Fledermaus im heimathafen Neukölln (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 07.01.2020 | Hans Ackermann | Bild: rbb

Operettenkritik | Johann Strauß im Heimathafen Neukölln - Fledermaus mit Riesenbaby und Tomatensoße

"Die Fledermaus" ist ein Operetten-Klassiker. Am Montag feierte eine Inszenierung der Berliner Musikhochschulen Premiere. Ein turbulentes Verwechslungsspiel mit Musik, die für sich spricht - und mit ungewöhnlichen Regie-Einfällen. Von Hans Ackermann

Trotz des ausführlichen Programmhefts und der eigens anberaumten, detaillierten Werkeinführung: Man kann die Geschichte dieser Operette einfach nicht vollständig verstehen. Irgendein Mann hat irgendeinen anderen Mann zur Fledermaus gemacht. Der Verspottete rächt sich bei einem Maskenball mit einer Intrige. Es geht emotional und sexuell ziemlich drunter und drüber, am Ende sind alle im Gefängnis - und schwer verkatert.

Gute Musik gekonnt vorgetragen

Zum Glück spricht die Musik von Johann Strauß seit fast 150 Jahren ihre eigene Sprache - mag die Handlung noch so verwickelt sein. Die Lieder werden von den rund zehn Sängerinnen und Sängern gekonnt vorgetragen. Das Orchester des studentischen "ConTutti e.V." klingt aus dem recht engen Orchestergraben des Heimathafens Neukölln allerdings ein wenig dumpf - mit dem Vorteil, dass die Sängerinnen und Sänger mit ihren Arien und Duetten, Terzetten und Quartetten umso mehr strahlen können.

Überdimensionales Baby beherrscht zweiten Akt

Doch was macht im zweiten Akt dieses überdimensionale Baby auf der Bühne? Ein Neugeborenes, das an seiner dicken Nabelschnur einen Chor undefinierter Wesen hinter sich her zieht - sind es rote Blutkörperchen oder Aliens? Später bekommt Babylein dann sein Fläschchen, besprüht mit der Milch aus der Fünf-Liter-Flasche auch gleich noch das gesamte Ensemble.

Das Baby ist in der Urfassung der Prinz Orlowsky, jener merkwürdige Adlige, der den Maskenball mit der lustvollen Verwechslungsgeschichte veranstaltet. Ivon Mateljan, Meisterschülerin von Thomas Quasthoff an der Musikhochschule Hanns Eisler, singt und spielt diese Rolle im wulstigen Kostüm bravourös. So wie auch Birita Poulsen, die als Kammerzofe Adele für ihre Sopran-Koloraturen verdienten Szenenapplaus bekommt. Auch die Männerrollen sind überzeugend besetzt, Collin Schöning gibt mit äußerst schöner Stimme einen verführerisch-weichen Alfred.

Spaghetti im Topf

Wahnwitzige Wohlstandskritik wolle man auf die Bühne bringen, hieß es vorab. Immerhin gibt es dabei - im großen Unterschied zur Oper - keine Toten. Alle sind am Ende dieser Operette lädiert, aber am Leben. Statt des vielen Champagners, der in alten Inszenierungen wohl fließen musste, bewerfen sich die jungen Darsteller hier lieber mit Spaghetti und Tomatensoße - und nutzen den Kochtopf dann auch noch musikalisch. Ein Moment, in dem man sich mal kurz die Ohren zuhalten muss - in einer ansonsten sehr hörenswerten Operette.

Sendung: Inforadio, 07.01.2020, 6:55 Uhr

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