Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Gerrit Jansen, Stefanie Reinsperger, Barbara Schnitzler, Andreas Döhler (Quelle: Matthias Horn)
Bild: Matthias Horn

Theaterkritik | "Glaube und Heimat" im BE - "Vater, es kommt kein Trost"

Vertreibung und Verfolgung von Christen durch Christen: Michael Thalheimer inszeniert am Berliner Ensemble ein düsteres Stück von Karl Schönherr - und lässt Andreas Döhler und Stefanie Reinsperger in einem Moment besonderer Zartheit strahlen. Von Fabian Wallmeier

Nebel macht sich breit auf der Bühne des Berliner Ensembles, als sich der schwarze Vorhang hebt und den Blick auf das spärlich beleuchtete Bühnenbild freigibt. Ein riesiger, mit stumpf gewordenen Metallplatten beschlagener Quader steht im Zentrum. Sein Drehen trennt die Szenen voneinander - und seine monolithische Präsenz gibt zusammen mit dem donnernden Elektro-Score von Anfang an vor: Hier gibt es kein Entrinnen.

Karl Schönherrs "Glaube und Heimat", uraufgeführt 1910 in Wien, handelt von der Vertreibung evangelischer Christen durch die Obrigkeit der Katholiken, angelehnt an historische Ereignisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zillertal. Im Mittelpunkt stehen Christoph Rott (Andreas Döhler), mit seinem Sohn (Laura Balzer), "Spatz" genannt, seiner Frau (Stefanie Reinsperger) und seinem siechen Vater (Josefine Platt). Der Abend beginnt in Michael Thalheimers Inszenierung mit einem Schrei. Der alte Rott leidet unter Wassersucht, eine schmerzhafte Punktion soll ihm Linderung bringen. Doch Linderung wird es für ihn nicht mehr geben. Der Tod ist für ihn unentrinnbar - und Josefine Platt spielt das mit bedrückender Intensität.

Der Reiter bringt das Verderben

Thalheimer ist kein Mann leichter Stoffe und leichtfüßiger Inszenierungen. Das zeigt sich auch hier wieder in aller Konsequenz. Zügig und unerbittlich peitscht der Score voran, dreht sich der Quader weiter, nimmt das Verderben seinen Lauf.

Rott wagt sich aus der Deckung, er steht zu seinem Glauben, koste es, was es wolle. Dabei findet er in der Bibel keinen Halt. "Vater, es kommt kein Trost", stellt er resigniert fest, als er daraus vorliest. Trotzdem bekennt Rott sich schließlich zum Protestantismus, als die katholischen Häscher kommen. Sie tauchen bei Thalheimer nur in Gestalt eines einzigen Mannes auf: eines Reiters (Ingo Hülsmann), der die Nachbarin der Rotts massakriert und die Protestanten dazu auffordert, vom Glauben abzuschwören.

Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Andreas Döhler, Tilo Nest, Stefanie Reinsperger, Martin Rentzsch, Kathrin Wehlisch (Quelle: Matthias Horn)

Glaube und Heimat? Allenfalls Glaube oder Heimat

Schönherrs Titel klingt nach Idyll, ist aber letztlich ausgesprochen brutal. Denn für viele Figuren im Stück ist es ausgeschlossen, beides zu bekommen: sowohl ihren Glauben als auch ihre Heimat. Sie müssen sich für eins entscheiden. Die Flucht aus der Heimat ist dann der letzte Ausweg.

In der anrührendsten Szene des Abends nehmen Rott und seine Frau Abschied vorerst Abschied voneinander. "Lieber Christoph, hat's müssen so kommen", sagt sie zu ihm - und kennt die Antwort. Seine Glaubensprinzipien wird Rott nicht opfern. Sie berühren einander ganz vorsichtig - innig zwar, aber trotzdem linkisch, täppisch, angefremdelt von der Schwere, die plötzlich so absolut auf ihnen lastet. Thalheimer lässt Döhler und Reinsperger in all dem voranschreitenden Elend hier die Zeit, um diesen einen Moment der Zartheit zum Strahlen bringen zu können, wie es auf so unverwechselbare Art nur zwei so Ausnahmeschauspieler wie diese beiden können.

Mundart ohne Mundart

Schönherrs Text ist eng an die Mundart angelegt. Thalheimer hat ihn nicht ins Hochdeutsche übertragen, lässt ihm seine Eigentümlichkeiten und seine für heutige Berliner Ohren seltsam verschraubte Satzstellung. "Hab I da vorn an' Fensterstock, dass du mir einisiehst", fragt der alte Rott zum Beispiel einmal. Die Schauspielerinnen und Schauspieler versuchen sich dann auch gottlob nicht darin, Österreichisch zu sprechen. Josefine Platt etwa treibt der Mundart alles Mundartliche aus, indem sie die mundartlichen Versatzstücke hochdeutsch überakzentuiert. Das stellt in seiner Künstlichkeit zum einen eine gewisse Distanz her, zum anderen gewinnt der Text dadurch eine Dringlichkeit, die über seine zeitliche und räumliche Verortung hinausweist.

Nach gut anderthalb Stunden steht der Quader still. Schönherrs finalen Dreh ins Messiashafte muss man nicht mögen. Da reicht Rott dem Reiter die Hand und seine Frau attestiert ihm seine Übermenschlichkeit. Doch die Thalheimersche Kühle spielt da zum Glück nicht mit. Denn so eisig wie Döhler hier die Hand ausstreckt, so müde und zögerlich wie Hülsmann sie kurz ergreift und so zögerlich wie Reinsperger den letzten Satz spricht, ist Schönherrs Schluss schon fast in sein Gegenteil gekehrt.

Sendung: rbb Kultur, 06.12.2019, 6.00 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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