Katherine Merling und Barrie Kosky, Komische Oper. (Quelle: Andrea Zeller/janwindszusphotography)
Audio: Inforadio | 20.01.2020 | Hans Ackermann | Bild: Andrea Zeller/janwindszusphotography

Konzertkritik | Kurt-Weill in der Komischen Oper - Ein absolut filmreifer Abend

Lieder und Chansons von Kurt Weill haben am Sonntag in der Komischen Oper auf dem Programm gestanden. Filmreifer als Katharine Mehrling und Barrie Kosky kann derzeit wohl kein Duo diese Lieder aufführen, sagt Hans Ackermann über einen atemberaubenden Abend.  

Über zwei kleine Treppenstufen klettert Katharine Mehrling auf Barrie Koskys Konzertflügel. Nun liegt die Sängerin auf dem geschlossenen Deckel des Instruments und schiebt sich wie eine Raubkatze langsam auf ihren Pianisten zu. Sie fordert ihn auf "Do it Russian!". Also spielt Kosky, seines Zeichens auch Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper, ein rauschhaftes Klaviersolo im Stil von Sergei Rachmaninoff. Ein virtuoses Vorspiel zum Song "Tschaikowsky".

Durchbruch in Hollywood

Der Text von "Tschaikowsky" besteht dann aus einer Kaskade russischer Komponistennamen. Am Ende geht der Sängerin bei den vielen Namen tatsächlich beinahe die Luft aus, wie sie dem Publikum im Spaß zuruft. "Tschaikowsky" ist ein sogenannter "Patter Song", wie man in der amerikanischen Bühnensprache solche Plapper-Lieder nennt.

Er entstammt dem Musical "Lady in the Dark", mit dem Kurt Weill 1941 in New York seinen Durchbruch feiern konnte. Fast 500 Mal wurde es am Broadway gezeigt, später in Hollywood verfilmt.

Ein aufregender Auftakt

Absolut filmreif ist auch alles, was Kosky und Mehrling an diesem Abend auf der Bühne der restlos ausverkauften Komischen Oper bieten. Schon der Anfang des Konzertes zeigt die Handschrift des erfahrenden Bühnenregisseurs, der das Programm mit der Sängerin in Paris einstudiert hat.

Bei "Lonely House", dem Titelstück des Abends, beginnt das Klavier in völliger Dunkelheit, dann hört man Katharine Mehrlings Gesang, erst nach der ersten Strophe bekommen beide Künstler Licht. Sparsam eingesetzte Scheinwerfer, vor einem Hintergrund, so schwarz wie das elegante und nur scheinbar schlichte Kleid der Sängerin - was für ein aufregender Auftakt.

Kurt Weills französische Chansons, Lieder wie "Complainte de la Seine" oder "Train du ciel" sind eine echte Überraschung an diesem "Abend ohne Brecht" - wie Kosky den Verzicht auf Lieder aus der "Dreigroschenoper" oder "Mahagonny" beschreibt. Doch hier soll es ausschließlich um Weills Exil-Lieder gehen. Lieder, die der spätere Star am New Yorker Broadway in den Jahren 1933 und 1934 für eine kurze, intensive Zeit zunächst in Paris geschrieben hat. Weills erste Station auf seiner Flucht aus Deutschland, wo die Nationalsozialisten 1933 seine Partituren verbrannt hatten.

Weill gehört in die Riege der großen Liedkomponisten

Man müsse, so Barrie Kosky, die Riege der fünf großen deutschsprachigen Liedkomponisten - Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss - erweitern und endlich einen sechsten Namen hinzufügen: Kurt Weill, der schon längst in diese Reihe gehört hätte.

Diesen Appell unterstreicht das Duo mit einem denkwürdigen Konzert, mit Chansons und Liedern aus "Street Scene", "One Touch of Venus" oder "Love Life" - Weills vorletztes Werk für den Broadway, 1948 und damit zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten in New York uraufgeführt.

Konzertabend soll wiederholt werden

Besser und künstlerisch anrührender als Katharine Mehrling und Barrie Kosky kann derzeit wohl kein Duo die Lieder von Kurt Weill aufführen. Umso erfreulicher das Versprechen des Intendanten, den in jeder Hinsicht atemberaubenden Konzertabend in der kommenden Spielzeit drei Mal zu wiederholen.

Sendung: Inforadio, 20.01.2020, 06:55 Uhr

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