Der Schriftsteller Jonathan Safran Foer während einer Lesung im Großen Sendesaal des rbb (Bild: radioeins/Thomas Ecke)
Audio: Radioeins | 22.01.2020 | Interview mit Thomas Böhm | Bild: radioeins/Thomas Ecke

Lesung | Jonathan Safran Foer liest im rbb - Montags fleischlos, mittwochs engagiert

"Wir sind das Klima" ist das Buch der Stunde. Ein Bestseller, der davon handelt "Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können". Dienstagabend stellte ihn Jonathan Safran Foer im Großen Sendesaal des rbb vor - und überzeugte Thomas Böhm.

 

Der Anblick von Waldbränden in Australien oder am Amazonas, von schmelzenden Polargletschern, von Klimaflüchtlingen, von Menschen, die für den Klimawandel sensibilisieren wollen - wie Greta Thunberg, oder ihn leugnen - wie Donald Trump: Alle diese Anblicke, so erzählt der 1977 in Washington geborene Foer, lösen in ihm starke Emotionen aus. "Aber wenige Augenblicke später setzt das Vergessen ein, wenn ich mich um meinen Alltag kümmern muss. Und ich denke, allen hier im Raum geht es genau so."

Ein Blick auf die ausverkaufte Lesung des Schriftstellers Jonathan Safran Foer im Großen Sendesaal des rbb (BilD: radioeins/Thomas Ecke)
Der ausverkaufte Große Sendesaal des rbb während der Lesung. | Bild: radioeins/Thomas Ecke

Vegetarismus als Antwort auf das Klima

Indem sich Jonathan Safran Foer am Dienstagabend so an die gut 1.000 Gäste im ausverkauften Großen Sendesaal des rbb wendet, sie unmittelbar anspricht, vollzieht er die Schreibweise seines Buches nach. Dieses will nicht belehren, sondern versteht sich als Gespräch. Es stellt zunächst einmal Gemeinsamkeiten her, indem es formuliert, was viele Menschen längst wissen: dass wir möglichst schnell handeln müssen, um das Klima zu retten - es aber nicht tun.

Gefordert sind, so Foer, neue Normen, neue Gewohnheiten. Sein Vergleich: So wie es den allermeisten Menschen unmöglich ist, Ladendiebstahl zu begehen - weil es einfach gegen die gesellschaftlichen Normen verstößt - muss es dem Empfinden nach unmöglich werden, "den Menschen, die nach uns kommen, die Zukunft zu stehlen".

Aber wie neue, umweltschonende Gewohnheiten finden? Foers Antwort: Indem man erst einmal nicht überzogene Ansprüche an sich stellt, sondern einen Plan macht, wie man sein Leben umweltbewusster gestalten kann. Und das können eben auch kleine Schritte sein. Zum Beispiel: Frühstück und Mittagessen fleischlos gestalten. Denn die für die Fleischproduktion betriebene Massentierhaltung ist einer der Hauptverursacher von Methan, das für die Atmosphäre noch schädlicher ist als CO2

Foer, die fehlbare moralische Instanz

Foers Buch bietet neben einer Vielzahl wissenschaftlicher Fakten, mit denen er seine Forderungen untermauert, auch literarische Passagen. Zum Beispiel ein Selbstgespräch, in dem er sich mit seinen Zweifeln konfrontiert. Um zu zeigen, dass extreme Forderungen hohe Ansprüche stellen - zu hoch für uns stets fehlbare Menschen - gesteht Foer in diesem Selbstgespräch ein, in den letzten Jahren immer wieder Fleisch gegessen zu haben. Ausgerechnet er, der mit dem Bestseller "Tiere essen" im Jahre 2010 viele Menschen zu einer vegetarischen Lebensweise inspirierte.  Als Moderatorin Marie Kaiser ihn auf dieses Geständnis anspricht, geht ein kurzes Raunen durch den Saal. Viele Gäste sind durch "Tiere essen" zu Foer-Lesern und -Leserinnen geworden, schätzen ihn seit diesem Buch als integre Persönlichkeit und moralische Instanz.

Foer gesteht, wie schwer ihm dieses Eingeständnis gefallen ist, das ihn letztlich jedoch glaubhaft macht und seine Argumentation nicht schwächt. Denn auch wenn er in den letzten 10 Jahren 100 Mal Fleisch gegessen hätte, wären das nur 100 von ca. 10.000 Mahlzeiten gewesen. Also hätte er sein Ziel zu 99 Prozent erreicht. 

Der Bestseller "Wir retten das Klima" des Schrifstellers Jonathan Safran Foer während einer Lesung im Großen Sendesaal des rbb (Bild: radioeins/Thomas Ecke)
"Wir sind das Klima" ist der zweite Bestseller des Schriftstellers. | Bild: radioeins/Thomas Ecke

Das Buch zum konstruktiven Pläne schmieden

Diese pragmatische, konstruktive Herangehensweise ist, so Foer, allemal besser als ein Verharren in Angst vor dem Weltuntergang oder Wut auf Politik und Wirtschaft, die "nicht genug tun". Beredtes Beispiel dafür: Nur zwei Unterzeichnerländer des Pariser Klimaabkommen sind – Stand heute – auf dem Weg, die zugesagten Emissionsgrenzen zu erreichen. Und diese Länder sind nicht, wie zu erwarten wäre, hochentwickelte, umweltbewußte Industrieländer wie Deutschland, Norwegen oder Frankreich, sondern Gambia und Marokko.

Foer selbst hat übrigens nach einer Lesung in Brüssel einen Plan gemacht, wie er sein Leben zukünftig ändern will. Ein belgisches Paar war nach der Lesung zu ihm gekommen und hatte Foer erzählt, wie sie durch sein Buch zu einem neuen, umweltbewussteren Lebensstil angeregt wurden und einen Plan voller Details machten. Angesichts der Liste, die die beiden ihm präsentierten, wurde Foer bewusst, dass ihm selbst ein solcher Plan fehlte. Und so stellte er ihn auf. Darauf als Forderung an sich selbst: auf Fleisch weitestgehend verzichten, nicht mehr in den Urlaub fliegen und sich einen Tag in der Woche für eine Umweltschutzorganisation engagieren.

Nach diesem Abend werden sicher etliche der BesucherInnen überlegt haben, wie sie ihr Leben umweltbewusster gestaltet können. Und beim Warten in der langen Schlange am Signiertisch oder auf dem Heimweg mit der Planung begonnen haben.

Beitrag von Thomas Böhm

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