Auschwitz steht an dem Mahnmal Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald (Quelle: imago images/Markus Heine).
Audio: rbb Kultur | 27.01.2020 | Maria Ossowski | Bild: imago images/Markus Heine

Autorin Mirna Funk zum Holocaust-Gedenktag - Wenn Bilder einen nicht mehr loslassen

Die Journalistin Mirna Funk ist Jüdin in der dritten Generation nach der Shoa. Spätestens als Schülerin hat sie sich mit der Geschichte der Konzentrationslager befassen müssen. Und sie hat daraus Lehren für den heutigen Umgang mit dem Holocaust gezogen. Von Maria Ossowski

Die Schriftstellerin Mirna Funk lebt mit ihrer Tochter in Berlins Mitte, in der Nähe der Synagoge in der Oranienburger Straße. Regelmäßig pendelt sie zwischen Tel Aviv und Berlin. Die 38-Jährige schreibt Essays und Kolumnen über Themen wie Mode, Geschichte sowie Philosophie und veröffentlicht diese unter anderen in der Zeitschrift "Vogue". Als Jüdin der Dritten Generation nach der Shoah schreibt sie aber auch über das jüdische Leben der Gegenwart. Ihr Debütroman "Winternähe" ist preisgekrönt.

Den Holocaust sieht Mirna Funk als Teil einer langen jüdischen Verfolgungsgeschichte: "Jedes Fest in der jüdischen Religion ist das Erinnern an ein Ereignis. Meistens ist es so: 'Sie haben versucht uns zu töten, wir haben überlebt, lasst uns essen'", sagt Funk.

Ein KZ-Besuch kann schwer traumatisieren

Mit 14 Jahren hat Funk das erste Mal das Konzentrationslager Auschwitz besucht. An alle Einzelheiten kann sie sich nicht mehr erinnern, wohl aber an den Gesamteindruck und an die Fragen, die sich aus solch einem Besuch ergeben. "Aufgrund meiner Erfahrung glaube ich, dass es eine große Erwartung ist, dass Menschen aus einem KZ rausgehen und das verstehen, von dem man meint, das müsste verstanden werden."

Diese Orte der Erinnerung seien schwer traumatisierend und man könne nicht erwarten, dass man eine Gruppe Jugendliche durch ein KZ "schleppe und danach seien die Jugendlichen antisemitismusfrei". "Die lieben dann nicht für immer Juden und alles ist gegessen", sagt Funk. Menschen, die ein Besuch in Auschwitz nicht bewegt, seien nicht unempathisch, sondern vielleicht sogar empathischer als alle anderen, weil sie es gar nicht aushalten, mit diesen Grausamkeiten umzugehen. "Das bedeutet nicht, dass ich einen Auschwitz-Besuch überflüssig finde. Er muss nur gut vorbereitet sein", erzählt die Autorin.

"Die wenigsten wissen, was der 27. Januar bedeutet"

Stattdessen rät sie dazu, solch einen Ausflug mit älteren Schülern im Alter von 14 oder 15 Jahren zu machen. Eine Möglichkeit sei auch eine Art Blockseminar über mehrere Monate, in dem der Holocaust thematisiert wird, die Jugendlichen aber auch mit echten lebenden jungen Juden in Kontakt kommen. "Mir geht es nicht daraum, dass das Alte weg muss. Es ist wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um überhaupt eine Zukunft zu haben."

Mirna Funk rät dazu, dieses komplexe Thema Spezialisten zu überlassen. "Das kann man nicht einer 28- oder 32-jährigen Geschichtslehrerin überhelfen und erwarten, dass sie das leistet. Ich glaube, die wenigsten wissen, was der 27. Januar (Befreiung des KZ Auschwitz, Anm.d.Red.) bedeutet", sagt Funk. Das sei beispielsweise nicht wie Heiligabend in Deutschland. "Aber jeder in Israel weiß, was der Jom haScho’a (Holocaust-Gedenktag im jüdischen Kalender, Anm.d.Red.) ist und warum er stattfindet. Das ist natürlich eine andere Qualität."

Wer ein KZ besucht, muss vorbereitet werden

Letztlich, so Funk, gehe es darum, erzählen zu können und auch das Unsagbare in Worte zu fassen. Das Wichtigste sei aber, junge Menschen, die ein Konzentrationslager besuchen wollen, vorzubereiten auf diese unendlichen Grausamkeiten, um sie anschließend auch aufzufangen und mit ihnen zu reden. Im Zuge dessen erinnert sie sich an eine Fernsehdokumentation über einen besonders brutalen KZ-Wärter: Die Bilder haben sie wochenlang verfolgt. "Wie kann es sein, dass Menschen, die auf dem Weg in die Gaskammer sind, Frauen auf dem Weg in die Gaskammer die Brüste mit einem Säbel abschneiden und ihnen die schwangeren Bäuche aufschneiden. Es ist nicht zu verstehen", sagt Funk.

Sendung: rbb Kultur, 27.10.2020, 17 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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