Clairo in Toronto, 2019 (Quelle: imago-images/Marchini)
Audio: inforadio | 18.12.2019 | Hendrik Schröder | Bild: imago-images/Marchini

Konzertkritik | Clairo im Lido Berlin - Popstar wider Willen

Vor zwei Jahren kannte die junge US-Sängerin Clairo noch kein Mensch, heute spielt sie auch in Europa schon in ausverkauften Clubs - am Dienstagabend im Berliner Lido. So schnell kann es gehen in Zeiten von Youtube und Co. Von Hendrik Schröder

Im August 2017 lädt Clairo einen einzigen, selbst produzierten Song bei Youtube hoch. Einige Monate später ist ihr Leben ein anderes. Millionen von Menschen klickten den Song, Clairo  quasi über Nacht berühmt geworden. Ein paar weitere Songs folgten und dann schließlich im Sommer dieses Jahres das erste Album "Immunity".

Im Lido spielt die gerade 21-Jährige fast jeden Titel des Albums. Es soll ein ruhiges und trotzdem intensives Konzert werden: Clairos Band spielt so leise, dass man sich auf Zimmerlautstärke dabei unterhalten könnte. Macht aber niemand, weil alle verzaubert an ihren Lippen hängen. Dabei ist Clairo auf der Bühne eine eher zurückhaltende, fast schüchterne Person. Im grünen Top, weite Blue Jeans, lange blonde Haare, schreitet sie ein bisschen hin und her, klammert sich viel am Mikroständer fest, sagt fast nichts und singt nicht einen einzigen Ton mit Kraft - und trotzdem voller Ausdruck.

Optisch Schülerband, akustisch grandios

Hinter Clairo steht ihre dreiköpfige Band: eine Gitarristin, die ihr Instrument eher ganz behutsam bittet, ein paar sparsame Töne rauszulassen, ein cooler Basser mit Basecap und Kapuzenpullover im Halbdunkel stehend und ein Drummer hinter einer Plexiglaswand, was nicht schön aussieht, aber eben dafür sorgt, dass dieser jazzige, sparsame Sound nicht von Becken zugematscht wird. Rein optisch könnte das auch eine nette Schülerband sein, aber der Eindruck täuscht. Ganz gekonnt spielen sich Band und Sängerin durch Clairos Debutalbum.

Zwischendurch setzt sich Clairo immer wieder auf den Bühnenrand und singt dort weiter - was die ersten Reihen begeistert, die hinteren Reihen fragen sich indes: Wo ist sie denn? Und schauen stattdessen dem Drummer zu, wie er mit Fingerübungen seine Hände warm hält. Ungewohnt. Dann taucht sie zum nächsten Titel wieder auf und der Jubel ist groß.

Überhaupt gibt es ständig Gejuchze, auch mitten in den Songs, einfach so, weil ein Refrain so schön ist oder Clairo mal kurz lächelt, was für eine warme, schöne Atmosphäre sorgt. Tatsächlich sieht man auch hier und da ein paar Feuerzeuge in der Luft, aber für einen echten Effekt gibt es dann doch mittlerweile zu wenig Raucher.

Schlafzimmer-Pop

"Bedroom Pop" nennt sich Clairos Musik, nicht weil sie ins Schlafzimmer einlädt, sondern weil sie so spartanisch und mit einfachen Mitteln strukturiert ist, dass sie mit ein bisschen Technik auch im Schlafzimmer aufgenommen werden kann, was ja anfangs bei Clairo tatsächlich der Fall war.

Während also andere derzeit erfolgreiche Songs vollgequetscht sind mit Synthesizern und allen Möglichkeiten der digitalen Produktion, punktet Clairo mit dem genauen Gegenteil: Reduziert aufs Wesentliche, kein Schnickschnack und durchaus politisch: In Interviews erzählt sie gerne, dass sie normal und authentisch bleiben möchte und mit dem Musikbusiness nicht viel anfangen kann. Jetzt, wo sie ein Album bei einer großen Plattenfirma veröffentlich hat, gab es einige Diskussionen darum, wie ernst das noch zu nehmen ist.

Zumal Clairos Vater, ein erfolgreicher Manager mit Kontakten ins Business, wohl im Hintergrund seine Verbindungen spielen ließ, um den Erfolg seiner Tochter möglich zu machen. Aber derartiges ist den Fans an diesem Abend total egal, so groß ist der Jubel, so laut sind die "Clairo, Clairo"-Rufe am Ende des Konzerts. Die 21-Jährige ist wohl im Begriff ein Popstar zu werden, ob sie will oder nicht.

Beitrag von Hendrik Schröder

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Popstar wider Willen?In Interviews erzählt sie gerne, dass sie normal und authentisch bleiben möchte und mit dem Musikbusiness nicht viel anfangen kann.?So so.
    Deshalb lade ich die Videos ja bei Youtube ect.hoch.
    Ist wie mit den Song „Die immer lacht“ auf Youtube,so habe sie die Zeilen 2005 für eine gute Freundin geschrieben, der es nicht gut ging.Sie ist froh,dass Menschen zu ihrem Song tanzen und fröhlich sein können. Dann habe er genau das erreicht, was sie sich immer gewünscht hat.
    Steht doch einfach dazu,das Ihr damit Geld verdienen wollt.Ist doch alles auch okay und in Ordnung.

Das könnte Sie auch interessieren