Archiv: Dirigent Daniel Barenboim (Bild: imago images/ Ben Kriemann)
Audio: Inforadio | 27.01.2020 | Maria Ossowski | Bild: imago images/ Ben Kriemann

Jubiläum der Auschwitz-Befreiung - Barenboim dirigiert Gedenkkonzert - "Wir müssen alle aufpassen"

Star-Dirigent Daniel Barenboim gibt zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ein Gedenkkonzert in Berlin. Für Barenboim ein wichtiges Konzert, er fürchtet den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Von Maria Ossowski

Fast wie ein Staatsakt wirkt das Konzert in der Staatsoper Unter den Linden am Montagabend. Die Staatskapelle Berlin spielt unter der Leitung von Daniel Barenboim auf - Bundeskanzlerin Angela Merkel und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sind als Redner geladen. Für Dirigent Barenboim bedeutet es viel, dass die deutsche Regierungschefin am 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung in der Staatsoper spricht: "Denken Sie zurück an Willy Brandt in Warschau," sagt Barenboim. "Das sind die Gesten, die für mich so wichtig waren, dass sie mir erlaubt haben, nach Deutschland zu kommen."

Der junge Pianist Barenboim hatte schon 1954 eine Einladung, in Deutschland zu konzertieren. Das hat sein Vater damals nicht erlaubt. Für eine jüdische Famlie sei es zu früh gewesen, Deutschland zu besuchen, so Barenboim. Ab 1963 aber musizierte Daniel Barenboim regelmäßig in Deutschland, er dirigierte auch 18 Jahre in Bayreuth. 1992 wurde er Generalmusikdirektor der Staatsoper. Er habe damals lange überlegt, bis er das Angebot annahm, erzählt Barenboim: "Ich habe mich dann entschieden, nicht nur zu dirigieren, sondern auch meine Familie nach Berlin herzuholen. Es war mir klar, dass die große Mehrheit der Deutschen und die Politik auch sich auseinandergesetzt hat mit der Vergangenheit, und das mehr, als jedes andere Land auf der Welt."

"Ich habe hier eine sehr gute Lebensqualität"

Barenboims Familie ist Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Argentinien ausgewandert. Damit hat er selbst keine Angehörigen in der Shoah verloren, aber ihn beunruhigt die inzwischen wieder wachsende Judenfeindlichkeit in Deutschland. "Die Tatsache, dass dieser neue Antisemitismus hier hochkommt, macht mir große Sorgen. Aus persönlichen Gründen war es mir sehr wichtig, dieses Konzert zu machen."

Einige jüdische Bürger überlegen spätestens seit dem Anschlag in Halle im Oktober 2019, die Koffer zu packen. Daniel Barenboim auch? "Im Moment nicht. Ich finde, ich habe eine sehr gute Lebensqualität, meine Kinder, meine Enkelkinder sind hier. Nur, wir müssen aufpassen, wir müssen alle aufpassen".

Gespielt werden Beethoven und Schönberg

Daniel Barenboim wird am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz Arnold Schönbergs siebenminütiges Werk "Ein Überlebender aus Warschau" dirigieren. Schönberg hat auch den Text zum niedergeschlagenen Ghettoaufstand selbst verfasst: dreisprachig, das Werk endet mit Shma Israel. Die zentrale Bedeutung kommt dem Sprecher zu, diesen Part wird Opernsänger Thomas Quasthoff übernehmen. Der Text sei eigentlich für Sprecher, sagt Daniel Barenboim, aber der Sprecher müsse Musiker sein. "Es gibt so viele rhythmische Schwierigkeiten. Wenn man einen großen Musiker hat wie jetzt Quasthoff, dann sind die Möglichkeiten, es besser zu gestalten, viel größer."

Auf dem Programm des Gedenkkonzerts steht außerdem Beethovens Sinfonie Nr. 3. Warum hat Daniel Barenboim die Eroica ausgewählt? Als Gegenpart zur Kulturzerstörung der Nazis, ist seine Antwort. "Beethoven als einer der größten Komponisten überhaupt bleibt ein Symbol für das Allerbeste in der deutschen Geschichte."

Sendung: Inforadio, 25.01.2020, 08:50 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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