Ultraschall Berlin - Festival für Neue Musik 2018: Konzert am 21.01.2018 unter der Leitung von Evan Christ mit dem DSO Berlin; © rbb/Gundula Krause
Video: rbb24 | 13.01.2019 | Bild: rbb/Gundula Krause

Interview | Ultraschall-Festival - "Diese Musik fordert kein Wissen, sondern Neugier"

Wie Musik klingt, die gerade frisch komponiert wird, kann man jedes Jahr beim Ultraschall Festival für Neue Musik hören. rbb-Kollege Andreas Göbel ist einer der beiden Festivalleiter und – spannt im Interview den Bogen von Beethoven bis heute.

rbb: In diesem Jahr feiern wir den 250. Geburtstag von Beethoven. Wie sind wir eigentlich von Beethoven bei dem gelandet, was wir heute beim Ultraschall-Festival für Neue Musik hören? Da gibt es zum Beispiel ein Stück von Sarah Nemtsov, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man Stille mit Musik darstellen kann.

Andreas Göbel:
Der Weg war gar nicht so weit. Der Gedanke ist immer noch der gleiche.

Jetzt bin ich gespannt.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war ziemlich klar definiert, was gute Musik ist. Der Beruf des Musikers war Handwerk, für das es klare Regeln gab. Die musste man lernen, um Musik für bestimmte Zwecke anzufertigen.

Eine Messe für die Kirche zum Beispiel. Oder 'ne schicke Sinfonie für einen König.

Dann kam im 19. Jahrhundert gerade durch Beethoven das Individuelle: Ich bin ein Künstler. Beethoven hatte auch ganz neue Ideen. Der hat sein Publikum permanent überfordert.

Und die Komponisten nach Beethoven sind im Prinzip diesen Weg weitergegangen und haben immer wieder versucht, die Grenzen der Musik zu erweitern.

Dann gab es einen radikalen Bruch mit Arnold Schönberg im frühen 20. Jahrhundert. Der hob das harmonische System auf.

Arnold Schönberg hat der Musik viel von dem weggenommen, was wir kennen und als angenehm und vertraut empfinden: Dur und Moll zum Beispiel.

Etwas, was bei aller Individualität trotzdem die ganzen Komponisten miteinander verbunden hat, war auf einmal nicht mehr da. Der nächste Einschnitt war dann 1945.

Was hat das Ende des Zweiten Weltkriegs mit Musik zu tun?

Die Nazi-Diktatur war vorbei. Die Menschen hatten entsetzliche Dinge erlebt. Da hat sich die jüngere Generation der Komponist*innen gefragt: Welche Musik können wir jetzt noch schreiben? Wie können wir eine Musik schaffen, die nicht missbraucht werden kann?

Die Nazis hatten auch die klassische Musik instrumentalisiert. Der Komponist Richard Strauss war zeitweise Präsident der Reichsmusikkammer. Die Berliner Philharmoniker waren Teil der NS-Propagandamaschine.

Deswegen gab es da nochmal so einen großen Bruch. Zum Beispiel auch die Frage: Darf Musik überhaupt noch Emotionen ausdrücken?

Das erklärt natürlich, warum sich die zeitgenössische Musik immer wieder verändern und neu ausrichten musste. Wie ist das denn heute so?

Mittlerweile hat sich das alles entkrampft. Komponist oder Komponistin sein heißt heute wieder: etwas Neues zu erfinden. Heute sind wir da, wo jeder sein eigenes Ding macht. Und jeder muss sich auch seinen eigenen Weg suchen: Suche ich neue Klänge? Oder nehme ich Bekanntes und setze es in einen neuen Kontext?

Dann kamen auch noch die ganzen neuen technischen Möglichkeiten dazu. Synthesizer, Computer, digitale Produktionstechnik.

Je jünger die Komponistinnen und Komponisten sind, desto wichtiger wird das. Bis hin zum Remixen. Der Komponist Malte Giesen hat ein Streichquartett geschrieben und dafür Ausschnitte von Mozart gesampelt. Auch das gibt es.

So ähnlich läuft das ja auch in anderen modernen Kunstformen. In der Malerei zum Beispiel. Trotzdem wird der Neuen Musik oft vorgeworfen, dass sie sich nicht mehr an ein breites Publikum richtet.

Da widerspreche ich. Zeitgenössische Musik findet ihr Publikum. Aber natürlich bekommt man mit Beethoven schneller einen Konzertsaal voll als mit zeitgenössischer Musik. Weil man Beethoven hören kann, ohne ihn verstehen zu müssen.

Stimmt. Weil meine Ohren und ich in etwa wissen, was mich bei einem Beethoven erwartet.

Das ist eine bekannte Musiksprache. Auch Menschen, die Pop-Musik hören, können leichter Beethoven hören, weil das ja auch mit Dur und Moll funktioniert.

Dagegen ist dann Neue Musik eher der Sprung ist kalte Wasser.

Wenn ich bei Musik nicht mal das Vokabular kenne, kann ich mich eben nicht entspannen. Obwohl ich auch bei Neuer Musik schlafen kann, wenn sie langweilig ist. Aber diese Musik fordert - kein Wissen, sondern Neugier und Offenheit. Und die Bereitschaft, sich etwas auszusetzen.

Das Interview führte Johannes Ehsan Fischer, rbbKultur
Geführt wurde das Interview für den rbbKultur-Newsletter "Zwei vor sechs". Diesen können Sie hier abonnieren

Sendung: Abendschau, 13.10.2020, 19:30 Uhr

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