Opernregisseur Harry Kupfer während der Pause der Fotoprobe der Händel-Oper "Poros" in einem Innenhof der Komischen Oper. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: Abendschau | 31.12.2019 | Studiogespräch mit Maria Ossowski | Bild: dpa/Soeren Stache

Nachruf auf Harry Kupfer - Preisgekrönt und doch bescheiden

Harry Kupfer ist tot. Einer war einer der bedeutendsten Opernregisseure unserer Zeit. In seiner Arbeit stellte er immer die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhang. Im Alter von 84 Jahren ist er in seiner Heimatstadt Berlin gestorben. Persönliche Erinnerungen von Maria Ossowski

"Ich muss wohl vergessen haben, alt zu werden", hat Harry Kupfer oft gesagt. Und "Ich bin nur im Theater ich selbst". Sein ganzes Leben war bezogen auf die Bühne und die Oper. Mit 16 erkrankte der Berliner Schüler für drei Tage schwer. Kupfer lag im Bett, gepackt von einem Rausch, der ihn ein Leben lang begleitet hat: Er war "Tristan und Isolde" begegnet. Richard Wagner hatte ihn mit allen Sinnen ergriffen.

Kupfers Ring in Bayreuth 1988 geriet zu einem Triumph und zu einem Abgesang auf die DDR, zu einer Parabel des Untergangs. Kupfer, inspiriert von Walter Felsenstein, hat in Leipzig, Halle, Dresden und an der Berliner Staatsoper inszeniert. Sein Haus aber war die Komische Oper, die er 21 Jahre geleitet hat.

Politische Bezüge gehörten immer zu seinen Inszenierungen

1986 hat Harry Kupfer dort zu Silvester Lehars "Lustige Witwe" als Parabel inszeniert. Diese Operette hätten sich zu Zeiten des Nationalsozialismus "die braunen Machthaber" immer zu Silvester an einem der Berliner Theater gewünscht, erklärt Kupfer: "Was umso erstaunlicher ist, bei den Textautoren, die jüdisch waren. Man hat dem Lehar das nie zum Vorwurf gemacht, man hat das Stück nie diffamiert. Wahrscheinlich wurde dieses Stück in dieser Zeit gebraucht. Und all diese Gedanken sollte man nicht verschweigen, wenn man das Stück heute noch mal macht."

Politische Bezüge, aktuelle Verweise gehörten immer zu Kupfers Inszenierungen. Abgehobene Metaebenen haben ihn nicht interessiert. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Frage: Wer befiehlt oben, wer gehorcht unten, das war ihm wichtig. "Bestimmte Spielregeln, Riten, die verändern sich zwar, aber im Grunde bleiben sie doch dieselben. Die Frage ist, wer hat die Macht? Wer die macht hat, der wird sie gebrauchen", so Kupfer: "Da steckt auch immer das liebe Geld dahinter. Und der Einsatz der Mittel ist heute nicht feiner als damals. Ich würde eher sagen, damals war er noch durch eine dicke Fettschicht von Scham überklebt. Und die fehlt heute meist noch."

Die deutsche Geschichte prägte seine Arbeit

Ob in Wien oder Salzburg, London, Moskau, Barvelona, San Francisco oder Zürich, der Regisseur war ein Weltbürger, preisgekrönt und doch bescheiden. Und extrem fleißig. 1997 erzählte er mir in einem langen Interview, er könne sich gut vorstellen, aufzuhören, in Asien zu leben oder Katzen zu züchten. 20 Jahre später traf ich ihn bei den Proben zu Beethovens "Fidelio" in der Staatsoper wieder. Und er erklärte mir: "Ich habe eigentlich jetzt erst entdeckt, dass das kein Revolutionsstück ist. Es ist ein Stück über die Menschenliebe. Natürlich, der Freiheitsbegriff und der Schrei nach Freiheit, das ist politisch alles da." Doch in diesem Stück spiele nur die "übermenschliche Menschlichkeit" der Leonore eine Rolle. 

Der Kampf zwischen Gut und Böse, aber auch das grausame Gehorchen in der deutschen Geschichte haben Kupfers Arbeiten geprägt. "Das passiert ja auf der Welt immer wieder: ‚Das war der Befehl und den haben wir auszuführen, wir sind dazu verpflichtet gewesen von Gesetz und von Verpflichtung oder vom Schwur. Darunter hat sich diese persönliche Verantwortungslosigkeit, diese Drückebergerei gedeckt", so der Regisseur.

Bei aller Liebe zur Oper, als ich Harry Kupfer fragte, welche Musik er mitnehmen wolle auf eine einsame Insel oder in die Ewigkeit, antwortete er: Bachs Matthäuspassion. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Einer der größten Opernregisseure unserer Zeit ist nicht mehr. 

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ausgezeichneter Nachruf, der die Persönlichkeit Kupfer sehr anschaulich macht.Danke!

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