Die Band Hot Chip bei einem Konzert (Quelle: imago-images/Jéssica Bertoni)
Audio: Inforadio | 04.12.2019 | Lennart Garbes | Bild: imago-images/Jéssica Bertoni

Konzertkritik | Hot Chip in der Columbiahalle - Dancefloor-Ekstase ganz ohne Drogen

Kommerziell erfolgreich waren sie nie so richtig. Trotzdem gelten Hot Chip als beste Elektro-Pop-Band der vergangenen 20 Jahre. Gerade live lassen sie daran kaum Zweifel. Von Lennart Garbes       

Ein Abend mit Hot Chip beginnt – wie sollte es anders sein? – elektronisch. Eine mechanische Stimme zählt einen Countdown herunter von zehn bis null. Dann kommt die Band gelassen schlendernd auf die Bühne. Für lange Zeit ist es der letzte ruhige Moment des Konzerts in der Berliner Columbiahalle.

Eine perfekt geölte Elektro-Maschine

In ihrem 20. Jahr seit der Gründung läuft Hot Chip live wie eine perfekt geölte Elektro-Maschine. Zu siebt steht die Band in ihrer Live-Besetzung auf der Bühne, ganz vorne die drei Keyboard-Synthesizer-Stationen von Sänger Alexis Taylor, Co-Frontmann Joe Goddard und Multi-Instrumentalist Owen Clarke, damit auch wirklich klar ist, auf welchen Instrumenten der Fokus liegt.

Hot Chip haben keine Startschwierigkeiten. Mit Songs wie "One Life Stand" bringt die Band das Berliner Publikum in der vollen Columbiahalle sofort zum Tanzen. Dazu gibt es eine perfekt synchronisierte Lichtshow mit vier großen LED-Platten im Bühnenhintergrund und einer Menge Stroboskop. Die Bühnenoutfits der beiden Frontmänner sind dafür, für ihre Verhältnisse, geradezu schlicht. Goddard trägt zu Beginn ein knielanges Hemd mit bunten geometrischen Formen, Taylor eine weiße Hose, die aussieht als wäre sie nicht aus ihrer Plastikverpackung genommen worden.  

Die Band Hot Chip bei einem Konzert (Quelle: imago-images/Jéssica Bertoni)
Bild: imago-images/Jéssica Bertoni

Liveauftritte als Lebensversicherung

Dass Hot Chip auch heute noch ganze Hallen mitreißen, grenzt an ein kleines Musikmärchen. Ihr Genre "Indie-Elektro-Pop" wurde eigentlich Ende der 2000er begraben. Ihre beiden erfolgreichsten Alben stammen ebenfalls aus der Zeit. Hot Chips anspruchsvoller musikalischer Mix aus Melancholie, Verspieltheit und nerdiger Sonderbarkeit hätte sich über die vergangenen zwei Jahrzehnte gut abnutzen können. Trotzdem springen Menschen auch an diesem Abend in der Columbiahalle zu Songs wie "Over and Over" genauso, als wäre es 2006.

Das liegt vor allem an Hot Chips Livesets. Im Vergleich zu ihren Alben klingt die Band live druckvoller und fokussierter auf tanzbare Musik. Dafür drehen die Frontmänner Taylor und Goddard immer wieder wie verrückte Wissenschaftler an ihren elektronischen Pulten. Goddard steppt die kompletten eineinhalb Konzertstunden von einem Bein aufs andere, und jede noch so minimalistische Geste des sonst so kontrolliert, emotionslosen Alexis Taylor verschmilzt mit seiner gefühlvoll klaren Stimme zu etwas Bedeutungsvollen.

Zeitlos, euphorische Dancefloor-Ekstase

So gelingt es Hot Chip tatsächlich, den Titel ihres neuen Albums "A Bath Full of Ecstasy" (2019) umzusetzen. Das ist nicht die Aufforderung in der Partydroge zu baden, sondern sich in politisch und ökologisch düsteren Zeiten Freiräume für gute Gedanken und Gefühle zu bewahren. Gemeinsam verlieren sich Band und Publikum bei Songs wie "Hungry Child" – auch dank des Hüftschwungs von Owen Clarke - in zeitlos-euphorischer Dancefloor-Ekstase.

Nach dem letzten Lied dreht die Band die Mikrofone zum Publikum, Joe Goddard winkt fast verlegen noch einmal ins Publikum und Alexis Taylor filmt den nicht enden wollenden Applaus mit seinem Handy. Am Ende ist das Konzert in Berlin auch für Hot Chip selbst ein wirklich besonderer Abend.

Sendung: Inforadio, 04.12.2019, 6:55 Uhr

Beitrag von Lennart Garbes

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