Marie Kogge musiziert mit zwei Kindern (Quelle: Christophe Gateau)
Video: Abendschau | 14.12.2019 | Bild: Christophe Gateau

Hauskonzerte zum Jubiläums-Jahr 2020 - Fit genug für Beethoven

Das Beethoven-Jahr 2020 wird an diesem Wochenende unter anderem mit Hauskonzerten in Potsdam eingeläutet. Mit dabei ist auch der Verein MitMachMusik: Hier können geflüchtete Kinder Instrumente lernen. Von Sarah Seidl

Freitag, später Nachmittag. Der Raum im Obergeschoss des Alten Rathauses in Potsdam füllt sich. Junge Menschen im Alter von elf bis 17 Jahren legen ihre Jacken ab, packen Instrumente aus und nehmen im Stuhlkreis Platz. Mittendrin steht Marie Kogge, die Leiterin des Potsdamer Orchesters MitMachMusik. Mit der Geige in der Hand und einem strahlenden Lächeln begrüßt sie die Teilnehmer. Heute steht Beethoven auf dem Probenplan. Ein Mädchen stimmt bereits ein Lied des berühmten Komponisten an. "Zara hat sich in ein Beethoven-Stück verliebt. Das kennt ihr vielleicht", sagt Marie Kogge lachend.

Musik als Dolmetscherin und Brücke zwischen Kulturen

Zara, ein Mädchen aus Afghanistan, ist Geigenschülerin bei Marie Kogge. Die beiden haben sich vor vier Jahren im Flüchtlingsheim auf dem Potsdamer Brauhausberg kennengelernt. Dort hat Marie Kogge Musik zum Mitmachen für die Kinder der geflüchteten Familien angeboten. Dabei wurde der Ex-Plenarsaal des alten Landtages zum Musikraum, erzählt Kogge. "Ich habe das komplett ohne Instrumente gemacht, nur mit bunten Tüchern, die man in die Luft warf oder im Rhythmus schwenkte oder zusammenknüllte und sich zuwarf. Und das zu bestimmter Musik. Auch zu Musik aus den Herkunftsländern."

Musik als Dolmetscherin und Brücke zwischen den Kulturen - mit dieser Idee hat Marie Kogge im April 2016 den Verein MitMachMusik gegründet. Unterstützung bekommt sie von Musikerkolleginnen und -kollegen. Manche von ihnen sind selbst Geflüchtete. Auch Pamela Rosenberg, die ehemalige Intendantin der Berliner Philharmoniker, setzte sich von Anfang an für das Projekt ein. "Pamela Rosenberg hat es so wunderbar formuliert. Sie hat gesagt: 'Die Kinder kommen hier an und sind sprachlos. Wir geben ihnen eine Stimme durch ihr eigenes Tun.' Das war der Geist der ersten Stunde und er ist es auch immer noch", sagt Marie Kogge.

"Jeder Mensch ist was Besonderes"

Einige Kinder von damals, wie Zara, sind heute noch dabei. Sie sprechen mittlerweile so gut wie akzentfrei Deutsch und sind musikalisch fit genug für Beethoven. Für das bevorstehende Konzert anlässlich des Beethoven-Jahres hat Marie Kogge eine Sonatine arrangiert und den Kindern erzählt, dass sich der berühmte Komponist für Freiheit und Gleichheit eingesetzt hat. Zara findet es richtig, dass sich Beethoven vor keinem König oder Fürst verbeugen wollte. "Jeder Mensch ist was Besonderes. Es ist egal, ob man schwarz, weiß, reich, arm ist – wir sind alle Menschen. Egal, ob das ein König ist und Beethoven einfach Beethoven, dann ist er auch gleich. Weil der König hat zehn Finger und Beethoven auch. Von daher sind die gleich."

Als freies Musikangebot für geflüchtete Kinder hat MitMachMusik angefangen und funktioniert heute wie eine Musikschule: Dass die Kinder ihr Instrument mit nach Hause nehmen können, ist für sie etwas ganz Besonderes, weiß Marie Kogge. "In der Anfangsphase ist so gut wie nichts kaputt gegangen. Erstaunlich. Die Kinder waren so ehrfürchtig mit diesen Instrumenten", so Kogge. Obwohl sie fast keinen Platz in den winzigen Zimmern auf dem Brauhausberg hatten, seien ihnen die Instrumente so kostbar gewesen. "Sie haben ganz toll Acht gegeben darauf."

Der Verein MitMachMusik bei einer Probe (Quelle: Hiba Obaid)Die Proben finden im Alten Rathaus in Potsdam statt.

Verein finanziert sich durch Spenden

Die Kosten für Instrumente und Unterricht muss der Verein durch Spenden finanzieren. Das ist eine echte Herausforderung für das Team. 35 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten bei MitMachMusik, und das nicht mehr nur in Potsdam, sondern auch in Berlin-Dahlem, Hellersdorf und Spandau. Marie Kogge gesteht, dass sie manchmal schlaflose Nächte hat beim Gedanken an ihr erfolgreiches, wachsendes Projekt.

Auch manche Kinder machen ihr Sorgen. So darf ein Mädchen aus einer muslimischen Familie nicht mehr zum Unterricht kommen. Überhaupt wünsche sich Marie Kogge mehr Verständnis und Unterstützung der Eltern für das, was die Kinder bei MitMachMusik geboten bekommen. "Die finden das lustig und die denken, das kann doch kein Unterricht sein. Da war man teilweise in Syrien echt was anderes gewohnt. Viel strenger. Es war einfach eine Ansage: So wird es gemacht. Zack." Da lernt die eine Kultur die andere kennen. Und Beethoven trifft auf arabische und persische Musik.

Sendung: rbbKultur, 13.12.2019, 17:10 Uhr

Beitrag von Sarah Seidl

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