Szenenbild aus "That's Life - Das Sinatra-Musical" (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 09.01.2020 | Magdalena Bienert | Bild: rbb

Premierenkritik | "That's Life - Das Sinatra-Musical" - Seichte Unterhaltung ohne Highlights

Frank Sinatra war einer der größten Entertainer der Welt, jetzt setzt ihm in Berlin ein neues Musical ein Denkmal. "That's Life" hatte Mittwoch im Theater am Potsdamer Platz Weltpremiere. Das Haus war voll, aber über den Inhalt lässt sich streiten. Von Magdalena Bienert

Es beginnt mit dem 13. Juni 1971, dem Tag, an dem Francis Albert Sinatra in Los Angeles seinen Show-Abschied bekannt geben lässt - also den ersten, denn nach nur zwei Jahren zog es ihn schon zurück ins Rampenlicht. "Eine Entscheidung, die nicht leicht zu akzeptieren ist. Aber das, was uns immer bleiben wird, sind seine blauen Augen, sein Lächeln und sein großes Herz" wird auf der Bühne geschwärmt, bevor die ersten Töne zu "Come fly with me" einsetzen.

Die Geschichte wird rückwärts erzählt. Der ältere Frank, gespielt auf Englisch vom Schotten Tam Ward, gibt immer wieder ab an den jungen Sinatra, den Janko Danailow spielt. Gerade am Anfang fällt Danailow gesanglich ziemlich gegen seinen Kollegen ab. Töne verrutschen, aber auch das Licht sucht manchmal noch seine Darsteller. Weltpremiere eben, vieles wird sich hoffentlich noch einspielen.

Sinatras Frauenbild hat längst ausgedient

Bereits nach den ersten Szenen wird schnell klar, dass Sinatra seinerzeit auch als Frauenheld gefeiert wurde. Heutzutage sind seine sexistischen Aktionen und plumpen Dialoge auf der Bühne manchmal kaum auszuhalten. Wie er seiner Kollegin, mit der er in New Jersey kellnert, zum Beispiel in den Po kneift und sie mit den Worten bedrängt: "Mein kleiner Vogel braucht ein warmes Nest, damit er groß und stark werden kann. Na komm schon, lass den kleinen Frankieboy rein …" Zum Glück lässt sie ihn stehen.

Als Sinatra seinen ersten Job als Leadsänger für die Harry James Big Band antritt, wird aus einer ursprünglich liebevollen Idee ein schrecklich gestriges Gehabe. Sinatra bittet Harry James vor Beginn der Tournee: "Meine Frau Nancy würde mitkommen, die könnte ja für alle kochen, Wäsche waschen, Hemden bügeln und Besorgungen machen!"

Überzeugendes Live-Orchester

Das 13-köpfige Orchester ist auf die linke und rechte Bühnenseite verteilt und wird mittig flankiert von zwei geschwungenen Treppen, die auf einen Steg führen. Dahinter befindet sich eine riesige Videowand, die mit der jeweiligen Kulisse bespielt wird. Wie die Kirche, in der Nancy und Frank heiraten, Veranstaltungssäle, Schallplatten und einiges mehr.

Der erste Akt dehnt sich auf 90 Minuten: Sinatra schafft es erstmals in die Charts, verlässt Harry James zugunsten von Tommy Dorsey. 1951 lernt er Filmdiva Ava Gardner kennen und lieben, als er selbst erste Gehversuche in Hollywood macht. Gardner treibt heimlich ihr gemeinsames Kind ab und spielt das vor ihm lapidar herunter - was macht das mit Sinatra? Dafür ist leider kein Platz, das pralle Leben ruft. Sein Manager kündigt ihm, und auch Hollywood löst alle Filmverträge auf, weil Frankieboy Reporter verprügelt. Er gewinnt seinen ersten Oscar als bester Nebendarsteller für "Verdammt in alle Ewigkeit". Zwischen all diesen rasanten Informationen bekommen die Zuschauer natürlich Sinatra-Songs satt.

Euphorie im Publikum lässt lange auf sich warten

Nach der Pause geht es mit der vielleicht besten Szene weiter. Es sind die 1960er Jahre, und wir sind im Sands Hotel in Las Vegas, wo die Auftritte des sogenannten "Rat Pack" legendär waren. Im Musical ist es auf Sammy Davis Jr., grandios verkörpert von Mickey Smith Jr., und Dean Martin, gespielt von Randy Diamond, beschränkt. Shirley MacLaine, Joey Bishop und Peter Lawford bleiben ausgespart. Dafür wird fleißig gesteppt und gesoffen. "Das ist mein erster Drink heute - in meiner linken Hand". Endlich kommt Witz in die langwierige Kiste und als das Trio "Me and my shadow" singt, wird es belohnt mit dem ersten wirklich enthusiastischen Applaus des Abends.

Wieder reißt das Musical alles an, was man gerade noch so über Sinatra wissen könnte: seine Verstrickungen in Kennedys Wahlkampf, Stimmbandprobleme und seine Beziehung zur damals 19-jährigen Mia Farrow. Er war damals 51.

Nur nette Unterhaltung

Die Musik, auch wenn man Swing und Big-Band-Sound mag, trägt nicht über die volle Länge. "That's Life" dümpelt leider drei Stunden vor sich hin ohne wirkliche Highlights. Es gibt wenig zu lachen, nichts zu beweinen, dafür wird einem dieser Frank Sinatra immer unsympathischer im Laufe der drei Stunden. Was wohl auch eine bewusste Leistung von Regisseur Stefan Warmuth und Produzent Oliver Forster ist, denn sie wollten auch Sinatras Schattenseiten zeigen, nichts beschönigen. Das ist ihnen gelungen, aber Tiefe bekommt er dadurch leider trotzdem nicht.  

Dafür kann das tolle Orchester natürlich nichts, und Tam Ward als reifer Sinatra zieht mit seinem Bariton sofort in den Bann. Für einen beeindruckenden Abend reicht das alles aber lange nicht aus. "That's Life" bleibt nur seichte Unterhaltung.

"That's Life" läuft am 9. und 10. Januar nochmal im Theater am Potsdamer Platz, geht dann auf Tour und kehrt für zwei Zusatzshows am 4. und 5. April in den Admiralspalast nach Berlin zurück.

Sendung: Inforadio, 09.01.2020, 7:55 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Sehr gute Idee das bewegte Leben Sinatras in ein Musical umzusetzen . Die Umsetzung leider aber etwas dürftig . Der junge Sinatra war tatsächlich nicht gut und traf tw. nicht die Töne und die Stimme ohne Druck. Der "importierte" ältere Sinatra, dagegen klasse und man merkte das er das in Shows (Las Vegas) öfter macht. Seine Dialoge dann nur noch auf englisch- für ältere Zuschauer eher negativ u. überhaupt wurden die Dialoge (dadurch) wohl stark verkürzt. Weiter negativ: Dass Schauspieler für mehrere Rollen (wichtige Rollen) besetzt wurden. Z.B. Gene Kelly u. Dean Martin (begnadete Sänger) wurden schlecht gesungen. Die Tanzeinlage aus dem Film "Ein Amerikaner in Paris" war ebenfalls nicht gut. Das Comeback nach 1971 wurde nicht mehr erzählt, auch nicht die vielen Wohltaten (Einsatz für Farbige. Kinder etc). Klassiker wie NewYork von 1979 wurden nur noch gesungen ohne Geschichte. Insgesamt schöne Musik, es erweckt aber den Eindruck von sparsamer Inszenierung.

  2. 1.

    Ich war gestern zur Premiere live dabei und bin sicher kein Musical-Fan. Ich hatte meiner Frau die Karten zum Geburtstag geschenkt und sie deshalb auch begleitet. Wenn dort wirklich live gesungen wurde, dann muss ich wirklich eingestehen, dass mich Tam Ward als Stimme von Frank Sinatra schwer begeistert hat. Das kam dem Original sehr, sehr nahe. Allein das war schon ein Erlebnis. Die Idee, die Karriere des Frank Sinatra vom Beginn bis zum ersten Ende 1971 zu zeigen und durch Rückblenden den jungen Frank (gespielt und gesungen von Janko Danailow) zu zeigen, fand ich gut. Die Story fand ich gut erzählt und dargestellt. Trotzdem stimme ich Frau Bienert zu, dass es ein Tick zu ausgedehnt war (mit 20 - minütiger Pause) dauerte das Stück fast 3 Stunden. Wer also Frank Sinatra-Fan ist, sollte sich das Stück ansehen, denn die Lieder, gesungen von Tam Ward, waren allemal sehens- und hörenswert.

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