungen von Konzertabenden. 

WAS WAR DIE GRÖSSTE ÜBERRASCHUNG DES JAHRES?

Raffaela JungbauerPhil Collins. Im Sitzen hat er im Olympiastadion alles gegeben, schwer gezeichnet von seiner Krankheit. Ich denke, das gesamte Publikum war gerührt. Als er dann seinen blutjungen Drummer vorstellte und klar wurde, das ist sein 18-jähriger Sohn, waren wir alle aus dem Häuschen. Sein Sohn hat toll gespielt. Nicht auszudenken, was für ein Druck das sein muss, wenn man der Sohn eines der berühmtesten Drummer der Welt ist und dann zu "In The Air Tonight" abliefern muss. Der Sohn lieferte ab, die Vater-Sohn-Dynamik war mehr als rührend und im Publikum trommelten wir alle in der Luft das beste Drum-Solo der Welt mit. Unvergesslich.

Steen Lorenzen: Nura im Vorprogramm von Seeed in der Max-Schmeling Halle. Das haben meine Töchter natürlich vor mir gehört. Klar. Nura war dem Papa auch eher zu "high, babe". Aber dann steht sie nur mit MC auf der großen Bühne und ist cool, stimmlich überzeugend  und strahlt diese selbstverständliche Fass-Mich-Nicht-An-Attitüde aus. Auch beim späteren Gastauftritt neben der 13-köpfigen Seeed-Band nicht kleinlaut. Danke an meine Töchter und an Nura!

Magdalena Bienert: Too Many Zooz, die New Yorker haben Straßenmusik at its best gezeigt, und Sting, der auf der Bühne so sympathisch wirkte und einen Abend nur mit Hits füllte.

Hans Ackermann: Keane. Beim improvisierten Showcase im Kreuzberger Lido zeigt die beinahe schon aufgelöste britische Indiepop-Band im Sommer, dass doch noch einiges zu erwarten ist. Der Sänger Tom Chaplin musste dafür allerdings erst vom Alkohol loskommen und der Songschreiber Tim Rice-Oxley eine schmerzhafte Scheidung hinter sich lassen.

Hendrik Schröder: Dass Dieter Bohlen bei Konzerten tatsächlich manchmal live singt (kann er nicht, macht er trotzdem), finde ich eher mutig als peinlich - klingt trotzdem schlimm.  

GAB ES EINEN MOMENT, DER BESONDERS HÄNGEN BLIEB?

Raffaela Jungbauer: Dieses Jahr gab es zum ersten Mal den IMA, den International Music Award. Zur Verti Music Hall gab es verschiedene Eingänge und das Durcheinander war recht groß. Keiner wusste so recht, ob er in der richtigen Schlange steht. Das normale Chaos, das man eben bei Veranstaltungen hat, die zum ersten Mal stattfinden. Ich musste von Schlange zu Schlange pilgern, genauso wie ein Herr neben mir, den es offenbar noch schlimmer erwischt hatte. Er schilderte, dass er wirklich schon um den kompletten Block gelaufen war, um den richtigen Eingang zu finden. Die nette Dame am Schalter war schon drauf und dran, ihn jetzt einfach hier reinzulassen, als er fortfuhr, dass er fertig mit den Nerven sei. Er wolle doch einfach nur zu Hans Zimmer… "Na DER ist in der Mercedes-Benz-Arena nebenan", sagte sie. So viel zur Übersichtlichkeit auf dem Gelände.

Steen Lorenzen: Beim Lee Fields Konzert am 26. April im Columbiatheater: Das Berliner Publikum kann nervig sein. Insbesondere wenn zu viele es über die Gästeliste geschafft haben und während des Konzertes alles mögliche ausgetauscht wird, was eigentlich in der Eckkneipe oder am Smartphone besprochen werden sollte. Doch manchmal schaffen es Künstler*innen, das Berliner Publikum zum Schweigen zu bringen oder - was definitiv noch seltener ist - in Ekstase zu versetzen. Letzteres geschah beim Soulkonzert von Lee Fields mit unglaublichen Energieströmen zwischen dem Funkmeister und seinem Publikum. Lee Fields ist am Ende schweißgebadet, zittert vor Anspannung. Das überträgt sich. Was immer Fields ruft, er bekommt eine Antwort. Das Publikum ist außer sich und steht nach dem Konzert Schlange am Merchandise, um dem Preacher nochmal face-to-face zu begegnen.

Magdalena Bienert: Sting kam auf die Bühne der Mercedes-Benz-Arena mit einem Arm in einer Schlaufe und erklärte er könne heute nicht Gitarre spielen. Das alles in bestem deutsch! Sehr charmant fügte er sich dann in seine neue Rolle des Frontmans ohne Gitarre und des Zuhörers, wenn sein Kollege seine Parts übernahm. Es war sichtlich ungewohnt für ihn, aber er ist spielerisch und sympathisch damit umgegangen und hat wohl so jedem Fan an diesem Abend berührende zwei Stunden geschenkt.

Hans Ackermann: Als ich an einem Abend im Juli erst recht spät im Kraftwerk Berlin ankomme, hatte die "Deep Web"-Performance schon angefangen. Im riesigen Turbinenraum schweben in einiger Höhe hunderte von kleinen weißen Kugeln leuchtend durch den Raum. Woraus mögen diese Kugeln wohl bestehen? Der stockdunkle Saal ist voll, jetzt nach den Künstlern zu suchen, um nachzufragen, ist kaum möglich. Nach 75 Minuten ist das schöne Spektakel vorbei. Ich streife noch kurz durch den immer noch halbdunklen Saal. Etwas abseits sehe ich schemenhafte Gestalten. Bei ihnen angekommen, frage ich "Wissen Sie, wo die Künstler sind, ich müsste etwas fragen."  -  "Na, dann fragen Sie mal", lautet die Antwort.  Ich habe im Dunkeln zufällig Christopher Bauder gefunden. Die Kugeln, erklärt der Berliner Lichtkünstler, seien einfach mit klarem Wasser gefüllt, rund zwei Liter pro Kugel. Dadurch hätten sie ein gewisses Gewicht und würden so schön majestätisch auf und ab schweben.

Hendrik Schröder: Vom Kitty Solaris Konzert gab es von mir einen Verriss, das Konzert war einfach nicht gut, es wurde viel getuschelt im Publikum und viele Besucher gingen früher. Das hab ich so aufgeschrieben. Am Tag danach schrieb mir die Band, ob ich mir vorstellen könne, wie schwer man es einer Band macht, zukünftig Konzerte zu bekommen, wenn man eine negative Kritik schreibt und dass sie echt sauer seien. Ich fand das ebenso lustig wie traurig. Man merkt daran, dass Bands und Agenturen es kaum noch gewohnt sind, schlechte Reviews zu bekommen, weil vieles durch Kooperationen zwischen Management und Sendern beziehungsweise Magazinen weichgespült ist. Umso dankbarer bin ich in solchen Momenten, dass man im Inforadio und bei rbb|24 als Autor die absolute Freiheit hat, zu schreiben, was man wirklich denkt.   

UND WAS IST MIT DEN FLOPS 2019?

Raffaela Jungbauer: Leider Bob Dylan, obwohl ich ihn liebe. 

Steen Lorenzen: Underworld beim Lollapalooza Festival. Ein absurder Anblick: Vor dem Olympiastadion feiert das junge Lolla-Publikum die wiederbelebten schwedischen Elektrostars Swedish House Mafia. Gleichzeitig spielen im Stadion-Oval die legendären Underworld ("Born Slippy") ein gespenstisch schlecht besuchtes Konzert. Was ist los mit den jungen Menschen? Haben die keinen Respekt vor dem Alter? Nee, haben sie nicht. Und dem Lolla fehlt das Rezept, um jung UND alt zusammenzubringen.

Magdalena Bienert: Beruflich waren es Boyce Avenue im Huxleys. Privat wohl am ehesten Arcade Fire in der Zitadelle, da sprang der Funke leider nicht über.

Hans Ackermann: So schön es im Sommer bei der "Fete de la musique" auf der kleinen Bühne im Hauptbahnhof geklungen hat, so schrecklich haben ein paar Stationen weiter an der viel zu großen Bühne im Ostbahnhof die Ohren geklingelt. Schnell raus aus der Bahnhofshalle und im Monbijoupark koreanischem K-Pop unter freiem Himmel gelauscht.

Hendrik Schröder: Sisters of Mercy in der Columbiahalle. Blutleer, schlechter Sound, unmotivierte Band. Lieber die Alben hören.

WAS SIND DIE TIPPS FÜR 2020?

Worauf sich unsere Kritiker und Kritikerinnen 2020 freuen

Die Kritiker und Kritikerinnen bei rbb24

  • Raffaela Jungbauer

  • Steen Lorenzen

  • Magdalena Bienert

  • Hans Ackermann

  • Hendrik Schröder

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1 Kommentar

  1. 1.

    "Air-Drumming" - ich bin 64 und war gerne Leser dieser Seiten von rbb24, aber die Anbiederung an die Jugend, die öffentlich unser Leben in Frage stellen, ist unerträglich.
    Damit verlieren Sie treue Leser.

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