Christian Tetzlaff und Noah Bendix-Balgley (Quelle: rbb/Hans Ackermann)
Audio: Inforadio | 17.01.2020 | Interview mit Christian Tetzlaff | Bild: rbb/Hans Ackermann

Instrument des Jahres 2020 - Von der Bedeutung des Bogens für den Geiger

Die Geige ist das Instrument des Jahres 2020. Mit einer Vielzahl von Konzerten wird dies ab Januar gefeiert. In keiner europäischen Stadt leben und arbeiten mehr Spitzengeiger als in Berlin. Zwei dieser Musiker hat Hans Ackermann getroffen.

Die Finger von Noah Bendix-Balgley sind noch richtig schön warmgespielt, als wir uns im Konzertmeister-Zimmer treffen. Der erste Geiger der Berliner Philharmoniker kommt gerade aus einer Probe. Dort hat er als Stimmführer der ersten Geigen das Orchester durch die Partitur gesteuert, gemeinsam mit dem Dirigenten - in etwa so, wie der Kapitän einer Fußballmannschaft.

Der 1984 in North-Carolina geborene Geiger nimmt gern sein Instrument aus dem Koffer, lässt den Bogen aber einstweilen noch im Seitenfach stecken. "Meine Geige ist aus dem Jahr 1732, gebaut von Carlo Bergonzi", erzählt Bendix-Belgley. Der vergleichsweise unbekannte Geigenbauer sei in Cremona "bei Stradivari" angestellt gewesen, hätte überwiegend Geigen repariert und deshalb nur wenig Zeit für eigene Instrumente gehabt. "Bergonzi-Geigen sind ziemlich schwer zu finden, angeblich gibt es nur 50 oder 55 Stück."

Ein französischer Bogen für die italienische Meistergeige

Bei einem Konzert im großen Saal der Philharmonie ist man selbst in der ersten Reihe noch viele Meter von den Musikern entfernt. Hier in der kleinen Künstlergarderobe lässt sich die Schönheit der alten italienischen Meistergeige aus allernächster Nähe bestaunen. Noah Bendix-Balgley greift nun nach einem seiner insgesamt drei Geigenbögen im Koffer. Dieser hier, erzählt der Geiger, stamme aus der Werkstatt des französischen Bogenmachers François Tourte. Dieser Handwerksmeister hat im 18. Jahrhundert die Bögen für berühmte Geiger wie Kreutzer oder Paganini hergestellt. Eine italienische Meistergeige und ein französischer Bogen? Genau, bestätigt Bendix-Balgley, das sei die "amtliche Kombination" bei Spitzengeigern.

Schwingend über alle Saiten

Wie sich der Geigenton mit der Haltung des Bogens verändert, zeigt Bendix-Balgley dann mit einer kleinen Kostprobe aus dem Violinkonzert von Johannes Brahms, das er neben dem Beethoven-Konzert zu seinen persönlichen Favoriten zählt. "Für uns als Geiger ist es am wichtigsten, wie man mit dem Bogen umgeht, um einen bestimmten Klang zu bekommen. Mit einer guten Geige und einem guten Bogen kann man da sehr viel variieren." Hatte der Geiger bei Brahms auf der tiefen G-Saite gespielt, zeigt Bendix-Balgley nun mit einer Passage aus einem Mozart-Violinkonzert, wie die hohe E-Saite zum Singen gebracht wird. Danach spielt er wieder tiefe, mächtige Töne aus Maurice Ravels Rhapsody "Tzigane", bevor er mit einer virtuosen Stelle aus einem Paganini-Konzert noch einmal die hohen Saiten zum Klingen und Schwingen bringt.

Diese Erfahrung, mit anderen Leuten schon von Anfang an Musik zu machen, war für mich sehr wichtig.

Stargeiger Noah Bendix-Balgley erklärt, wie er Geigespielen gelernt hat

Die Geige als Lebenspartner

Mit möglichst unterschiedlicher Musik, erklärt der Geiger, habe er damals auch seine Bergonzi ausprobiert, 2013 in London. Aus der britischen Hauptstadt konnte der Geiger das Instrument dann für einige Wochen mit nach Berlin nehmen, wo er gerade Konzertmeister der Berliner Philharmoniker geworden war - und der Karrieresprung von Pittsburgh nach Berlin auch ein neues Instrument erforderte. "Ich habe das damals auch mit anderen Super-Instrumenten von Guarneri und Stradivari probiert. Aber mit dieser Geige habe ich angefangen, Bachs 'Chaconne' zu spielen und habe dann einfach immer weiter gespielt, weil mich das so fasziniert hat." Über eine längere Zeit habe er das Instrument in Ruhe ausprobiert "als Konzertmeister, als Solist, mit Kammermusik, in kleinen Zimmern, in großen Zimmern - denn das ist wirklich ein Lebenspartner."

Tipp vom Stargeiger für die nächste Generation

Bevor man die "Chaconne" von Johann Sebastian Bach - diesen etwa 15 Minuten dauernder Satz für Solovioline, der einem Geiger alles abverlangt - so wie Noah Bendix-Balgley spielen kann und 1. Geiger in einem der besten Orchester der Welt wird, muss man das Instrument natürlich von Grund auf erlernen. Er selbst habe mit vier Jahren angefangen, ein Alter, in dem die Kinder vor allem Freude an der Musik haben sollten, bekräftigt Bendix-Balgley.

Im Jahr der Violine hat der Familienvater dann noch einen wichtigen musikpädagogischen Rat für alle zukünftigen Geigerinnen und Geiger: so früh wie möglich sollten sie das einsame Übungs-Zimmer verlassen. "Ich habe mit der 'Suzuki-Methode' in den USA angefangen. Das bedeutet, man lernt zusammen mit anderen Kindern. Oft spielt man in Gruppen dieselben Stücke. Man lernt zusammen, aber auch einzeln. Diese Erfahrung, mit anderen Leuten schon von Anfang an Musik zu machen, war für mich sehr wichtig."

Die Geigerin Isabelle Faust und der Geiger Christian Tetzlaff treten am 13.10.2018 bei der Abschlusskundgebung der Demonstration gegen Rassismus und Rechtsruck mit dem Motto "Unteilbar" vor der Berliner Siegessäule auf (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Christian Tezulaff trat gemeinsam mit der Geigerin Isabelle Faust bei der Abschlusskundgebung der "Unteilbar"-Demonstration im Oktober 2018 auf | Bild: dpa/Christoph Soeder

Stargeiger Tetzlaff bleibt bescheiden

Als 1. Konzertmeister sitzt Noah Bendix-Balgley im Orchester immer auf der linken Seite des Dirigenten, am vordersten Notenpult. Noch davor hat der Solist seinen Platz - der bei einem Violinkonzert im großen Saal der Philharmonie immer mal wieder Christian Tetzlaff heißt. Hier hat er die Violinkonzerte von Beethoven, Brahms oder Bartok gespielt. Tetzlaff ist einer der besten deutschen Geiger, ohne aber zugleich auch einer der bekanntesten deutschen Geiger zu sein. Woran liegt das? "Ich war nie attraktiv genug für ein großes Label", versichert der 53 Jahre alte Musiker. Denn dazu gehöre neben einer besonders "auffälligen Art zu spielen" auch eine manchmal "erstaunliche Garderobe". Tetzlaff verweigert sich solchen Äußerlichkeiten im Auftreten, hat sich am kommerziellen Überbau "nie beteiligt", aus Gründen des "Nicht-Könnens, Nicht-Wollens und einfach Nicht-Machens".

"Meine Geige hat keinen Fetisch-Charakter"

Anders als die meisten Spitzengeiger spielt Christian Tetzlaff seit 20 Jahren eine moderne Geige von Stefan-Peter Greiner. Dieser deutsche Geigenbauer, der vor einigen Jahren mit seiner Werkstatt von Bonn nach London übergesiedelt ist, fertigt seine Instrumente nach alten Vorbildern - meistens Stradivari oder Guarneri, erzählt Tetzlaff. Sein Guarneri-Modell, scherzt der Musiker, liege bei der Lautstärke "im oberen Hubraumbereich", mit der Möglichkeit aber auch "ganz leise und langsam damit anzufahren".

Das Instrument sieht aus der Nähe wirklich geschunden aus, hat sogar kleine Löcher in der Zarge, die von "zu starken Bogen-Attacken" herrühren, wie Tetzlaff erklärt.  Am Halsansatz - wo die linke Greifhand des Geigers oft die Decke des Instruments berührt - ist der Lack schon etwas matt. "Ich liebe und schätze sie sehr, aber genau wie bei meinem Auto hat das keinen Fetisch-Charakter", erklärt Tetzlaff sein Verhältnis zum Arbeitsgerät eines Musikers.

Ich liebe und schätze sie sehr, aber genau wie bei meinem Auto hat das keinen Fetisch-Charakter.

Stargeiger Christian Tetzlaff über sein Verhältnis zu seinem Instrument

Das Ohr als psychologisches Instrument

Er habe mit dieser Geige auch schon einige Blindtests absolviert, erzählt der gebürtige Hamburger. Einmal habe er einem Sachverständigen auf dessen eigener "schönen Guarneri" vorgespielt und dann sein eigenes Instrument zum Vergleich herausgeholt - allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Dies wusste der professionelle Instrumenten-Einschätzer aber nicht.

Der Experte habe dann Tetzlaffs Geige eine hohe Qualität bescheinigt, die vermeintlich alte Meistergeige mit "ihren Klangraum drumherum" dann aber doch höher bewertet . "Aber in Wirklichkeit war das dann meine", erzählt Tetzlaff, schmunzelnd und nicht ohne Genugtuung. Solche Verwechslungen würden passieren, "weil unser Ohr ein sehr psychologisches Instrument ist". Allein die Annahme, es handelt sich um eine Stradivari, Amati oder Guarneri, meint Tetzlaff, lässt die Menschen anderes hören, als wenn man glaube, einem modernen Instrument gegenüber zu sitzen. 

Für sein kraftvolles Spiel, für Konzerte "von Bach bis Bartok" brauche er vor allem ein zuverlässiges Instrument, fasst Tetzlaff die müßige Diskussion zusammen. Vor kurzem hat er mit seiner Greiner-Geige gerade das Violinkonzert von Beethoven aufgenommen. Die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin sei bei dieser Aufnahme hervorragend gewesen, erzählt Tetzlaff. Zusammen mit dem Dirigenten Robin Ticciati ist ihm eine zurecht umjubelte Interpretation des Konzerts gelungen.

Sendung: Inforadio, 17.01.2020, 10:45 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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