"Ab jetzt", in der Komödie am Kufürstendamm im Schillertheater 2020. (Quelle: Franziska Strauss)
Audio: Inforadio | 27.01.2020 | Ute Büsing | Bild: Franziska Strauss

Theaterkritik | "Ab Jetzt" in der Komödie im Schiller-Theater - Ein seltsam witzloser Dreistünder ohne Tempo

Als Peter Zadek 1989 die deutsche Erstaufführung von "Ab jetzt" in der Komödie am Kurfürstendamm inszenierte, war Martin Woelffer sein Assistent. Der heutige Chef der Bühne kann als Regisseur des Stücks um künstliche Intelligenz nicht überzeugen. Von Ute Büsing

Wir schreiben das Jahr 2040. Komponist Jerome, gespielt von Oliver Mommsen, haust in einer Klangwerkstatt mit jeder Menge Tonband- und anderen Aufzeichnungsgeräten im Retrolook. Retro ist auch die Perspektive dieses bemitleidenswerten Mannes in der Schaffenskrise: Er vermisst seine Tochter und eigentlich auch seine Frau. Gesellschaft leistet ihm nur ein fürs Babysitten konstruierter, allerdings fehlprogrammierter, puppenhafter weiblicher Roboter der Marke GOU 300F (Nicola Ransom).

Bei Putz- und Waschversuchen geht der adretten Maschine so einiges schief und sie gibt Widerworte. Ausgerechnet diese künstliche Intelligenz soll aber im Verlauf, zur Verlobten hochgetunt, Jugendamt und Ex davon überzeugen, dass er glücklich neu liiert und tauglich fürs Sorgerecht ist.

"Ab jetzt", Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater. (Quelle: Franziska Strauss)
| Bild: Franziska Strauss

Brav auf Zimmertemperatur

Was im Zeitalter von Smartphones und Tablets, von Alexa und Siri, eine heitere und auch hochaktuelle Auseinandersetzung über Mensch und Maschine hätte werden können, gerät zu einem anachronistischen, seltsam witzlosen Dreistünder. Die Vielschichtigkeit des Stoffes, das Spannungsfeld zwischen Science-Fiction und Slapstick-Comedy, zwischen ersehnter heiler Familienwelt und kaputter Umgebung, bleibt weitgehend unausgelotet.

Der zähe Abend zerfasert vor allem im ersten Akt. Da empfängt der Komponist die Schauspielerin Zoe (Zoe Moore), die er eigentlich als neue Verlobte und perfekte Hausfrau für seine Tauglichkeitsprüfung, das Vorspiel bei Jugendamt und Ex, engagieren will. Sie verlässt ihn nach dem Sex aber wieder, als er nicht nur ihr Lachen, sondern auch ihr Stöhnen mit den überall aufgehängten Mikrophonen aufgezeichnet hat. Schließlich sucht der manische Sound-Sampler nach dem ultimativen Liebes-Musik-Stück.

Martin Woelffers Inszenierung nimmt nie wirklich Tempo auf. Sie macht nichts aus dem Clash zwischen echten und maschinengenerierten Gefühlen, sie nutzt die Chance der totalen Überzeichnung nicht. Alles bleibt brav auf Zimmertemperatur.

Filmische Referenz an die Zadek-Inszenierung vor 31 Jahren

Dass draußen - hier soll es sich ausgerechnet um den gutbürgerlichen Berliner Bezirk Friedenau handeln - eine von Bandenkriegen, Gesetzlosigkeit und Umweltverschmutzung zerrüttete Zukunftswelt tobt, ist an Schutzmänteln, Gasmasken und Waffen zu erahnen (Kostüme: Beatrix Cameron, Claudia Töpritz). Die paramilitärische Feministinnen-Bande "Die Töchter der Finsternis" sorgt anstelle der Polizei für Recht und Ordnung.

Drinnen werden sich selbst erhitzende Gerichte aus Alucontainern gelöffelt. Die Beziehung zwischen Komponist und Schauspielerin kommt aber nie auf Betriebstemperatur. Das Paar hat keine packenden Szenen. Am meisten bejubelt wird deshalb vor der Pause der über Videotelefon zugespielte Harald Juhnke als mitleiderregender, versoffener Verlassener – ein Film-Mitschnitt aus der Zadek-Inszenierung von vor 31 Jahren. Referenz an eine große Inszenierung. Damals spielten am Kudamm auch Susanne Lothar und Ingrid Andree. Otto Sander war in der Rolle des Komponisten zu erleben. Da kommen bei den Älteren im Publikum wohl Erinnerungen auf.

"Ab jetzt", Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater. (Quelle: Franziska Strauss)
| Bild: Franziska Strauss

Komödiantische Turbulenzen erst zum Schluss

Im zweiten Akt wird es dann zumindest turbulent. Der auf Verlobter gestylte Roboter (jetzt von Zoe Moore gespielt) kommt in der aufgeräumten Wohnung (Bühne: Tom Presting) als braves Frauchen zum Einsatz. Die künstliche Intelligenz sagt angelernte Begrüßungsformeln auf, serviert Tee und Schnittchen. Auch wenn dabei manches daneben geht: Die Vorstellung überzeugt den einfältigen Mann vom Jugendamt (Joachim Paul Assboeck) und die auf Krawall gebürstete Ex (wieder Nicola Ransom). Dummerweise ist das vermisste Töchterchen (Nellie Thalbach) zum männlichen Proll-Punk-Rüpel mutiert, also etwas, was Papa gar nicht wiederhaben möchte. Bis ausgerechnet die Maschine dieses fehl geleitete Menschenkind bändigt.

Wäre sie am Ende der bessere Mensch? - fragt Alan Ayckbourn in dieser Gesellschaftskomödie ironisch. Ab jetzt kommt in der Komödie im Schiller-Theater immerhin Situationskomik und Tempo ins Spiel. Am Schluss hat der Klangkünstler zurück, was er wollte. Aber über seinem ultimativen Liebes-Musik-Stück vergisst er die wirkliche Welt. Insgesamt zu wenig für einen großen zeitgenössischen Unterhaltungsabend. 

Sendung: Inforadio, 27.01.2020, 6:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ich habe das Stück noch nicht gesehen. Aufgrund der unterschiedlichen Kritik werde ich es tun. Schon deshalb, weil mir die Kritik dieser Ute Büsing nicht geheuer vorkommt. Namensgebungen falsch, falsche Zuordnungen der Abfolge... Soll hier eine Inszenierung zerissen werden, die gar nicht vor Ort selbst (im Zusammenhang) gesehen wurde? Das wäre ein Affront zur maßgeblich ehrlichen Berichterstattung eines Senders/Medium.
    Ansonsten ist es natürlich immer die eigene Befindlichkeit, etwas gut oder schlecht inszeniert zu erleben.
    Was im Artikel zwischen den Zeilen allerdings noch auffällt ist, ist die Tatsache, dass Besucher mit einer eher positiven Einstellung zum Stück sich sicher an der Aussage der Frau Büsing : ...die Vorstellung überzeugt den einfältigen Mann vom Jugendamt... reiben werden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

  2. 7.

    Wir waren zur Vorpremiere da. Nach 10 Minuten wollten wir bereits gehen. Ein so nichtunterhaltendes Stück haben wir noch nie gesehen. Selbst die überwiegend anwesende Zielgruppe Ü65 lachte nur sehr vereinzelt. Um andere nicht zu stören, haben wir bis zur Pause ausgehalten. Bis dahin wurde es nicht besser. Das war schon Quälerei!

  3. 6.

    Die redaktionelle Kritik trifft den Nagel auf dem Kopf. Wir waren über den Inhalt sehr irritiert und wollten in der Pause eigentlich gehen. Die künstlerischen Leistungen waren top.

  4. 5.

    Die Gou 300F wird im ersten Teil von Nicola Ransom gespielt!

  5. 4.

    Und Nellie Thalbach hat Geain gespielt,
    Zoe Moor hat in 1Teil Zoe gespielt und in 2 Teil Gou 300 F, Nicola Ransom hat in 1 Teil Gou 300 F gespielt und in 2 Teil Corinna. War die Frau Ute Büsing überhaupt da?

  6. 2.

    Die Schauspielerin heißt Nellie Thalbach!

  7. 1.

    Ich kann das Stück in der Besetzung nicht beurteilen, da ich es bislang nicht gesehen habe, aber man sollte zumindest bei einer Kritik fähig sein, die richtigen Namen zu schreiben. Nettie Thalbach? Peinlich. Vor allem, weil es mehrfach falsch steht. Die Dame heißt Nellie Thalbach.

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