Sinéad O'Connor bei einem Konzert im Admiralspalast in Berlin, am 8. Dezember 2019. (Quelle: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 09.12.2019 | Steen Lorenzen | Bild: imago images/Martin Müller

Konzertkritik | Sinéad O’Connor im Admiralspalast - Eine Künstlerin ganz bei sich

Auf drei turbulente Jahrzehnte als Musikerin kann Sinéad O’Connor zurückblicken. Beim Konzert in Berlin macht sie das mit geschlossenen Augen. Über einen sehr fokussierten Auftritt der Irin und einen außergewöhnlichen Geburtstagsabend berichtet Steen Lorenzen.

Es ist ihr 53. Geburtstag, doch Sinéad O’Connor betritt die Bühne nicht mit einem eigenen Song. John Grants "Queen of Denmark" ist die erste Wahl der irischen Ausnahmekünstlerin. Ein wütender, ein befreiender Song über eine Trennung, in dem sich Verzweiflung, Abscheu, Enttäuschung und Hass abwechseln. Genau solche Achterbahnfahrten hat Sinéad O’Connor immer beherrscht – in ihren Songs und in ihrem Leben.

Lange Karriere – eine Achterbahnfahrt

Wobei einiges natürlich außer Kontrolle geraten ist. Wie hätte sie auch alle diese Kurven überstehen sollen, ohne hier und da rauszufliegen. Früh verwundet und misshandelt - zu Hause und später in der Obhut eines katholischen Internats.

Dann hat sie allen die Stirn geboten - als kämpferische Sängerin mit großer Stimme. Zum Beispiel 1992, als sie im Alter von 25 Jahren das Bild vom Papst in einer US-amerikanischen Fernsehshow zerriss. Das Thema Kindesmissbrauch in der Kirche war noch gedeckelt, die Aufregung entsprechend groß. Die Auseinandersetzungen mit den Religionen dieser Welt und vor allem ihren Institutionen ist ein Dauerthema bei Sinéad O‘Connor. Zerrissen ist auch das Verhältnis zu ihren vier Kindern. 

Singen nur mit geschlossenen Augen

Wie wichtig Musik als Gravitationsfeld für diese Künstlerin ist, sieht man ihr in jeder Sekunde des Konzertes an. Bei jedem Song, den sie an diesem Abend spielt, sind die Augen geschlossen. Der Hijab, den sie trägt, verstärkt die Wirkung ihres fokussierten Auftretens. Sínead O‘Connor zieht mit ihrer Ausstrahlung und ihrer dynamischen, kraftvollen Stimme alle Aufmerksamkeit auf sich und die fünf Musiker an ihrer Seite verschwinden fast aus dem Bild.

Nach vier Jahren Konzertpause kehrt die Irin mit einem vielseitigen Querschnitt aus ihrer 32-jährigen Karriere zurück. Leider ist kein einziger Song ihres herausragenden Debüts dabei, doch viele andere ihrer stärksten Schaffensphase bis Mitte der 1990er. Sie sind es auch, die die größten Emotionen zwischen Künstlerin und Publikum hin- und herschwappen lassen. Das erste Mal, als Sinéad O’Connor ganz allein "I’m stretched on your grave" singt. Dann wieder als sie und ihre Band "The Last Day of Our Acquaintance" und "The Emperor‘s New Clothes" miteinander verweben und es niemanden mehr auf den plüschigen Sitzen im Admiralspalast hält.

Acapella für ihre Mutter

Sinéad O’Connor öffnet an diesem Abend immer nur zwischen den Songs kurz die Augen, bedankt sich dann jedes Mal mit einem nachdrücklichen "Thank you" und macht ansonsten keine Ansagen. Mit einer Ausnahme, als sie ihren Geburtstag auf eigentümliche Weise ins Spiel bringt: "Heute ist der 8. Dezember, ein besonderer Tag für meine Mutter", sagt sie vor ihrem Acapella-Moment. Keine zynische Geste, eher eine des Verzeihens.

Die Farbe Lila

Dann ist die Bühne in Purpur getaucht. Genau in jenem lila Farbton, den die Welt für immer mit Prince ("Purple Rain") verbinden wird. Und so kommt der von ihm geschriebene Song, den Sinéad O’Connor eigentlich schon aus ihrem Leben verabschiedet hatte: "Nothing Compares 2 U".

Wie gern würden die Fans ihr genau dieses Kompliment mit auf den Weg geben. Doch nach einem Zugabenteil verschwindet ihre Heldin und kehrt auch dann nicht zurück, als die ganz hartnäckigen ein Geburtstagsständchen singen.

Sendung: Inforadio, 09.12.2019, 

Beitrag von Steen Lorenzen

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3 Kommentare

  1. 3.

    Der Song "Nothing Compares U2 " bleibt unvergesslich - als die Geschichte Prince-Hits, der zum großen Hit der irischen Sängerin wurde. Und gehört zu den meistgespielten Songs der 80er Jahre.
    Danke Sinead, danke Prince.

  2. 1.

    Es war wirklich ein großartiges Konzert!
    Sinéad O´Connors Stimme und Aura sind nach wie vor atemberaubend. ich war sehr bewegt, ebenso wie viele andere Besucherinnen und Besucher - und auch von Sinéad selbst hatte ich diesen Eindruck.

    Da während des angesprochenen Geburtstagsständchens nochmals kurz großer Jubel aufbrandete, schätze ich, dass Sinéad zumindest nochmal kurz zum Winken rausgekommen ist; da ich bereits auf dem Weg nach draußen war, weiß ich es allerdings nicht genau.

    Die Gänsehaut erzeugende Version von "Stretched on your grave" war wirklich unglaublich, die würde ich gerne in dieser Version nochmal und nochmal und nochmal hören, gerne allerdings ohne die anfänglichen bei diesem Song völlig unangebrachten Zwischenjuchzer aus dem Publikum. Auch "The last day of our aquaintance", "The emperor´s new clothes", "Nothing compares 2 U", "Three babies", gleich zu Beginn "Queen of Denmark" und insbesondere "Thank you for hearing me" haben mich sehr berührt.

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