Die Anderen" Regie: Anne-Cécile Vandalem (Quelle: Schaubühne/Arno Declair)
Bild: Schaubühne/Arno Declair

Theaterkritik | "Die Anderen" an der Schaubühne - Schauergroteske im Dämmerlicht

Die belgische Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem inszeniert erstmals in Berlin: Am Samstag hat die Groteske "Die Anderen" an der Schaubühne Premiere gefeiert. Fabian Wallmeier hat einen unterhaltsamen Abend bei spärlicher Beleuchtung erlebt.

Mit festem Blick schaut Alda (Jule Böwe) von der Leinwand über der Bühne in die Weite des Zuschauerraums. Sie sitzt am Steuer eines Autos. Dann rumst und wackelt es. Sie hat jemanden überfahren - und macht nicht gerade den Eindruck, als wäre das gegen ihren Willen geschehen. In der nächsten Szene schleift sie ihn in einem Schlafsack in das verlassene Hotel, das sie mit ihrem Mann René (Kay Bartholomäus Schulze) betreibt. Warum er denn das Licht am Auto nicht repariert habe, motzt sie mit dem unverkennbaren abgeklärten Jule-Böwe-Kieksen in der Stimme.

"Die Hölle, das sind die anderen"

Ulysses (Bernardo Alias Porras), der junge Mann, den sie überfahren hat, wacht schließlich auf, wird im Hotel einquartiert und von Alda über Wochen aufgepäppelt. Er trifft nach und nach auf die anderen wenigen Bewohner des Dorfes, mit dem und mit denen irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. In Andeutungen erfährt er - und mit ihm die Zuschauer dieser Uraufführung von Anne-Cécile Vandalems "Die Anderen" an der Berliner Schaubühne: Vor einiger Zeit ist hier etwas passiert, das alle nur "die Sache" nennen. In Andeutungen besprechen sie diese "Sache" unter anderem im Rathaus, wo Owen (Felix Römer) - zwei Semester psychiatrische Medizin - eine Therapie-Couch ins Amtszimmer gestellt hat.

 "Die Hölle, das sind die anderen" heißt einer der bekanntesten Sätze von Jean-Paul Sartre. Auch hier findet er einen Nachhall: Die Dorfbewohner sind so sehr damit beschäftigt, die Hölle in "den Anderen", "den Ausländern" zu sehen, dass sie nicht merken (oder kräftig verdrängen), dass in Wirklichkeit sie selbst die Hölle sind. Daran lässt, was nach und nach zu Tage tritt, nicht den geringsten Zweifel. Was genau passiert ist, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Wer diesen Abend gesehen hat, wird nie wieder unschuldig das Kinderlied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" singen können.

"Die Anderen" Regie: Anne-Cécile Vandalem (Quelle: Schaubühne/Arno Declair)
Bild: Schaubühne/Arno Declair

Das Rätsel schlägt des Rätsels Lösung

Auf der Drehbühne (Karolien de Schepper, Christophe Engels) steht ein Haus, das das ganze Dorf mit seinen grotesken Bewohnern abbildet: Es dient sowohl als Hotel als auch als Rathaus und als die schmale Wohnung der übergriffigen Marge (Ensemble-Rückkehrerin Stephanie Eidt), die am Verschwinden ihres Mannes Schaden genommen hat. Wie schon in "Tristesses" und "Arctique", mit denen die Belgierin Vandalem 2017 beziehungsweise im März dieses Jahres beim FIND-Festival an der Schaubühne gastierte, ist die Bühne dazu nur spärlich beleuchtet. Viele Szenen spielen im Halbdunkel und der Nebel, der schon zu Beginn durch den Saal wabert, tut sein Übriges.

Das Dämmerlicht, das ständige Rauschen des Regens und der düstere Score von Pierre Kissling geben der Inszenierung eine Schläfrigkeit, die mit dem Text, der sich auf dem Papier streckenweise fast wie eine Boulevardkomödie liest, eine verblüffende Symbiose eingeht: Wie in Trance wirken die acht durchweg präzisen Darstellerinnen und Darsteller, auch wenn sie sich die giftigsten, komischsten Sätze um die Ohren hauen. Gleichzeitig wird der ausgetüftelte, lustvoll ins Makabre überdrehte Plot, auf diese Weise so angenehm abgedämpft, dass letztlich vor allem das Rätsel in Erinnerung bleibt und nicht des Rätsels Lösung. Das allerdings erweist sich nicht nur als gekonnter Kniff, sondern auch als gnädiger Effekt. Denn nicht alles, was beim ersten Sehen so amüsant und verblüffend an den Zuschauenden vorbeizieht, dürfte auch einem genaueren Logiktest standhalten.

Die Anderen" Regie: Anne-Cécile Vandalem (Quelle: Schaubühne/Arno Declair)
Bild: Schaubühne/Arno Declair

Endzeitszenario in der nahen Zukunft

Wie schon "Arctique" ist auch Vandalems Berliner Regiedebüt "Die Anderen" in der nahen Zukunft angesiedelt. Hier wie dort ist es eine Zukunft, die nichts strahlend Futuristisches an sich hat, keinen technologischen Fortschritt markiert und erst recht keinen gesellschaftlichen. Vielmehr lässt Vandalem Endzeitszenarien in der Abgeschiedenheit entstehen. In "Arctique" war es ein heruntergekommenes Kreuzfahrtschiff, auf dem nach zunächst nicht näher bekannten katastrophalen Ereignissen einige Menschen durch das schmelzende Polareis schippern. In "Die Anderen" ist es nun das abgelegene Dorf, in dem es seit acht Monaten ohne Pause regnet.

Restriktive Bestimmungen, die an die europäische Flüchtlingspolitik von heute anknüpfen, haben ein Klima entstehen lassen, in dem alle, die nicht aus dem Dorf stammen oder gar aus dem Ausland, eine Bedrohung darstellen, illegal und unerwünscht sind. Auch dem "Ausländer" Ulysses begegnen sie mal oberflächlich freundlich, mal rätselhaft, mal misstrauisch, aber zunehmend offen feindselig.

Die Hölle kann auch ein Ohrwurm sein

Doch bei allem Politischen, das mitschwingt oder offen thematisiert wird: "Die Anderen" ist nicht in erster Linie als theatraler Kommentar zur Gegenwart. Der Abend funktioniert vielmehr vor allem als gut gemachte, trotz der Dämpfung durch das Dämmerlicht sehr unterhaltsame Schauergroteske.

Nach knapp zweieinviertel Stunden sitzt Jule Böses Alda wieder am Steuer - und es ist offensichtlich: "Die Sache" ist im Dorf noch lange nicht abgeschlossen. Der Theaterabend dagegen ist vorbei - und mit wohligem Grusel ertappt man sich dabei, wie man "Fuchs du hast die Gans gestohlen" pfeifend den Ku'damm herunter schlendert. Die Hölle, das sind nicht immer die anderen - manchmal bahnt sie sich auch durch einen vermeintlich harmlosen Ohrwurm ihren Weg in die Welt.

mehr von der Schaubühne

Archivbild: Herbert Fritsch am 03.05.2016 in Berlin während einer Pressekonferenz. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
dpa/Soeren Stache

"Amphitryon" letzte Arbeit - Regisseur Herbert Fritsch verlässt Berliner Schaubühne

Von Fabian Wallmeier

Sendung: Inforadio, 01.12.2019, 09:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Publikum steht in der Schlange vor dem Eingang ins Berghain (Quelle: imago images/Roland Owsnitzki)
imago images/Roland Owsnitzki

Berliner Techno-Club Berghain - 15 Jahre Schlange stehen

Für knallharte Eingangskontrollen draußen und wilde Orgien drinnen ist das Berghain bekannt. Jetzt feiert die Berliner Techno-Institution, die regelmäßig wegen Eskapaden oder Drogen in die Medien gerät, seinen 15. Geburtstag.