Natalya Pavlova als Violetta Valery während der Fotoprobe zu La traviata in der Komischen Oper Berlin, 28. November 2019 (Bild: imago images/Martin Müller)
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Audio: ARD Audio | 02.12.2019 | Maria Ossowski | Bild: imago images/Martin Müller

Opernkritik | Verdis "La Traviata" an der Komischen Oper - Pasta, Traviata und die leiernde Leidenschaft

Schon tausendmal gehört, den Klassikschlager schlechthin: Verdis "La Traviata". Nicola Raab inszeniert diese Hitmaschine erstmals auf Italienisch an der Komischen Oper. Ein unkaputtbares Werk, das aber doch einiges einstecken muss. Von Maria Ossowski

Erinnern Sie sich noch, wie unsere Tenniskönigin Steffi Graf mal Werbung für eine Nudelfirma gemacht hat? Am Schluss des Spots kostet sie die Pasta und sagt unnachahmlich leiernd: "Das ist der Beginn einer kochenden Leidenschaft." Ihr Satz klingt so leidenschaftslos, dass er rührend wirkt. Aber egal, alle Welt liebt Graf, alle Welt liebt Nudeln, Pasta geht immer.
Genau so ist's in der Opernszene mit der Traviata.

Der Evergreen der Oper

Egal, wer sie wie inszeniert, die Welt liebt Verdi und seine Traviata, das Werk ist unkaputtbar. Es schmeckt, im übertragenen Sinne, immer. Die Melodien ergreifen, ziehen jeden rein. Selbst wenn sich die Regie, wie hier, viel Mühe gibt, metaphorisch und psychologisch, aktualisierend und dekonstruierend, intellektuell und sozialkritisch Ebenen zu verschränken und die Leidenschaft des Stückes höchstens noch im Programmheft zu behaupten. Das Trinklied ist und bleibt der Opernhit schlechthin, ebenso wie die Klage des Vaters Germont, weil sein Sohn Alfredo ein leichtes Mädchen liebt oder wie die letzten Worte der sterbenden Violetta, die Abschied nimmt von der Welt.

Gesanglich herausfordernd

Die Hauptrolle ist der Traum jeder Sopranistin des italienischen Fachs. Es gab einzigartige Violettas wie die schmerzerfüllte Callas, die hinreißend temperamentvolle Anna Netrebko in Salzburg im knallroten Kleid oder die sinnliche Sonya Yontschewa kürzlich in Dieter Dorns Berliner Staatsoperninszenierung. Auch Noëmi Nadelmann in Harry Kupfers Traumdeutung an der Komischen Oper vor mehr als 30 Jahren rührte zu Tränen. 

Die schöne, schlanke Russin Natalya Pavlova singt Violetta fein und mit grazilem Ton, ein wenig unnahbar zunächst, als Sterbende dann jedoch viel Mitleid erregend. Ihr Alfredo, einst die Paraderolle von Domingo, Pavarotti und Co, hat’s jedoch arg schwer. Ivan Magri sieht nett aus, stimmlich feiert der Tenor aber sicher bessere Vorstellungen. Vater Germont hingegen, Ensemblemitglied Günter Papendell, schleicht als schlankschwarzer Tod um die Liebenden herum und singt sich mit seinem vollen Bariton in die Herzen des Publikums, dass ihn zum Schluss mit Jubel überschüttet. Auch wenn ihm doch hin und wieder mal das Legato missglückt.

Der moderne Anstrich raubt die Leidenschaft

Misslich und fast fatal finde ich den ersten und zweiten Akt der Inszenierung der hochgelobten Regisseurin Nicola Raab. Sie setzt als Handlungsbeginn Violetta vor einen iMac. Achtung, Bezug zum Heute! Da strippt die schöne Kameliendame per GoPro-Kamera für Kunden im Netz und träumt sich in eine Welt des Fin de Siecle.

Dort, irgendwann im 19. Jahrhundert steht oder liegt sie in Reifrockkleidern oder viel Tüll, der Chor sitzt in Frack, Zylindern und vielen Pariser Klischeeklamotten vor iMacs oder auf harten Stühlen. Im Liebesnest auf dem Lande knallt plötzlich Laub aus dem Schnürboden, Violetta kramt im Satinrock à la Scarlett O'Hara in einer modernen Aktentasche und sucht zum Schluss im Besteckkoffer nach einer Spritze. Überall lauern Metaphern, auf einem Gazevorhang läuft der berühmte Kameliendamenfilm von 1936 mit der Garbo und Robert Taylor. Alles überreizt und lenkt ab von der wenig überzeugenden Personenregie.

Absolutes NoGo: die Ouvertüre aufzustückeln, zu unterbrechen, nur damit Traviata von links nach rechts laufen und den iMac anmachen kann. Hallo, wir sind hier nicht im Seminar für verunglückte Theaterregie, sondern einer Oper voller Leidenschaft! Die kann man nicht behaupten, wie Steffi Graf in ihrer Nudelwerbung. Die muss leben und lieben und leiden, sonst schmeckt sie fade wie abgestandenes Nudelwasser.

Beitrag von Maria Ossowski

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