Olere-Ausstellung "The one who survived Crematorium III"
Video: rbbKultur | 24.01.2020 | Bild: NurPhoto/Beata Zawrzel

Interview | Olère-Ausstellung in Berlin - Die Holocaust-Bilder, die 50 Jahre niemand ertragen wollte

Der Künstler David Olère hat Auschwitz überlebt. Dank Beate und Serge Klarsfeld sind seine Zeichnungen über die Grausamkeiten im Vernichtungslager nun der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Interview über Holocaust-Zeugnisse, die lange niemand sehen wollte.

David Olère ist der einzige Maler, der in Auschwitz dem Sonderkommando zugeteilt wurde. Nach der Befreiung hielt er das im Lager Gesehene in mehr als 50 Zeichnungen fest. Sie bildeten die Grundlage seines späteren Werkes. Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, am 27. Januar, wird im Bundestag in Kooperation mit dem rbb eine Ausstellung mit Bildern des Malers gezeigt. Serge und Beate Klarsfeld haben die Ausstellung mit kuratiert. Im Interview sprechen sie über die Bedeutung der Bilder von David Olère - und darüber, was sie heute bewirken können.

rbb: Wie haben Sie David Olère kennengelernt ?

Serge Klarsfeld: Ich glaube, wir haben uns das erste Mal 1983 kennengelernt. Er war ein Freund meines Cousins Henri Klarsfeld, der wie er bei Paramount gearbeitet hat. Wir sind dann zu ihm gefahren, um uns seine Bilder anzuschauen.

Was haben Sie gedacht, als Sie seine Bilder das erste Mal sahen?

Serge Klarsfeld: Ich habe die Bedeutung von David Olères Werk sofort verstanden, als ich seine Bilder sah. Bilder, die während des Holocaust entstanden sind oder kurz danach, beeindrucken mich generell. Denn damals waren die Erinnerungen derjenigen, die Bücher geschrieben oder Bilder gemalt haben, noch frisch. Viel frischer als 50 Jahre später.

Gemälde von David Olere (Bild: picture alliance / NurPhoto)
Gemälde von David Olere | Bild: picture alliance / NurPhoto

David Olère war in Auschwitz dem Sonderkommando zugeteilt. Was bedeutete das?

Serge Klarsfeld: Er musste die Toten aus den Gaskammern holen, ihre Haare schneiden, ihre Goldzähne herausbrechen und sie ins Krematorium bringen, um sie zu verbrennen. Er hat die Gaskammern gesehen. Er sah, wie Menschen ermordet wurden. Es gibt kein Foto davon, was im Krematorium geschah. Nicht ein einziges. Und kein Foto von der Gaskammer. Er war in dieser letzten Phase bei der Ermordung der Juden dabei und besaß die Fähigkeit, das wiederzugeben, was er gesehen hatte.

Wie kam es dazu, dass Sie sich darum kümmern, dass die Bilder ausgestellt werden?

Serge Klarsfeld: Als er 1985 starb, übergaben mir sein Sohn Alexandre Olère und seine Witwe sein Werk. Sie wollten, dass ich es in Museen unterbringe. Das habe ich geschafft, aber es war sehr schwierig. Denn sogar Museen waren abgeschreckt. Ein halbes Jahrhundert lang wollte niemand die Bilder von David Olère sehen. Denn sie zeigen den Horror dessen, was passiert ist. Und Leute wollen schöne Dinge sehen. Wenn sie die Bilder von David Olère betrachten, können die den Horror förmlich spüren. Und das wollen sie nicht.

David Olère - Food of the dead for the living © Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Beate Klarsfeld, Sie wurden vor rund 50 Jahren durch ihre Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen Verstrickung in das NS-Regime auf einen Schlag berühmt. Später sorgten sie beide dafür, dass sich zahlreiche NS-Verbrecher vor Gericht verantworten mussten. Wenn Sie heute mit Jugendlichen reden, was ist Ihnen wichtig?

Beate Klarsfeld: Mir ist wichtig, dass sie verstehen, dass wir seit 45 in Wohlstand leben. Wir haben Europa, Deutschland ist wieder stark geworden und eine Demokratie. Ich sage dann: Das dürft ihr nicht vergessen. Und die Demokratie müssen wir erhalten. Die Jugendlichen wissen nicht mehr, welche Gefahr es ist, wenn man Rechtspopulisten an die Macht kommen lässt. Ich würde sagen, sie haben nicht mehr die Kraft, die wir damals in den 1968er Jahren hatten. Und ich hoffe, dass vielleicht die Ausstellung von David Olère zeigt, was passieren kann. Aber es wird nicht genug sein, um zu zeigen, wie man sich heute engagieren kann. Da müssen auch die Lehrer da sein und die Eltern.

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass die Ausstellung im Bundestag zu sehen sein wird?

Beate Klarsfeld: Als ich ein kleines Mädchen war, saßen im ersten Bundestag 1949 noch über 100 Nazis, frühere Mitglieder der NSDAP. Heute bin ich 80 und da haben wir im Bundestag die AfD. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass es die Ausstellung gibt. Und wir hoffen auch, dass AfD-Abgeordnete diese Ausstellung sehen werden.

Das Interview führten Julia Riedhammer und Christine Thalmann, rbbKultur.

David Olére: Krematorium III in Betrieb © Olère Family Collection

Sendung: rbb Kultur, 25.01.2020, 18:30 Uhr

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Das liegt daran, dass man Gebäude des Bundestages betritt. Da muss man immer seine Daten hinterlegen.

  2. 8.

    Beeindruckende Bilder!!
    Man sollte keine Angst vor diesen Bildern (man muss sie eigentlich Werke nennen) - sie zeigen nur die Wahrheit und Empfindungen. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

  3. 7.

    Will hier nicht klugschnacken, aber eine öffentliche Ausstellung braucht normalerweise keine Anmeldung/Registrierung mit Hinterlegung persönlicher Daten. Deswegen ist es wohl eher eine eingeschränkt öffentliche Ausstellung.

  4. 5.

    Hallo Petra,

    Die Ausstellung ist öffentlich. Mehr Informationen gibt es hier: https://auschwitzundich.ard.de/projekt/Ueber-die-Ausstellung.html
    Beste Grüße

  5. 3.

    @Petra: Die Gefahr, dass Nazis und Consorten die Bilder willentlich beschädigen ist einfach zu groß, schließlich sind es Originale. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", da sind ja im Laufe ihrer Wanderung durch deutsche Lande einige Besucher richtig ausgerastet ....

    @rbb: Hat das zweite Bild von oben einen Titel?

  6. 2.

    Was diese Menschen ertragen mussten....unfassbar.
    Die Ausstellung sollte Pflicht für jeden AfD Wähller sein.

  7. 1.

    Danke Frau Klarsfeld. Schade, dass diese Ausstellung nicht öffentlicher gezeigt wird. Warum eigentlich?

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