"Freiräume verteidigen" steht am 31.12.2018 auf einem Transparent am Jugendzentrum Drugstore an der Potsdamer Straße, daneben stehen Demonstranten (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: Radioeins | 21.01.2020 | Interview mit Leander Haußmann | Bild: dpa/Paul Zinken

Interview | Regisseur Leander Haußmann - "Berlin kann nicht mit Architektur punkten, sondern mit Kultur"

Immer mehr alternative Haus- und Kulturprojekte verschwinden aus dem Berliner Stadtbild. Doch nun bekommen sie Unterstützung von Prominenten aus der Kulturszene - in Form der Initiative "Kein Haus weniger". Zu ihnen zählt Regisseur Leander Haußmann.

rbb: Herr Haußmann, eine Forderung der Initiative "Kein Haus weniger" ist der Bestandschutz für alle sozialen und kulturellen Projekte in Berlin, wie zum Beispiel das besetzte Wohnhaus "Liebig 34", das Jugendzentrum "Potse", das Wohnprojekt "Köpi", die Kiezkneipe "Syndikat". Warum sind diese Orte und Projekte schützenswert?

Leander Haußmann: Ich muss vorher noch sagen, dass wir nicht immer prominent waren. Ich war auch mal ein Hausbesetzer - noch zu DDR-Zeiten. Das war damals einfacher als es heute ist. Das ist ein bisschen traurig. Aber es ist so. Man muss diesen Bestand der Haus- und Kulturprojekte aber schützen, weil es die Stadt ausmacht. Das macht Berlin auch deshalb weltweit so berühmt.

Leander Haußmann; © Carsten Kampf
Leander Haußmann | Bild: Carsten Kampf

Berlin kann nicht mit seiner Architektur punkten, sondern mit seiner Kultur und seiner Subkultur. Und wenn das verschwindet, so wie einst das Tacheles, der Prenzlauer Berg oder jetzt auch schon der Friedrichshain, sozusagen als Brutstätte von Neuem und Avantgardistischem, geht es allen hier in Berlin an den Kragen.

Ist Berlin nicht immer auch Veränderung gewesen?

Was ist Veränderung? Mir macht als nicht unbedingt kommunistisch eingestellter Mensch Angst, dass Marx offensichtlich Recht hatte. Der Kapitalismus wird immer stärker und schließt sich zu großen imperialistischen Formen zusammen. Weltweit begegnet man immer dem Gleichen: Die Infrastruktur des Neuen und des Jungen verschwindet, wird von irgendwelchen Leuten geschluckt, die gar keine Beziehung zu dieser Stadt haben. Und ich verstehe nicht, warum der soziale Kapitalismus, an dem ich ja irgendwie in Verbundenheit mit der Demokratie glaube, nicht in der Lage ist, dort Regeln zu schaffen, die solche Dinge schützen. Warum kann man dieses existenzielle Recht des Wohnens nicht unter allgemeines Menschenrecht stellen? Warum kann hier jeder eine Wohnung kaufen zu jeder Bedingung? Warum gibt es keine Regelung?

Wie können diese Orte im sozialen Kapitalismus geschützt werden?

Sie können natürlich durch Gesetze und durch Regeln geschützt werden. Es gibt Städte, wie beispielsweise Wien, wo es immer noch bezahlbaren Wohnraum durch Genossenschaften und kollektiven Besitz gibt.

Was erwarten Sie konkret vom Senat?

Zunächst mal einen Notplan, und dass man sich auf die Seite dieser Leute in den mittlerweile exemplarisch besetzten Häsuern stellt. Auch muss die Aggression und Gewalt rausgenommen werden und man einen Modus Vivendi finden und nicht immer auf Gewalt setzen. Wir müssen uns nicht wundern, wenn die Menschen sich zu anderen populistischen Gruppierungen gesellen, wenn es kein Angebot gibt, wo man sie auffängt. Und es werden ja immer weniger (Angebote). Es gibt immer weniger Möglichkeiten, als progressive Gruppe, von der wir ja letzten Endes alle zehren, sich zu treffen und zu wachsen.

Das Interview mit Leander Haußmann führte Frauke Oppenberg, Radioeins.

Der Text ist eine redigierte und leicht gekürzte Fassung. Das vollständige Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Radioeins, 21.01.2020, 12:10 Uhr

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4 Kommentare

  1. 2.

    Wenn Herr Haußmann mit „Kultur“ die spezielle Sparte „Haltungskultur“ meint und das meint er sicherlich, dann hat er recht. Ansonsten sieht’s in Berlins Kulturlandschaft aus, wie in vielen seiner Innenstadtparks.

  2. 1.

    Och nö. Eins der großen Probleme Berlins ist eher, dass jeder, der irgendwie aus der Reihe tanzt, als Künstler gefeiert wird, dass jede simple Aussteiger- und Anarcho-Aktion als Performance-Kunst interpretiert wird, dass tatsächlich alles, was nicht ganz normal ist, als Kultur und somit als schützenswert angesehen wird und notfalls von Steuergeldern zu subventionieren sei. Nein. Es geht uns Berlinern nicht an den Kragen, wenn die meisten Subkulturen hier aussterben oder einfach erwachsen werden. Berlin wird von denen getragen, die dafür sorgen, dass die Stadt funktioniert. Ein Bäcker, Elektriker, Polizist oder Müllmann ist für Berlin wichtiger als ein Galerist, ein Bildhauer, ein abstrakter Maler oder ein Schriftsteller. Nur kriegen die Erstgenannten kein Lob vom Feuilleton. Und das sage ich selbst als Schriftsteller. Künstler sollten sich und ihresgleichen nicht für den Nabel der Welt halten.

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