Kevin Morby am 30. Juni 2019 in Oslo. (Quelle: dpa/Stian S. Moller)
Audio: Inforadio | 30.01.2020 | Lennart Garbes | Bild: dpa/Stian S. Moller

Konzertkritik | Kevin Morby im Heimathafen - Der sakrale Geschichtenerzähler

Er wird als moderne Mischung aus Bob Dylan, Leonard Cohen und Lou Reed gefeiert: Kevin Morby hat nach fünf Alben in sieben Jahren einen steilen Aufstieg hinter sich. Auch beim Konzert im Heimathafen ist der Sänger seinem Ruf gerecht geworden. Von Lennart Garbes

Kevin Morby betritt die Bühne ganz in Weiß. In Hemd und Anzug sitzt er am Klavier. Weiße und rote Rosen an den Mikrofonständern verstärken den sakralen Eindruck auf der Bühne. Nur Morbys strähnigen schulterlangen, braunen Locken und die große, rote Aufschrift "Oh my God" auf seinem Rücken passen nicht ganz ins Bild. Sonst könnte man befürchten, sich versehentlich in einen christlichen Bekehrungsgottesdienst verlaufen zu haben.

Geschichten über Spiritualität

Tatsächlich geht es an diesem Abend im ausverkauften Heimathafen Neukölln immer wieder um Religion. Für sein fünftes Album "Oh my God" hat sich Morby konzeptionell mit seiner eigenen Spiritualität und dem gesellschaftlichen Verhältnis zum Glauben auseinandergesetzt. Der gitarrenlastige, dichte Folk-Rock vergangener Alben wurde zurückgeschraubt. Die spirituelle Introspektion soll auch musikalisch zu hören sein und das zeigt sich auch auf dem Konzert. Die erste Hälfte des Konzerts spielt Morby am Klavier und mit Gitarre entweder ganz allein, oder einzig begleitet von seinem Trompeter.

Was den passionierten Spaziergänger aus dem Mittleren Westen der USA berühmt gemacht hat – und den unausweichlichen Vergleich zu Bob Dylan heranzieht – ist seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Obwohl er erst 31 Jahre alt ist, singt Kevin Morby seine teils autobiographischen, teils fiktionalen Texte, als ob er schon genug Erfahrung und Weisheit für mindestens zwei Leben gesammelt hat. Der Nachdruck seiner Songs ist beeindruckend.

Weniger musikalische Abwechslung

Während Morby die spirituelle Suche auf seinem Album jedoch mit Orgeln und Chorgesängen unterlegt, wird er beim Konzert in Berlin nur von Trompete und Schlagzeug begleitet. Das ist einerseits sehr intim. Nach einer Weile klingen die Songs allerdings auch etwas austauschbar. Erst mit der Aufforderung ans Publikum bei "Parade" mitzusingen, holt das Konzert in der zweiten Hälfte noch einmal neuen Schwung.

Zum Abschluss sorgt Morby mit "Beautiful Strangers", dem Song den er 2016 als Reaktion auf den Anschlag auf den Pariser Club "Bataclan" geschrieben hat, dann noch für einen echten Gänsehautmoment. Weil der Singer und Songwriter auch mit einfachsten Mitteln und kleinster Besetzung in der Lage ist, solche Momente zu erzeugen, ist es am Ende trotz der fehlenden musikalischen Abwechslung ein absolut gelungenes Konzert.

Beitrag von Lennart Garbes

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