Aufnahme von der Bühne; Theaterstück <<Hercules of Lubumbashi>> im HAU Berlin Kreuzberg. (Quelle: rbb/H. Ackermann)
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Audio: Inforadio | 29.01.2020 | H. Ackermann | Bild: rbb/H. Ackermann

Konzertkritik | Hercules of Lubumbashi im HAU - "Minen-Oratorium" besingt postkoloniale Abhängigkeiten

Einer der Hauptlieferanten für Smartphone-Rohstoffe ist die Demokratische Republik Kongo. Die musikalische Performance "Hercules of Lubumbashi" greift die ungerechte Verteilung von Bodenschätzen dort in einem "Minen-Oratorium" auf. Von Hans Ackermann

Vor dem riesigen Krater einer Kobalt-Mine stehen rund 30 junge Männer und singen eine barocke Chorarie. Das getragene Lied könnte aus  Georg Friedrich Händels "Herkules"-Oratorium stammen, der Text  von einem Retter und Beschützer erzählen. Ein Held, der gern auch einmal im Kongo vorbeischauen dürfte - diese Hoffnung wird im "Minen-Oratorium" besungen.

Livemusik und Videoperformance

Nach einigen Takten des Chores gesellt sich ein Gitarrist hinzu, umspielt die Melodie der Sänger mit virtuosen Jazzläufen. Der Gitarrist steht live auf der Bühne, gehört zum hervorragenden Ensemble von insgesamt 11 Musikern, darunter auch Blechbläser, Streicher und verschiedene Perkussionisten. Der Chor dagegen wird als Video zugespielt, aufgenommen vor einer "Mondlandschaft", ein Kobalt-Krater in der Nähe der kongolesischen Stadt Lubumbashi. Dieses Bild aus der Demokratischen Republik Kongo ist an diesem  Abend immer wieder auf der großen, dreigeteilten Leinwand zu sehen.

Aufnahme von der Bühne; Theaterstück <<Hercules of Lubumbashi>> im HAU Berlin Kreuzberg. (Quelle: rbb/H. Ackermann)
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Afrikanische Weisheit

"Streiten sich die Elefanten, leidet das Gras", dieses afrikanische Sprichwort trägt Elia Rediger dann auf der Bühne mit hoher Tenorstimme vor. Zusammen mit dem kongolesischen Tänzer Dorine Mokha hat der Schweizer Komponist den Kobalt-Konflikt im Kongo in eine beeindruckende multimediale Form gebracht. Eine abendfüllende Video- und Tanzperformance, die sich mal als barockes Oratorium, dann wieder als ausgelassenes Trommelfest präsentiert.

Textarbeit

Man lernt  sehr viel über Rohstoffe und Korruption, an diesem etwas text-lastigen Abend. Besonders bei den eingespielten Interviews, mit verunglückten Arbeitern einer Kobaltmine. Diese Männer, die man nur aus dem Off hört, erzählen von ihrem Schicksal nach einem Grubenunglück im Jahr 2019, von der vergeblichen Hoffnung auf medizinische und finanzielle Hilfe. Sie sprechen in der kongolesischen Landessprache Swahili, deshalb müssen sich die meisten Besucher für gut zehn Minuten in die Übertitel vertiefen.

Keine Anklage

Der Abend verzichtet auf Anklagen - wenngleich natürlich  fast jeder im Publikum ein Smartphone - und damit einige Partikel kostbarer kongolesischer Erden - in der Tasche hat. Im Schlußchor werden die tragbaren Telefone dann ausführlich besungen, die Namen ihrer Hersteller genannt, Geräte, die ohne kongolesisches Kupfer für die Leiterbahnen, Coltan für die Mikrochips und Kobalt für den Akku, nicht eine Sekunde funktionieren würden.

Frohe Botschaft

Man sollte zumindest wissen, so die durchaus frohe künstlerische Botschaft,  wo diese Rohstoffe ursprünglich herkommen - und dass die Milliarden-Gewinne aus den Bodenschätzen im Kongo nicht bei den Menschen dieses Landes ankommen. Herkules der Retter wird dort dringend gebraucht.

"Herkules von Lubumbáshi" - heute abend (Mittwoch) noch einmal im HAU 1, Hebbel-am-Ufer, beim "CTM Festival für experimentelle Musik".

BEGINN IST UM 19.00 UHR

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