Autorin Anne Weiss sitzt in ihrem WG-Zimmer neben drei Kisten (Quelle: rbb)
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Video: rbbKultur | 18.01.2020 | Anne Kohlick | Bild: rbb

Porträt | Autorin Anne Weiss - Wie aus einer Shopping-Queen eine Minimalistin wurde

Anne Weiss liebte es, einzukaufen: Ihr Besitz füllte mehr als 60 Umzugskartons. Inzwischen lebt die Autorin nur noch mit dem Nötigsten. Warum weniger Dinge sie glücklicher machen, erzählt die Wahl-Berlinerin in ihrem neuen Buch "Mein Leben in drei Kisten". Von Anne Kohlick

Anne Weiss' Geschichte beginnt mit einer 65 Quadratmeter großen Wohnung in Köln, in der sie alleine lebt – umgeben von den vielen Dingen, die sie besitzt. Ihr drei Kubikmeter großer Kleiderschrank quillt über vor schicken Accessoires, die sie nie benutzt. In der Küche stehen Geräte, die noch nie im Einsatz waren. Im Regal türmen sich hunderte Bücher, viele davon ungelesen.

Anne Weiss steht neben ihrem Kleiderschrank (Quelle: rbb)
Was Anne Weiss noch an Kleidung besitzt, hat auf einer Kleiderstange Platz | Bild: rbb

Denn Anne Weiss liebt es zwar zu shoppen, sie hat aber kaum Zeit, sich mit ihrem Besitz zu beschäftigen. Sie leitet eine Abteilung in einem großen Verlag, macht viele Überstunden, liest noch zu Hause Manuskripte. Erst als sie ihren Job verliert, beginnt sie an ihrem Lebensstil zu zweifeln: "Ich habe mich gefragt: Wofür habe ich die ganze Zeit gearbeitet? Sind all diese Dinge, die ich gekauft habe, es wert, dass ich meine Lebenszeit dafür gegeben habe?"

Eine entscheidende Begegnung

Mit einer Freundin reist sie 2014/15 durch Indien – sechs Wochen Leben aus dem Rucksack. "Man hat nur die Sachen dabei, die man wirklich braucht. Das hat mir sehr gut gefallen", erinnert sich die 45-Jährige heute. Sie trifft einen anderen Reisenden, der fast nichts besitzt und ihr von seinem minimalistischen Leben erzählt. "Er hat mir gesagt: Das ist für ihn Freiheit - nicht so viel zu brauchen und sich auf die Sachen zu konzentrieren, die ihm wichtig sind." Eine "lebensentscheidende Begegnung" sei das gewesen, sagt Anne Weiss.

Nach der Reise sieht sie ihre eigene Wohnung mit anderen Augen. "Ich habe zu Hause in Köln die Tür aufgemacht und das Gefühl gehabt: Die Wände kommen auf mich zu. Es stand so viel rum." Mehr als 60 Umzugskartons wären mit all diesen Gegenständen voll. Sie beschließt, auszumisten und ihr Leben umzukrempeln. Von diesem Wandel erzählt Anne Weiss in ihrem Buch "Mein Leben in drei Kisten" – eine Veränderung, die sie nach Berlin führt, wo sie heute als freie Schriftstellerin arbeitet und in einem WG-Zimmer auf 15 Quadratmetern lebt.

Der Kleiderschrank ist zuerst dran

Wie sie ihren Besitz auf das Nötigste reduziert, beschreibt Anne Weiss lebendig und mit vielen Tipps, von denen man sich inspirieren lassen kann. Ihren übervollen Kleiderschrank nimmt sich die Autorin als erstes vor: "Da war wahnsinnig viel Zeug, das ich nie angezogen habe. Um das auszusortieren, habe ich alles rausgenommen aus dem Kleiderschrank und nur das wieder reingeräumt, was ich besonders gern und häufig trage."

Weil Anne Weiss Nachhaltigkeit wichtig ist, kommt es für sie nicht infrage, wegzuschmeißen, was sie nicht mehr haben will. Die Veganerin versucht, für jeden noch brauchbaren Gegenstand eine passende Nachnutzung zu finden. Für ausgemusterte Klamotten empfiehlt sie anstelle des Altkleider-Containers Tauschpartys, Upcycling oder Spenden an die Kleiderkammer. "Ich rate in Zweifelsfällen, bei denen man denkt: Da pass ich irgendwann rein, wenn ich wieder Größe 36 habe. Oder: Das ziehe ich an, wenn ich zu einer Gala eingeladen bin – so etwas einfach auszusortieren. Denn diese Momente kommen fast nie."

Zurück ins Hamsterrad?

Weniger zu besitzen, tut Anne Weiss gut. "Seitdem diese Gegenstände weg sind, habe ich mehr Platz, um die Dinge zu tun, die mir am Herzen liegen", sagt sie, "und das sind eben keine Dinge, sondern Begegnungen und Erlebnisse." Während sie Gegenstände aussortiert, spendet, verkauft, verschenkt, denkt sie über ihre Zukunft nach. Soll sie ein Jobangebot aus einem Münchner Verlag annehmen? Und wieder ins Hamsterrad einsteigen? Oder sich ihren Traum erfüllen, nach Berlin zu ziehen und sich als Autorin selbstständig zu machen?

Ihr neues minimalistisches Leben macht es ihr leichter, finanzielle Risiken einzugehen. Ohne Auto, in einer kleineren Wohnung, ohne die ausgedehnten Shopping-Touren, die sie früher oft gemacht hat, braucht sie weniger Geld. Anne Weiss entscheidet sich gegen die Stelle im Verlag, für einen Neustart als Schriftstellerin in Berlin. "Das hat mir so ein Gefühl von Freiheit gegeben, hierherzukommen. Berlin ist eine Stadt, wo alles möglich ist." Sogar der Geruch der U-Bahn gefällt ihr: "Das riecht für mich nach der großen weiten Welt."

Drei Kisten voller Erinnerungen

Ihr WG-Zimmer in Schöneberg ist minimalistisch eingerichtet: ein Sessel, der sich zum Bett ausklappen lässt, eine Kleiderstange mit wenigen, ausgesuchten Teilen, nur noch ein Dutzend Bücher – plus drei Kisten, von denen sich Anne Weiss nicht trennen kann. "In diesen Umzugskartons habe ich die emotionalen Gegenstände gesammelt, was mir am Herzen liegt: Briefe, Tagebücher, solche Sachen, die ich einfach nicht weggeben kann und will." Ein Album mit Fotos aus Annes Kindheit ist darin, ein Bild, das ihre vierjährige Nichte für sie gemalt hat oder "die Weihnachtskarte, die meine Lektorin so nett und von Herzen geschrieben hat, dass ich sie einfach nicht wegtun kann".

Nach diesen drei Kartons hat Anne Weiss ihr Buch benannt. Denn in ihnen steckt alles für sie persönlich Wichtige. "Meine Oma hat mir im Altenheim erzählt, dass ihr genau solche Dinge aus ihrer Jugend fehlen. Sie ist damals aus Oberschlesien nach Westen geflohen und konnte nur einen Koffer mitnehmen." Kleidung, Möbel, alles ersetzbar – aber Erinnerungsstücke sind einzigartig, weil sie für Momente mit geliebten Menschen stehen.

Anne Weiss ist sich sicher: "Am Ende des Lebens fragt man sich nicht: Welche Dinge habe ich mir geleistet?" Eine Stereoanlage oder ein dickes Auto seien nicht das, was zählt. "Sondern am Ende des Lebens überlegen wir doch: Welche Menschen in meinem Leben waren wichtig?" Für die nimmt sich die Autorin jetzt mehr Zeit als früher – zum Beispiel für ihre kleine Nichte.

Sendung: rbbKultur, 18.01.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

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1 Kommentar

  1. 1.

    Seine Erfahrungen mit all dem Überfluss, der einen umgibt öffentlich zu machen, ist ja schön und gut. Ich benötige hierzu niemanden. Packe es einfach an. Beispiel: die meisten meiner gelesenen Bücher verschenke ich weiter. Habe mir sogar aus Büchern einen“Krimi-Sessel“ selbst gebastelt. Muß es denn gleich wieder so ein Besserwisser-machs anders-Buch sein? Wieder ein Buch was früher oder später auf dem Krabbeltisch landet.

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