Herbie Hancock während eines Konzertes im November in London (Bild: imago images/Richard Gray)
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Audio: Inforadio | 03.12.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago images/Richard Gray

Konzertkritik | Herbie Hancock in der Philharmonie - Wenn der Weltraum-Wal vorbeischwimmt

Was wären Jazzrock, Fusion und Hiphop ohne Herbie Hancock? Seit über 50 Jahren spielt sich der Pianist um die Welt und am Montag auch mal wieder in Berlin. Dass die Jazz-Legende dabei überzeugt hat, ist wohl noch untertrieben. Von Jens Lehmann

Herbie Hancock ist 79 Jahre alt, hüpft aber immer noch wie ein junger Gott auf der Bühne rum. Unglaublich. Schon zu Beginn des Konzerts am Montagabends tobt die ausverkaufte Philharmonie. Alle lieben Herbie, und wenn er einem von der Bühne aus zuwinkt, dann winkt man eben zurück. Ganz von allein, mit einem leicht dümmlichen Grinsen auf den Lippen. Hab ich für Sie live getestet!

Das tun an diesem Abend sowohl Hardcore-Fans als auch Newbies, ein paar Berliner Philharmoniker, die offenbar mal andere Musik in "ihrem" Saal hören wollen - und gefühlt die halbe Berliner Jazz-Szene. Nils Landgren, Sebastian Studnitzky und Co kriegen offensichtlich auch nicht genug von Herbie Hancock, obwohl der doch erst vor zwei Jahren im Admiralspalast aufgetreten ist. Dabei hat er, mal ehrlich, in den letzten Jahren nicht allzu oft seine Setlist gewechselt.

Zu Beginn ein Weltraum-Wal

Los geht's wie immer mit einer sphärischen, improvisierten Ouvertüre. Diesmal glaubt man, ein Weltraum-Wal schwömme vorbei. (Und ja: Ich wollte schon immer mal "schwömme" in einem meiner Artikel unterbringen.) Es fiept, es wabert, Herbie fingert lange an seinem heißgeliebten Korg Kronos und dem MacBook nebendran herum, bis ihm die Sounds gefallen. Das dauert dann schon mal länger, die Knöpfe des Synthesizers sind doch verdammt klein und unhandlich für einen betagten Herrn wie ihn.

Und überhaupt, er sei doch verdammt verkabelt in dieser so kabellosen Zeit, witzelt Herbie. Stimmt: Kein Musiker war in seinem Leben je verkabelter als er. Schließlich hat er sogar mal Elektrotechnik studiert. Und trotz der vielen jungen Jazzmusiker, die wie schöne Blumen heranwachsen - wie es Herbie, der alte Poet beschreibt -, ist er selbst immer noch einer der innovativsten Klangtüftler auf diesem Planeten. Wahrscheinlich auch auf ein paar Nachbarplaneten, spielt er doch Spacejazz allererster Güte.

Synthesizer-Ekstase in neuen Songs

Im ersten Teil seines Konzerts herrscht dementsprechend volle Synthesizer-Ekstase. Aber - oh Wunder - kein "Watermelon Man" weit und breit. Kein "Butterfly". Kein "Secret Source". Von wegen, er reist immer mit der gleichen Setlist rum. Pustekuchen! Den hat eindeutig sein Gitarrist gebacken. Lionel Loueke heißt der Mann, kommt aus Westafrika und verbindet die Musik seiner Heimat kongenial mit Fusion-Musik und einem ausgeprägten Hang zu Soundeffekten, Harmonizer und Loop-Machine. Zumindest zwei der vier neuen Songs, die ich gezählt habe, scheinen aus seiner Feder zu stammen - und sind so gut! Man kann nur hoffen, dass sie auch auf dem neuen Album sein werden, an dem Herbie gefühlt schon zehn Jahre lang arbeitet.

Neben Loueke setzt auch James Genus am Bass immer wieder Impulse. So einen spielfreudigen, vor sich hin pluckernden Bass hört man selten. Schlagzeuger Justin Tyson ist keine solche Offenbarung, aber man ist schon froh, dass er einem den Klang nicht derart zerkloppt wie Trevor Lawrence alias TrevBeats vor zwei Jahren. Aber man ist ja vor allem wegen Herbie Hancock da. Der zaubert immer neue Sounds aus seinem Keyboard. Es klirrt, raschelt, röhrt, spratzt, trompetet und fiept, dass es eine wahre Freude ist. Gut ist, alles auch zu hören: Die Akustik ist trotz der Verstärker-Türme um Längen besser als zum Beispiel im Admiralspalast.

Mit Keytar am Besten

Jetzt greift Herbie zum Vocoder - tatsächlich, den Song kennt man mal wieder: "Come Running to Me" in einem herrlichen Arrangement für, äh ..., Keyboard-Chor. Aber natürlich setzt sich Hancock auch mal rüber an den Flügel und lässt dann auch mit einem kraftvollen Solo bei "Cantaloupe Island" die ganze Schunkelseligkeit dieses völlig überspielten Klassikers komplett vergessen. Wenn er sich dann noch die Keytar, diesen seltsamen Zwitter aus Keyboard und Gitarre umhängt, dann gibt es eh kein Halten mehr. Zum Schluss tanzt der ganze Saal und singt nach, was Herbie ihm spontan vorspielt.

Beim Schluss-Akkord springt Herbie Hancock so hoch, dass ich schon ein Heer von Physiotherapeuten und Osteopathen hinter der Bühne vermute, aber der Mann ist derart fit! Möge er es noch lange bleiben und uns Konzerte wie dieses bescheren.

Beitrag von Jens Lehmann

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6 Kommentare

  1. 6.

    Danke für Ihre Antwort, lieber Herr Lehmann, wenn ich nicht wüsste, dass so ein Konzert um Längen besser klingen könnte und akustische Körperverletzung vermeidbar ist, hätte ich vermutlich auf eine höhere Frustrationstoleranz - Sie hatte ja vermutlich auch nicht das Problem, viel Geld dafür ausgelegt zu haben ;)

  2. 5.

    Respekt... Mr. Hancock!!
    Der "betagte" Herr ist jünger als ganze Semester von 23 jährigen Jazzstudenten.
    Es ist vor allem großartig das Zusammenspiel der Musiker live zu erleben. Zu einem guten Jazzmusiker gehört auch immer eine gehörige Portion "Ego", was bisweilen zu unerträglichen Egotrips auswuchert. Bei Hancock ist es völlig anders: Er ist immer "pares inter pares" ein genialer teamplayer und die Musiker kommunizieren großartig miteinander, lassen die Musik vor unseren Augen und Ohren in ungeahnte Richtungen wachsen.... großartig.
    Thema Sound:
    Wie beschränkt und Gedankenlos kann man als Veranstalter sein um in einem Saal wie der Philharmonie die PA nur nach vorne auszurichten???
    Mindestens 30-40% des Publikums sitzt hinter/ neben den Lautsprechen...
    Ein paar Fill In Speaker zu den Seiten/ nach inten hätten das schon erledigt.
    Von hinten (wo ich saß) hat man vor allem den Drummer gehört und dann den indirekten Sound der PA.
    Fazit:
    Grottiger Sound - geniales Konzert.

  3. 4.

    Hallo Ben,
    ich habe nicht weit von Ihnen in Block A hinten gesessen ... und nie behauptet, der Sound wäre richtig gut gewesen. ;) Ich rechne das Klirren im Klavier und die leicht verwaschenen Bässe wahrscheinlich schon im Kopf raus. Ich fand es eben, wie beschrieben, um Längen besser als im breiigen Admiralspalast.
    Viele Grüße
    Jens Lehmann

  4. 3.

    Ich kann mich meinem Vorkommentator nur anschließen, es war unfassbar laut, die elektrischen schrillen Töne müssen so manches Trommelfell geschädigt haben.
    Bei der Zugabe kam tatsächlich endlich etwas Groove auf, davor gab es nur musikalische (?)Selbstbeweihräucherung der Künstler die meinem Ohr keinen Genuß verschafft hat.
    Bei der Begeisterung des Publikums am Ende des Konzertes fühlte ich mich an Hape Kerkelings "Hurz" errinnert. Sich bloß nicht eingestehen, dass man gerade 100 € für ein Konzert bezahlt hat, welches man vermutlich, wenn es die Schülerband des Sohnes gespielt hätte, laut schimpfend verlassen hätte.
    Schade dass sich kaum einer der Kritiker traut das Kind beim Namen zu nennen, aber vermutlich fehlt mir hier nur der intellektuelle Zugang ...

  5. 2.

    Ich war zwar nicht bei diesem Konzert dabei, doch stimme ich Ihnen zu. Als ich den großartigen Jazz Sänger Gregory Porter zum ersten mal ohne Begleitung in der Philharmonie gehört und gesehen hatte, saß ich ziemlich weit vorne vor ihm und seiner kleinen Band. Es war einfach wunderbar. Auch akustisch. Beim zweiten Mal saß ich ganz oben rechts und fand die Akustik weniger gut. Meine Begleiterin sah es auch so.

  6. 1.

    "Gut ist, alles auch zu hören: Die Akustik ist trotz der Verstärker-Türme um Längen besser als zum Beispiel im Admiralspalast."

    Der Sound im B-Block war eine Katastrophe und während des ganzen Konzerts wanderte Publikum aus dem Saal, weil es offensichtlich nicht nur schrecklich geklungen hat, sondern jenseits der Schmerzgrenze war. Mich würde interessieren, wo Sie gesessen haben, Herr Lehmann. Ich gehe seit Jahrzehnten in Konzerte unterschiedlichster Genres und so eine akustisch lausige Vorstellung ist mir ewig nicht untergekommen, ein totales Trauerspiel - laut Aussage des an diesem Abend anwesenden Personals gehen solche Setups in der Philharmonie regelmäßig nach hinten los: schade um die Kunst, schade um das Eintrittsgeld.

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