Collage: Neben einem Telefon ist der Kopf der Philosophin Hannah Arendt abgebildet (Bild: dpa/Matthias Balk/Heirler)
Audio: Inforadio | 24.01.2020 | Cora Knoblauch | Bild: dpa/Matthias Balk/Heirler

Ausstellung | Audio-Performance in den Sophiensälen - Vom Glück, gemeinsam zu philosophieren

Einmal mit Hannah Arendt oder Karl Jaspers sprechen? Die "Philosophiermaschine" soll das möglich machen. In einer Audio-Performance in den Sophiensälen werden tote Philosophen zum Leben erweckt. Von Cora Knoblauch

"Guten Tag. Herzlich Willkommen in der Philosophiermaschine. Wir sind eine kollektive, künstliche Intelligenz", begrüßen die etwas zerhackt klingenden Stimmen von Hannah Arendt und Karl Jaspers. An dieser "Philosophiestunde" in den Berliner Sophiensälen nehmen am Donnerstag etwa 15 Menschen teil: Sie sitzen verteilt an zwei Tischen, jeder platziert vor einem Telefon mit Kopfhörern und einem Holzkästchen gefüllt mit Papier, Bleistift und Traubenzucker. Der Philosoph Karl Jaspers und die Philosophin Hannah Arendt navigieren die Zuhörer durch eine Stunde mit Gedankenspielen, Fragen und Antworten, denn wie Jaspers gleich zu Beginn feststellt: "Jeder Mensch ist Philosoph."

Fragen stellen an die großen Denker

Programmiert worden ist diese künstliche Intelligenz von dem Performance-Kollektiv Interrobang. Aus vielen Stunden Interview-Archivmaterial der Philosophen Karl Jaspers und Hannah Arendt hat Interrobang ein Gespräch der beiden montiert. ein Gespräch mit den Zuhörern. Über die Tasten auf dem Telefon bestimmt jeder Zuhörer den Gesprächsverlauf selbst, gestaltet sich seine eigene Philosophiestunde. Möchte man über Rechtsextremismus nachdenken? Oder die Klimakrise? Oder lieber einen eigenen Gedanken, eine eigene Frage formulieren?

Auf den bereitgestellten Zetteln darf gezeichnet, geklebt und geschrieben werden; anschließend darf, wer möchte, seine Gedanken auf eine Art Wäscheleine im Raum hängen. Dabei entsteht ein beinahe intimer Dialog zwischen den Performance-Teilnehmern. Anonym beantworten wir uns gegenseitig Fragen oder schenken einer Person der Wahl einen unserer Gedankenzettel. Zwar arbeitet, denkt und schreibt jeder für sich, durch die konstante Interaktion mit den Gedanken der anderen aber entsteht eine Art kollektives Nachdenken: über sich und den Zustand der Welt.

Ein Plädoyer für mehr Philosophie

Die Philosophiermaschine bietet stets Antworten nach dem Multiple-Choice-System: "Möchtest Du weiter über Grenzsituationen nachdenken? Dann drücke die Eins. Oder lieber über Klimapolitik? Dann drücke die Zwei." So trifft der Zuhörer während dieser intensiven Stunde Philosophen wie Jeanne Hersch, Ernst Bloch und Rudolf Bahro, lauscht deren Ausführungen über Studentenproteste und die ökologische Krise der 80er Jahre und muss feststellen: Diese toten Philosophen haben immer noch aktuelle Antworten auf drängende Fragen von heute.

Mindestens eine weitere Erkenntnis bleibt: Wie schön wäre mehr Philosophie im Alltag! Sei es nur eine Stunde dann und wann mit Zettel und Stift und der Muße, ein paar Gedanken zu formulieren, eine Frage vielleicht oder gar eine neue Utopie.

Beitrag von Cora Knoblauch

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