Schauspieler Henriette Richter Roehl als Kyra Hollis, Dominic Raacke als Tom Sergeant, am 28.11.2019 bei der Fotoprobe zum Theaterstueck "Skylight" im Schiller Theater (Bild: imago images)
Audio: Inforadio | 02.12.2019 | Ute Büsing | Bild: imago images

Theaterkritik | "Skylight" im Schiller Theater - Ein angenehm wohltemperiertes Beziehungsgeflecht

Es läuft gut für die Berliner Komödie am Kurfürstendamm in ihrer Ausweichspielstätte, dem Schiller Theater. Auch das Sprechtheaterstück "Skylight" aus der Feder des preisgekrönten Briten David Hare ist intelligenter, moderner Boulevard. Von Ute Büsing

Auf den ersten Blick wirkt das, worin Kyra haust, wie ein luftiges Loft mit Aussicht. Bei näherer Prüfung entpuppt es sich aber als extrem spartanisch eingerichtete Kältekammer. Will sich da eine selbst geißeln? Auf diese Idee kommt jedenfalls Tom, ihr früherer Liebhaber aus der Welt der Reichen, Schönen, Trendbewussten, der mit dem ersten Schnee hereinschneit. Dabei hat dieser emotional erkaltete coole Macker ihre Wärmeströme bitter nötig. Dass Kyra erstmal in Theaterechtzeit Spaghetti kocht, ist ein schönes Bild dafür.

Schauspielerin Henriette Richter Roehl als Kyra Hollis bei der Fotoprobe zum Theaterstueck "Skylight" im Schiller Theater (Bild: imago images)
| Bild: imago images

Realistisches Kammerspiel im Wohnzimmerformat

"Skylight" wurde mit etlichen Tony Awards ausgezeichnet. David Hare erzählt in dem intensiven Konversationsdrama so sensibel wie elegant vom Geschlechter- und Kulturkampf im Wohnzimmerformat. Darin ist der Brite der Französin Yasmina Reza nicht unähnlich. Anders als sie stellt er seine Menschen aber in diesem realistischen Kammerspiel nicht bloß, seziert sie nicht bis aufs Messer, sondern folgt mit großer Empathie ihren Sorgen und Nöten. David Hares Stücke laufen erfolgreich im Londoner West End und am New Yorker Broadway. Seine Drehbücher für "The Hours" und "Der Vorleser" waren Oscar-nominiert.

Zusammenprall zweier Lebenswelten

Kyra ist bewusst aus der Ersatzfamilie ausgebrochen, die Tom, seine Frau und deren zwei Kinder ihr fast ein Jahrzehnt lang boten. Für sechs Jahre verband sie eine streng geheime leidenschaftliche Liebesbeziehung mit dem 20 Jahre älteren Restaurantbesitzer, dessen Laden sie schmiss. Bis die Ehefrau dahinter kam, dahinter kommen sollte, wie Kyra mutmaßt, und sie die Flucht ergriff. Jetzt engagiert sie sich als Lehrerin für unterprivilegierte Kinder. Nachdem seine Frau qualvoll in einem Zimmer mit dem titelgebenden "Skylight", also Dachfenster, an Krebs gestorben ist, versucht Tom nun, Kyra in sein Leben zurückzuholen.

Dominic Raacke und Henriette Richter-Röhl bei der Fotoprobe des Theaterstücks Skylight in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater.

Wiedersehen mit Dominic Raacke

Dominic Raacke, vielen noch als Berliner Tatortkommissar in Erinnerung, stattet den Business-Man mit der arroganten Selbstgewissheit der schnöden Geschäftswelt aus. Gleichzeitig lässt er unter der rauen Schale stets den weichen Kern dieses eigentlich in seinen Grundfesten erschütterten leidgeprüften Witwers durchscheinen. Schon als Dominic Raacke das erste Mal auf der Komödienbühne stand, überzeugte er. Das war noch im alten Theater am Kurfürstendamm in der Beziehungskomödie "Die Niere". Raacke gegenüber gibt die bisher als Seriendarstellerin in Erscheinung getretene Henriette Richter-Röhl in ihrem Theaterdebüt eine burschikose, schnoddrig-zielstrebige junge Frau, die sich ihrem neuen Lebensentwurf mit fast religiösem Eifer verschrieben hat.

Behutsam inszeniert

Über zwei Stunden schaut das Publikum in Tobias Wellemeyers behutsamer Inszenierung gebannt zu, wie die beiden versuchen, eine neue Wahrheit zu erstreiten und durch die Wiederbelebung ihrer körperlichen Beziehung an die großen Gefühle von einst anzuknüpfen. Es entsteht ein im Grundton angenehm wohltemperiertes Geflecht zwischen Distanz und Nähe, Zurückweisung und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Louis Held rahmt als Toms rührend um beide besorgter Sohn Edward dieses Miniaturdrama um Menschen von nebenan. So geht intelligenter moderner Boulevard, der das riesige Sprechtheater Schiller mit schnörkelloser Schönheit zu füllen vermag.

Beitrag von Ute Büsing

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