Berlin Berlin im Admiralspalast Dezember 2019. (Quelle: Christian Kleiner)
Audio: Inforadio | 20.12.2019 | Hans Ackermann | Bild: Christian Kleiner

Konzertkritik | Berlin-Revue im Admiralspalast - Temporeicher Ausflug in die Roaring Twenties

Ab 1923 ließen Revuen wie "Drunter und Drüber" den Berliner Admiralspalast zur besten Adresse für ausgelassenes Großstadt-Amusement werden. Die wilden Zwanziger sollen jetzt an Ort und Stelle mit "Berlin Berlin" wieder aufleben. Von Hans Ackermann

"Puttin’ on the Ritz", mit diesem bekannten Musical-Song beginnt der Abend - obwohl das Hotel Ritz gar nicht in Berlin, sondern in Paris zu finden ist. Doch die Redewendung passt  vorzüglich zu einem solchen Abend, bedeutet "Puttin' on the Ritz" doch, sich schick zu machen, sich "in Schale zu werfen". Im aufwendigen Programmheft sind dazu gleich acht der "wichtigsten Accessoires der Zwanziger Jahre" aufgelistet. Darunter Bubikopf, Charlestonkleid und Feinstrümpfe mit Naht. All das sieht man tatsächlich auch vor der Bühne, im Publikum - Frauen, die sich schwarze Federn in das glitzernde Stirnband gesteckt haben.

Viele Diven und ein Absinth-Charmeur

Auf der Bühne tragen dann natürlich sämtliche Sängerinnen, Tänzerinnen und Darsteller den authentischen Look der Wilden Zwanziger. Marlene Dietrich, deren Lebensgeschichte einen Handlungsstrang bildet, hält sogar eine lange Zigarettenspitze in der Hand. Nina Janke gibt diese Diva und überzeugt mit tiefer Stimme.

Die seinerzeit nicht weniger bekannte Anita Berber, eine faszinierend-verruchte Femme Fatale, die leider schon mit 28 Jahren gestorben ist, spielt Sophia Euskirchen. Sie hat an der Berliner Universität der Künste das Fach "Musical" studiert, war "Sally Bowles" im Tipi am Kanzleramt und erhält auch an diesem Abend für ihre Darstellung stehende Ovationen. Ein zentrale Rolle spielt der Österreicher Martin Bermoser. Als gutaussehender Schuft und charmanter Conferencier führt er durch das Programm - und nippt immer mal wieder am Absinth.

Auch die dunkle Geschichte hält Einzug

Die Revue erzählt auch die Geschichte der Comedian Harmonists. Gleich nach der Pause bauen sich die fünf Sänger zu ihrem Potpourri auf und werden bejubelt. Dann zeigt das Stück aber auch, wie dieses außergewöhnliche Ensemble vom Berufsverbot der Nationalsozialisten zerstört wird. Plötzlich springt im Publikum ein Mann im braunen Hemd auf. Zuvor hatte Dominique Jackson als "Josephine Baker" ihren aufreizenden Tanz geboten. Der Rassist fordert nun, die Tänzerin möge mit ihrem "Bananenröckchen zurück nach Afrika" gehen.

In der Revue Berlin Berlin im Admiralspalast im Dezember 2019 wird auch Josephine Baker, gespielt von Dominique Jackson, geehrt. (Quelle: Christian Kleiner)
Hommage an Josephine Baker, gespielt von Dominique Jackson. | Bild: Christian Kleiner

Zum Glück kann das Ensemble den Nazi noch einmal vertreiben - aber, "Wir kommen wieder" droht der Mann. Josephine Baker schleudert ihm noch Duke Ellingtons "It dont mean a thing" hinterher, will mit Jazz als Symbol der Freiheit Widerstand leisten. Doch wenig später können sich Musiker und Tänzer nur noch ins Exil retten - gezeigt als Schattenspiel auf einer blutroten Hakenkreuzflagge.

Pfiffiger Junge sorgt für Versöhnung

Natürlich kann eine fröhliche Revue nicht so deprimierend enden. "Kutte", ein Optimist aus dem Wedding, erträumt sich deshalb kurzerhand die besseren Zeiten. Er sieht den Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg voraus und visioniert sogar schon den Abriss der späteren Mauer.

Die Rolle des pfiffigen Berliner Jungen spielt Sebastian Prange, überzeugend und mit authentischem Dialekt - kein Wunder, ist der Publikumsliebling doch ein gebürtiger Berliner. Dank "Kuttes" Träumerei ist das Stück am Ende in der glücklichen Gegenwart angelangt, in einer temporeichen Revue, die es so wohl nur in der Friedrichstraße geben kann.

"Berlin Berlin" ist bis zum 5. Januar im Admiralspalast in der Friedrichstraße zu erleben, danach geht die Show auf eine große Tournee, Station sind unter anderem München, Köln und Hamburg.

Sendung: Inforadio, 20.12.2019, 6:55 Uhr

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