Die kanadische Sängerin Peaches tritt beim International Music Award (IMA) Ende November 2019 in Berlin auf (Quelle: Reuters/Fabrizio Bensch)
Audio: Radioeins | 27.12.2019 | Peaches im Interview | Bild: Reuters/Fabrizio Bensch

Konzertkritik | Peaches in der Volksbühne - Tanzende Vulven und ein Laserpointer im Po

Seit 20 Jahren spielt die gebürtige Kanadierin Peaches lustvoll alle Varianten des Begehrens durch. Ihre sex-positiven Elektropunk-Shows bringt sie mit einem viertägigen Happening in ihrer Heimatstadt auf den Punkt. Ein Kulminationspunkt, findet Steen Lorenzen

So feiert Peaches also ihre mittlerweile zwei Jahrzehnte andauernde Karriere in ihrer Heimatstadt: Sie überlässt für die ersten beiden Songs den anderen das Rampenlicht. Den fast 40 Akteuren, den vielen Musikerinnen und Tänzerinnen und Sängerin Anita Drink, die mit wilder grauer Punk-Frisur und bunten Leggings die drei Laufstege testet. Erst dann betritt Peaches in Yeti-ähnlicher Gestalt die Bühne - umgeben von einer Gasmasken tragenden Tanzgruppe.

Ohne Scham, mit Schambehaarung

Als Peaches vor 20 Jahren ihre Bühnenfigur entwickelte, sahen ihre Shows vergleichsweise minimalistisch aus. Mit einem Mikrofon und wenigen elektronischen Geräten ausgestattet, war die gebürtige Kanadierin zum Beispiel im Vorprogramm von Björk zu sehen. Ihr bis heute aktuelles Themenfeld hatte sie schon damals abgesteckt: Gängige Körperideale und Geschlechterklischees nicht akzeptieren, lustvoll die Grenzen heterosexueller Normen unterwandern und überschreiten. Ohne Scham, dafür gern mit Schambehaarung Sex und Sexualität auf die Bühne bringen.

Viele Jahre ging es bei den Shows der Kanadierin darum, ein Maximum an Energie mit einem Minimum an Produktionsaufwand rüberzubringen. Doch Peaches kann mittlerweile die entsprechenden Register ziehen und Geldtöpfe anzapfen, um eine spektakuläre Inszenierung auf die Beine zu stellen.

Die Mission von Peaches, jede und jeder möge Sex und Sexualität nach Lust und Laune leben, wird nun also in großer Gemeinschaft gefeiert. Dabei geht es genauso glanzvoll wie derbe auf der Bühne zu: Wenn sich die ausgesprochen diversen Tanzgruppen neben der meist halbnackten Peaches formieren, räkeln, aneinander reiben und auseinander treiben, wenn Peaches von tanzenden Vulven flankiert wird oder ihre Rapunzel-Perücken wie Lassos Richtung Fans auswirft, wenn Tänzer durch riesige aufblasbare Kondome über dem Publikum hinweg laufen oder die herausragende Trapez-Akrobatin Empress Stah mit Laserpointer im Po für eine außerordentliche Lichtshow sorgt.

Schütteln, was man hat

Die Aneinanderreihung von Showeinlagen drängt erstaunlicherweise die Musik nicht in den Hintergrund. Peaches singt und rapt ihre befreienden Statements zu wummernden Elektrosounds oder knalligen Punk-Hymnen und wertet manche Songs aus den vergangen 20 Jahren auf, indem sie die großartige und vielköpfige Bühnenband zur Entfaltung kommen lässt. Überraschende, neue Versionen entstehen vor allem durch die Bläser, wenn etwa die Tuba den stampfenden Techno-Bass übernimmt oder der Song "Close Up" den Anstrich einer Marchingband aus New Orleans bekommt.

Während Peaches den Abend bescheiden begonnen hat, nimmt sie während des Konzerts dann doch einen Diva-Moment für sich in Anspruch und lässt sich in ihrer Heimatstadt Berlin feiern. So richtig losgelöst ist die Feier aber nur in den ersten Reihen, in denen getanzt wird. Mit dem Sitzpublikum hadert Peaches indes. Es möge bitte auch schütteln, was es zu schütteln gibt. Erst im Zugabenteil holt sie schließlich auch die passiven Genießer aus den Sesseln.

Sendung: Radioeins, 29.12.2019, 9 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Allein, dass die Frau mit ihrer Kunst es schafft, viermal hintereinander die Volksbühne voll zu machen, sollte doch Beweis genug sein, dass sie einen Nerv trifft und Interesse auf sich zieht.

  2. 8.

    Jeder darf moegen oder nicht moegen was er will - so lange es niemandem schadet. Spiessig wird es erst, wenn man anderen Dinge nicht goennt, nur weil man sie selbst nicht mag, oder nicht zu moegen wagt.

  3. 7.

    Wichtig ist doch nur, daß der Laserpointer den vorgeschriebenen Leistungsgrenzwert nicht überschreitet.

  4. 6.

    Dann ist es ja hier genau richtig. Wer es nicht mag, gilt schnell als Spießer, siehe Kommentar von "Frank" um 14.27 h. Ich geh jetzt mal schnell meinen Laserpointer suchen, für die Silvesterparty;-)

  5. 5.

    Ich finde es gut, dass man sich hier dann doch für Laserpointer entschieden hat. Eigentlich wollte man ja mit Kakteen arbeiten. Kunst sollte auch Grenzen kennen. Ich hoffe der RBB adaptiert die Show für das Nachmittagsprogramm

  6. 4.

    Lach
    Sehr geehrter Herr Wilhelm, lassen Sie sich von eventuell eigenen Empfindungen von Scham und eventuell vorhandener Prüderie doch nicht ihr Urteil diktiieren. Alleine die Tatsache, dass man eine Öffentlich-Rechtliche Nachrichtenseite aufruft und dort dann eine Überschrift erblickt, die wie folgt lautet: Tanzende Vulven und ein Laserpointer im Po, ist doch bemerkenswert. Nennt sich scheinbar Kunst. Und was jetzt Kunst ist, lässt sich ja nicht übergreifend anhand objektiver Kriterien definieren.

    Hart Abrofl

    Ich habe hier schon einen Kommentar verfasst zu diesem Beitrag, der aber nicht freigeschaltet wurde. Allerdings dürfte der gegen keinerlei Regeln verstoßen, daher wäre es toll wenn man den auch noch freischalten würde.

    Grüße
    Ihr Wax Derner

  7. 3.

    Und wieso ham Se denn druffjeklickt, Hr Wilhelm?? Mich jedenfalls interessiert der Beitrag und es freut mich, dass solche Freiheit noch moeglich ist in der neuen Spiessigkeit des 21. Jahrhunderts - einer unschoenen Mischung aus alten Zoepfen, jungem Body-Shaming und mittelalter Political Correctness.

  8. 2.

    Wenn sich diese Frauen im nackten Zustand, aus freiem Willen mit künstlerischen Ambitionen Laserpointer in ihre Körperöffnungen einführen und anschließend Tanzchoerografien inszenieren, wäre diese Formation dann eine Alternative für bsp. das zentrale Silvesterfeuerwerk in Berlin ?

  9. 1.

    Wer sich für so etwas interessiert, okay! Aber ich bin der Überzeugung, dass es hier die wenigsten Leser betreffen.

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