Kayhan Kalhor (Quelle: imago-images)
Audio: Inforadio | 08.01.2020 | Hendrik Schröder | Bild: imago-images

Konzertkritik | Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan - Wohnzimmerkonzert im großen Saal

Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan gelten als Virtuosen persischer und anatolischer Musik. Am Dienstag waren sie gemeinsam im Pierre Boulez Saal in Berlin zu erleben. Hendrik Schröders Fazit: Wow. 

Auf Socken kommen Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan auf die Bühne. Wobei die Bühne in diesem Fall einfach ein kleines, flaches Podest in der Mitte des Saals ist, auf dem ein roter Teppich liegt, zwei winzige Monitorboxen stehen und zwei kleine Mikrofone aufgebaut sind. Kayhan Kalhor setzt sich auf seine Unterschenkel, Erdal Erzincan auf ein paar Kissen. Wie ein Wohnzimmerkonzert wirkt das, so dicht ist man dran von fast allen Plätzen, obwohl in den Raum gut 600 Leute passen und der Abend im Berliner Pierre-Boulez-Saal ausverkauft ist.

Mystisch am Anfang

Es beginnt mystisch: Kalhor streicht seine Kamantsche, dieses kleine hölzerne Ding, auch Stachelgeige genannt. Es sieht aus wie ein winziges Cello mit zu dickem Bauch und man mag nicht glauben, dass derart viel Kraft aus diesem Mini-Instrument kommen kann. Kayhan Kalhor ist in Teheran geboren und gilt als einer der bekanntesten Vertreter persischer Traditionsmusik. 2017 bekam er für eines seiner Projekte einen Grammy.

Erzincan spielt erhaben, mit aufrechtem Oberkörper, ruhig wie ein Felsen, nur die Finger der linken Hand auf dem Griffbrett wieselflink. Mit melancholischen Blick schaut er auf seine Baglama, die anatolische Laute, die aussieht wie eine Gitarre in Birnenform mit weniger Saiten. Erdal Erzincan kommt aus Ost-Anatolien und ist Begründer der "Baglama Music Academy" in Istanbul.

Es klingt nach Klischee, aber was die beiden da machen, versetzt einen bei geschlossenen Augen in ein Bergpanorama irgendwo in Anatolien, die Landschaft rau, zerklüftet, spärlich bewohnt. So fühlt sich das an.

Magisches Zusammenspiel

Dann nimmt das Konzert Fahrt auf. Kalhor klopft und zupft Melodie und zackigen Rhythmus gleichzeitig. Er windet sich um sein Intrument, die Augen geschlossen, der Oberkörper ständig in Bewegung. Er ist derart in der Musik verschwunden, dass er manchmal wie in Trance gegen das kleine Mikrofon stößt und das kleine Ploppen ihn ein paar Zentimeter nach hinten rutschen lässt. Magisch laufen die Harmonien der beiden Instrumente ineinander, verschmelzen, es klingt als seien da viel mehr Leute auf der Bühne als nur zwei. Es wird wildromantisch, zwischendurch fast brachial. Vieles ist improvisiert, so steht es im Begleitheft. Der Zuhörer merkt das kaum, so blind verstehen sich die Musiker, so lange treten sie schon immer wieder miteinander auf.

Die Akustik im Pierre-Boulez-Saal ist überragend, das Publikum so gebannt und diszipliniert, dass man das Schlucken des Sitznachbarn hören kann und als einer Frau aus Versehen ein Schlüssel aus der Tasche fällt, klingt das Störgeräusch wie ein Bombeneinschlag.

Arm in Arm und auf Socken

Gut anderthalb Stunden spielen Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan, ohne Pause, ohne auch nur ein Mal wirklich abzusetzen. Ganz vorne sitzt ein Paar, augenscheinlich so Ende 80 und nickt genau so lange mit, begeistert. Nur ein vielleicht Zehnjähriger in der ersten Reihe sieht nach einer halben Stunde wirklich gelangweilt aus und ist seinen daneben sitzenden Eltern offensichtlich wenig dankbar für diesen Konzertbesuch. Das wäre mir in dem Alter genau so gegangen. Alle anderen stehen am Ende begeistert von ihren Sitzen auf und verabschieden die Musiker mit endlosem, donnernden Applaus. Arm in Arm verschwinden Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan in den Katakomben, lächelnd, auf Socken. Wow.

Beitrag von Hendrik Schröder

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