Constanze Becker, Nico Holonics, Judith Engel und August Diehl bei der Fotoprobe 'Drei Mal Leben' im Berliner Ensemble am 13.01.2020. (Quelle: dpa/Thomas Bartilla)
Audio: Inforadio | 17.01.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Thomas Bartilla

Theaterkritik | "Drei Mal Leben" im BE - Drei Mal knapp daneben

"Drei Mal Leben" zeigt drei Versionen eines mit Konflikten aufgeladenen Pärchenabends. Doch in Andrea Bretts Inszenierung am Berliner Ensemble wirkt das Erfolgsstück von Yasmina Reza trotz aller boulevardesker Bemühungen ziemlich müde. Von Fabian Wallmeier

Ein Paar diskutiert, wie es das im Bett nach Essen schreiende Kind erziehen oder zumindest ruhigstellen soll. Ein zweites Paar klingelt beim ersten - irrtümlich einen Tag früher als verabredet. Beide Männer sind Astrophysiker - und Mann zwei könnte Mann eins zu einem Karrieresprung verhelfen. Doch nun verunsichert Mann zwei Mann eins, indem er erzählt, dass gerade ein wissenschaftlicher Artikel zu genau dem Thema veröffentlicht worden ist, zu dem Mann eins seit drei Jahren forscht.

Das ist die Ausgangslage von "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza. Oder vielmehr von allen drei Teilen des Stücks. Denn die französische Star-Dramatikerin (am BE ist auch ihr bekanntestes Stück "Kunst" in der Regie von Intendant Oliver Reese zu sehen) zeigt den Pärchenabend in drei Versionen. Zweimal beginnt er somit von neuem.

Vielleicht ist der vor knapp 20 Jahren uraufgeführte Text einfach schlecht gealtert - bei der Premiere von Andrea Breths Neuinszenierung am Berliner Ensemble kommt er an diesem Donnerstagabend jedenfalls kaum in Fahrt. Dabei fängt der Abend durchaus vielversprechend an, wenn Constanze Becker als Sonja und Nico Holonics als Henri aus dem Off aus ihrer Abendgestaltung gerissen werden: von Kindergeschrei, das so verzerrt und entfremdet ist, dass es tatsächlich wie eine Heulboje klingt.

Ein müdes Zerrbild

Doch was in den knapp zwei Stunden der Inszenierung folgt, ist nicht mehr als ein müdes Zerrbild zweier gutsituierter Paare mit abgenutzter Liebe und den üblichen Ängsten und Neurosen - und mit einem begrenzten Repertoire an wiederkehrenden Marotten: Holonics markiert die Angespanntheit seines Henri, indem er die Beine übereinanderschlägt und den frei baumelnden Fuß nervös durch die Luft kreisen lässt.

August Diehl als mit überdimensioniertem Selbstbewusstsein ausgestatteter Gast Hubert demonstriert die Großkotzigkeit seiner Figur, indem er in einer Tour die Fertig-Häppchen mampft, die dem einen Tag zu früh aufgetauchten Paar statt des geplanten Menüs kredenzt werden. Dabei schiebt er, mit demonstrativ schlechtem Benehmen, den Essensbrei mit der Zunge im Mund hin und her. Huberts Frau Ines, das Abziehbild einer frustrierten Hausfrau und Mutter, lässt sich derweil volllaufen. Darstellerin Judith Engel unterstreicht das unmissverständlich damit, dass sie immer wieder mit ausladenden Gesten Wein aus ihrem Glas schwappen lässt.

Minimalistisches Bühnenbild kommt umständlich zum Einsatz

Die boulevardeske Ausgestaltung des ohnehin schon nicht allzu tierschürfenden Textes trägt leider nicht weit. Doch wer nun hofft, dass Andrea Breth, die hier zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder einen Theaterabend in Berlin inszeniert, zumindest aus der Dreifaltigkeit des Stücks kreativ schöpfen kann, wird enttäuscht.

Dass der Abend einen Flow entwickelt, scheitert nämlich schon an der Umständlichkeit, mit der das minimalistische Bühnenbild (Raimund Orfeo Voigt) zum Einsatz kommt. Es besteht aus einer kleinen und dahinter einer großen Drehscheibe. Auf den Scheiben stehen Einzelteile einer hellgrauen Sitzgarnitur, wobei die auf der hinteren nur zu sehen sind, wenn sie sich aus dem Schattenreich der Hinterbühne nach vorne den drehen. Zwischen den drei Teilen drehen sich nun die beiden Scheiben quälend langsam wieder auf Anfang, während die vier Darstellerinnen und Darsteller sinnlose Bewegungen in Zeitlupe ausführen oder Gläser, Flaschen und Häppchen-Verpackungen auf- und abräumen. 

Betrunken und betrunkener

Auch die drei Versionen selbst machen den Abend nicht aufregender. Beim ersten Mal ist Henri der nervöse Speichellecker, der sich vom großspurig-grausamen und übergriffigen Hubert Hilfe für sein berufliches Vorankommen erhofft. Sonja ist die dominante Mutter mit strikten Erziehungsregeln, die von Henris Unentschlossenheit genervt ist, und Ines die hysterische Gattin, für die eine Laufmasche in der Strumpfhose den Katastrophenfall auslöst und die in zu viel Wein flüchtet.

In der zweiten Version sind alle betrunkener, was dazu führt, dass Ines noch derangierter ist und Henri nun Hubert die Stirn zu bieten versucht. In der dritten Version schließlich herrscht eine einigermaßen höfliche Normalität, Henris wissenschaftliche Sorgen lösen sich in Luft auf und man geht zivilisiert auseinander.

Drei Mal Leben verspricht Rezas Stück - an diesem zähen Abend im Berliner Ensemble geht das leider drei Mal knapp daneben.

Sendung: Inforadio, 17.01.2020, 08:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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