Der Künstler Timm Ulrichs (Quelle: dpa/Kristoffer Finn)
Audio: rbb | 23.01.2020 | Barbara Wiegand | Bild: dpa/Kristoffer Finn

Ausstellung | Timm Ulrichs in der Akademie der Künste - Der Meister des scheinbar Banalen

Er trat als menschlicher Blitzableiter auf und als ein von der Kunst Erblindeter: Der selbsternannte "Totalkünstler" Timm Ulrichs bekommt den diesjährigen Käthe-Kollwitz-Preis und eine Ausstellung in der Akademie der Künste - "Weiter im Text". Von Wilhelm Klotzek

Kurz vor dem Pressetermin huscht der 79-jährige Künstler, bewaffnet mit Kehrbesen und Schaufel, noch einmal selbst durch die Ausstellung, um noch flink herumfliegenden Staub und Sandkörner zusammenzukehren.

Ein Künstler mit Star-Allüren war Timm Ulrichs nie. An seiner linken, äußeren Jackettasche sind sechs verschiedene Kugelschreiber befestigt - nur für den Fall, dass er wieder von einem seiner ständigen Geistesblitze getroffen wird und er diesen für die spätere Ausführung notieren muss.

Ausstellung überraschend aufgeräumt

Seit 1960 vergibt die Akademie der Künste den Käthe-Kollwitz-Preis an herausragende Künstlerinnen und Künstler. Nachdem in den letzten Jahren eher Vertreter von internationalen Rang - wie Hito Steyerl, Adrian Piper oder Janet Cardiff - den Preis erhielten, wird dieses Jahr der eigensinnige deutsche Konzeptkünstler Timm Ulrichs geehrt. Und bekommt die Möglichkeit, selbst eine Ausstellung auszurichten.

Diese Ausstellung - im ersten Stock der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg - wirkt überraschend übersichtlich.

Begrüßt wird man vom Künstler selbst, der in einer lebensgroßen Videoprojektion den Satz "In Worte gekleidet, in Schweigen gehüllt" laut kratzend zu Papier bringt. Wesentlich schneller erfassen lässt sich die daneben platzierte Arbeit, die in einer wenige Sekunden dauernden Analogfilm-Projektion das Wort "ikon" in dem Wort "kino" aufdeckt. Wenig später verkündet Ulrichs in einer Textarbeit: "Am Anfang war das Wort Am", eine penible Entgegnung des Künstlers auf das Bibelzitat "Am Anfang war das Wort…".

Überhaupt sind es eher die textuellen Arbeiten in Form von Anagrammen und Konkreter Poesie, die Ulrichs in seiner Ausstellung zeigt. Einige Arbeiten wirken banal, sind aber in ihrer Fülle und Vehemenz beeindruckend. "Ulrichs kommt der Welt auf die Schliche, indem er der Spur der Sprache folgt", schreibt der Künstler Peter Weibel in dem zur Ausstellung erscheinenden Katalog.

"Ich kann keine Kunst mehr sehen"

Herrlich trocken und anmaßend ist die Arbeit "permutation (permutationeller computertext, 1. Lieferung)" von 1963/71- sie präsentiert sämtliche Variationen des Wortes "Permutation" und beansprucht für sich, vollständig ausgedruckt, der längste jemals verfasste Text zu sein. Allein die in der Ausstellung präsentierten 25 Seiten beinhalten 17.600 Variationen. Ob der Künstler die folgenden 2.267 "Lieferungen" jemals ausgedruckt hat, bleibt zweitrangig. Timm Ulrichs geht es allein um die Idee und nicht um die vollständige Verdinglichung seiner Gedanken.

Der gebürtige Berliner gilt als Außenseiter im Kunstgeschehen der letzten 60 Jahre. Blättert man durch sein Werkverzeichnis, bekommt man den Eindruck, damit mindestens drei Künstlerbiografien großzügig ausstatten zu können. Schon in den frühen sechziger Jahren ernannte sich der Autodidakt zum "Totalkünstler".

Leben und Kunst sind für ihn untrennbar miteinander verbunden. Sich selbst in einem Glaskasten ausstellend, deklarierte er sich 1966 zum "ersten lebenden Kunstwerk" und nahm damit vorweg, womit Künstlerkolleginnen wie Marina Abramović später Weltruhm erlangten. Die Kunstwelt lachte ihn damals aus, wie er berichtet. Er ließ sie lachen und zog unbeirrt weiter: zum Beispiel in "Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend" von 1977 - nackt während eines Gewitters, mit einem in den Himmel emporragenden Metallstab. Oder als er 1975, als Blinder verkleidet, mit Armbinde, Stock und um dem Schild "Ich kann keine Kunst mehr sehen" um den Hals über die Kölner Kunstmesse zog.

Schwer zu fassende Zahl an Synapsenfeuerwerken

Landart, Bildhauerei, Performance, Konzeptkunst, Konkrete Poesie - das Werk von Timm Ulrichs ist schwer zu fassen, die Anzahl seiner "Synapsenfeuerwerke" noch weniger. Deshalb hatte auch der Kunstmarkt, mit dem er bis heute hadert, Probleme, aus ihm eine erkennbare Marke zu machen. War er eben noch das "lebendige Kunstwerk", arbeitete sich Ulrichs im nächsten Moment an der Konkreten Poesie ab. Er verweigerte die Zusammenarbeit mit kommerziellen Galerien und schämt sich fast, wenn seine Arbeiten heute für fünfstellige Summen veräußert werden. Den internationalen Durchbruch schaffte er nie, dennoch erhält er große Beachtung gerade von einer jüngeren Künstlergeneration, weil er - unbeirrt von den Erfolgen seiner Zeitgenossen - seinen eigenen Motiven folgte.

Und während einem Ulrichs "Am Anfang war das Wort Am" noch in den Gehirnwindungen nachhallt, begegnet dem Besucher am Ende des Rundgangs die sechs-minütige Videoarbeit "The End": eine Anthologie aus 60 "The End"- Einstellungen von Spielfilmklassikern, nahtlos aneinander gereiht, eine schier endlose Verkündung, dass nun "aber wirklich" Schluss sei.

Aber ganz so ist es dann doch nicht, denn schon im März eröffnet nahtlos die nächste, große Einzelausstellung des getriebenen Künstlers zum 80. Geburtstag. Mit dem rigorosen Titel: "Ich, Gott und die Welt. 100 Tage - 100 Werke - 100 Autoren" im Berliner Haus am Lützowplatz.

"Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!"

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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