Devendra Banhart
Audio: Inforadio | 25.01.2019 | Lennart Garbes | Bild: JAZZ ARCHIV HAMBURG

Konzertkritik | Devendra Banhart im Astra - Früher nackt, heute intim

Devendra Banhart ist ein Meister der seichten und etwas verschrobenen Unterhaltung. Das hat der Vollbartträger mit der sanften Stimme auch am Freitagabend in Berlin wieder unter Beweis gestellt. Von Lennart Garbes

Obwohl Devendra Banhart sein Konzert in Berlin im Sitzen beginnt, umgibt ihn sofort eine zauberhafte Aura. Seine adrette Sitzhaltung, sein Kopf mit dem wilden schwarzen Haar und dem am Kinn leicht angegrauten Vollbart, sowie die kleinen präzisen Gesten, mit denen er durch den ersten Song "Is This Nice?" führt, ziehen das gut gefüllte Astra Kulturhaus sofort in seinen Bann.

Auf der Suche nach der Sanftheit

Nach eigener Aussage strebt der venezolanisch-US-amerikanische Singer-Songwriter danach, Musik fern jeglicher Aggression zu machen. Banhart sucht mit seiner Mischung aus Folk und Psychedelic mit lateinamerikanischem Einschlag nach der absoluten Sanftheit. Sein größter Trumpf ist dabei zweifellos seine samtweiche Stimme. Wahlweise eingesetzt auf Englisch, Portugiesisch, Spanisch und seit Neuestem auch auf Japanisch.

Während der ersten Hälfte des Konzerts spielt Banhart zusammen mit seinen vier Bandmitgliedern vor allem Songs von seinem neuen, zehnten Album "Ma", das im vergangenen September erschienen ist. Auf seiner mittlerweile zehnten LP beschäftigt sich der 38-Jährige mit Mutterschaft. Mit  "Memorial", einem Song über den Abschied von verstorbenen Geliebten, sorgt Banhart ganz allein auf der Bühne für einen ausgesprochen intimen Moment.

Eine Stimmung, die ihm in früheren, verrückteren Jahren, in denen er auch gerne nackt auf der Bühne stand, vielleicht schwerer gefallen wäre.

Keuscher Ausdruckstanz

Ansonsten macht Devendra Banharts dem Freak-Folk, dem Genre, das er Anfang der 2000er mitbegründet hat, alle Ehre. Wenn er nicht selbst Gitarre spielt, trippelt Banhart in einer Art keuschem Ausdruckstanz um seine vier Bandmitglieder herum. Zwischen den Songs fabuliert er über die tiefere Bedeutung seiner Zeit als Starbucks-Mitarbeiter. Dabei pendelt Banhart permanent zwischen charmanter Naivität und entrückter Allwissenheit. Es scheint nie ganz sicher, ob er gleich völlig den Faden verliert, oder doch ganz unerwartet eine höhere Bewusstseinsebene entdeckt.

Auch das Chaos ist Teil des Plans. Banhart weiß sehr genau, wieviel er dem Publikum zumuten kann. Nach dem kurzen Ausufern über die Bedeutung verschiedener Kaffeebestellungen, nimmt das Konzert mit Klassikern wie "Never Seen Such Good Things" zum Ende noch einmal Fahrt auf.

Meister der seichten Unterhaltung

So gut wie nur wenige, versteht es Banhart seichte, melancholische Musik und bisweilen absurde Texte bedeutsam und interessant zu machen. Mit seinem neuen Album hat Banhart aber auch wieder zu einer musikalischen Klarheit und Struktur gefunden, die ihm zuvor beim Experimentieren mit Genres und regionalen Einflüssen etwas abhandengekommen war.

Auch weil das Publikum im Astra Kulturhaus an diesem Abend absolut auf den unorthodoxen Charme des Sängers und seine neue Musik einsteigt, gelingt dieser Abend am Ende vollkommen. Zum Abschied winken sich Band und Publikum fast schon wie alte Freunde zu und dann kann man gar nicht anders, als zufrieden und besänftigt nach Hause zu gehen.

Sendung: Inforadio, 25.01.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Lennart Garbes

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Berlin, 28.02.20: Das Leitungsteam der 70. Berlinale, Mariette Rissenbeek (rechts) und Carlo Chatrian bei der Verleihung des Goldenen Ehrenbären an die Schauspielerin Helen Mirren für ihr Lebenswerk (Quelle: imago images / Dan Yuqi).
www.imago-images.de

Die neue Berlinale-Leitung - Stehempfang statt Partystimmung

Am Sonntag sind zehn Tage Filmfestspiele fast vorbei: Die 70. Berlinale war zugleich die erste Ausgabe nach Dieter Kosslick. Wie hat sich das neue Führungsteam Rissenbeek und Chatrian gemacht? Nadine Kreuzzahler und Anke Burmeister ziehen Bilanz.