Florentina Holzinger TANZ
Audio: rbb Kultur | 28.01.2020 | Gespräch mit Theaterkritikerin Barbara Behrendt | Bild: Eva Würdinger

Kommentar | Berliner Theatertreffen 2020 - Finstere Zeiten für Brezelverkäufer

Das Berliner Theatertreffen ist dieses Jahr, der Quote sei Dank, weiblicher als sonst. Doch die Auswahl fühlt sich, der Quote zum Trotz, nicht gezwungen an. Die Berliner Szene kann derweil zufrieden sein - nur den Brezelverkäufern drohen Verluste. Von Fabian Wallmeier

Sechs Regisseurinnen, vier Regisseure: Die am Dienstag vorgestellte Zehner-Auswahl, die die Jury zum Berliner Theatertreffen (1. bis 17. Mai) eingeladen hat, ist zum ersten Mal weiblich dominiert. Die Frauenquote von 50 Prozent, die zunächst in diesem und dem kommenden Jahr gilt, ist damit sogar übererfüllt worden.

Das Bemerkenswerteste an der Auswahl ist wohl, dass sie sich trotz der Quote komplett ungezwungen anfühlt - und das ist eine gute Nachricht. Denn es gab ja durchaus Befürchtungen (vor allem von Männern vorgetragen), dass der Zwang, mindestens zur Hälfte Inszenierungen von Frauen einzuladen, den Fokus auf das Künstlerische zerstören könnte.

Klassiker und Uraufführungen

Das dürfte sich als unbegründet erweisen. Denn die Auswahl wirkt so ausgewogen und frisch zugleich, dass die Frage, ob nun eine Frau auf dem Regiestuhl saß oder ein Mann, im Mai bei der Bewertung der zehn Inszenierungen in weite Ferne rücken dürfte. Da stehen schon mehrfach eingeladene Regie-Veteraninnen und -Veteranen (Johan Simons, Katie Mitchell und Claudia Bauer) neben Theatertreffen-Debütantinnen und -Debütanten (Alexander Giesche, Antonio Latella, Anne Lenk, Tokishi Okada). Es gibt Klassiker ("Hamlet", "Der Menschenfeind", "Süßer Vogel Jugend"), aber auch eine deutschsprachige Erstaufführung ("Anatomie eines Suizids") und einige Uraufführungen, vor allem von Stückentwicklungen, bei denen Regie und Autorschaft in einer Person verschmelzen ("Chinchilla Arschloch, waswas", "Die Kränkungen der Menschheit", "Eine göttliche Komödie", "The Vacuum Cleaner").

Und es gibt eine Inszenierung, die sich dem Anschein nach recht weit weg bewegt vom klassischen Theater: Florentina Holzinger zeigt mit "TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts" dem Vernehmen nach einen überaus aufregenden Tanz-Performance-Abend mit Splatter, Kunstblut und Körpererkundungen. Berliner sollten hier genauer hinsehen: Holzinger wird in der Hauptstadt ab dem kommenden Jahr häufiger zu sehen sein - René Pollesch holt sie mit Beginn seiner Intendanz an die Volksbühne.

Haus der Berliner Festspiele (Quelle: Burkhard Peter)Haus der Berliner Festspiele

Provinz rückt nicht ins Rampenlicht

Eine Hoffnung, die mit der Quote einherging, hat sich dagegen nicht erfüllt: In der sogenannten Provinz ist die männliche Dominanz auf den Regiestühlen in der Regel nicht ganz so stark wie in den Metropolen. Es hätte also sein können, dass die Jury deshalb ihren Blick weiten und an ungeahnten Orten Perlen entdecken würde. Doch dazu ist es nicht gekommen. Eingeladen wurden ausschließlich Arbeiten von theatertreffenerprobten Großstadthäusern und den renommierten Koproduktionshäusern der freien Szene. Auch der Kreis der 35 Inszenierungen, über die man in den Jurysitzungen offiziell debattiert hat [www.berlinerfestspiele.de], war nicht weniger von den großen Häusern dominiert als sonst.

Die Berliner Theaterszene kann indes durchaus zufrieden sein: Mit dem (von Ulrich Matthes gespielten) "Menschenfeind" vom Deutschen Theater (Regie: Anne Lenk) wurde eines der großen Häuser bedacht - und drei weitere Einladungen gingen an die Co-Produzenten Hau ("Die Kränkungen der Menschheit" und "Chinchilla Arschloch, waswas") und Sophiensaele ("Tanz"). Die schönste Überraschung ist dabei die Einladung für "Chinchilla Arschloch, waswas". Der Abend des Kollektivs Rimini Protokoll, den das einzige weibliche Mitglied Helgard Haug inszeniert hat, ist eine äußerst lust- und respektvolle Annäherung an ein Krankheitsbild. Drei Betroffene befassen sich mit dem Tourette-Syndrom, das mit diversen Tics einhergeht: von der Zuckung bis zur wüsten, unkontrollierbaren Beschimpfung.

Auch was die Frauenquote angeht, macht die Hauptstadt sich übrigens gut in der Zehnerauswahl: Alle vier (Co-)Berliner Arbeiten stammen von Regisseurinnen.

Nur ein Abend länger als zwei Stunden

Wenig Grund zum Jubeln dürfte in Berlin dagegen eine Zunft haben, die zum Theaterabend genauso dazu gehört wie die Menschen auf, vor und hinter der Bühne: die der Brezelverkäufer. Für sie brechen beim Theatertreffen in diesem Jahr finstere Zeiten an: Sie werden deutlich schlechtere Geschäfte machen als sonst - denn mit Johan Simons' Bochumer "Hamlet" mit Sandra Hüller hat nur eine einzige Inszenierung eine Pause. Der Zweieinhalb-Stunden-Abend ist dann auch mit Abstand der längste der Auswahl, Anta Helena Reckes "Die Kränkungen der Menschheit" (Hau und diverse andere) mit 70 Minuten der kürzeste. Im Durchschnitt dauert ein Theatertreffen-Abend in diesem Jahr gerade einmal 108 Minuten. Nach dem Theatertreffen 2019, das unter anderem das zehnstündige Großereignis "Dionysos Stadt" zu bieten hatte, werden die Abende im Festspielhaus in diesem Jahr also deutlich kürzer.

Vielleicht brauchen wir zusätzlich zur Frauenquote künftig eine Lange-Inszenierungen-Quote? Ach nein, denn etwas früher ins Bett zu kommen, hat ja auch seinen Wert. Und der nächste Sechs-Stunden-Castorf kommt bestimmt - dann kommen auch die Brezelverkäufer wieder auf ihre Kosten.

Sendung: Inforadio, 28.01.2020, 15:55 Uhr

Die Zehner Auswahl

- "Anatomie eines Suizids" von Alice Birch

Regie Katie Mitchell | Deutsches Schauspielhaus Hamburg

- "Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn" von Rimini Protokoll (Helgard Haug)

Konzept, Text und Regie Helgard Haug | Eine Produktion von Schauspiel Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt) und Rimini Protokoll in Koproduktion mit Westdeutscher Rundfunk und HAU Hebbel am Ufer (Berlin)

- "Der Mensch erscheint im Holozän" Ein Visual Poem nach Max Frisch

Regie Alexander Giesche | Schauspielhaus Zürich

- "Der Menschenfeind" von Molière

Regie Anne Lenk | Deutsches Theater Berlin

- "Die Kränkungen der Menschheit"

Regie Anta Helena Recke | Eine Produktion von Anta Helena Recke mit den Münchner Kammerspielen in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Kampnagel (Hamburg) und Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt)

- "Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini" von Federico Bellini

Regie Antonio Latella | Bayerisches Staatsschauspiel / Residenztheater, München (Intendanz Martin Kušej) 

- "Hamlet" von William Shakespeare

mit Auszügen aus "Die Hamletmaschine" von Heiner Müller

Regie Johan Simons | Schauspielhaus Bochum

- "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams

Regie Claudia Bauer| Schauspiel Leipzig

- "TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts"

Konzept, Performance und Choreografie Florentina Holzinger |  

Eine Produktion von Florentina Holzinger in Koproduktion mit Spirit und Tanzquartier Wien, SPRING Festival (Utrecht), Productiehuis Theater Rotterdam, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt), Arsenic (Lausanne), Münchner Kammerspiele, Take Me Somewhere Festival (Glasgow), Beursschouwburg (Brüssel), deSingel (Antwerpen), SOPHIENSÆLE (Berlin), Frascati Producties (Amsterdam), Theater im Pumpenhaus (Münster), asphalt Festival (Düsseldorf)

- "The Vacuum Cleaner" von Toshiki Okada

Regie Toshiki Okada | Münchner Kammerspiele

Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Oh, Brezeln sind wichtiger als die Theateraufführungen.

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