Tänzerinnen und Tänzer tanzen eine Szene in "Can touch this" (Quelle: Jörg Metzner)
Audio: Inforadio | 22.01.2020 | Magdalena Bienert | Bild: Jörg Metzner

Theaterkritik | "Can touch this" im Theater Strahl - Über die Grenze tanzen

Im Rahmen des "Purple-Tanzfestival für junges Publikum" feierte Dienstagabend die Produktion "Can touch this" im Berliner Theater Strahl Premiere. Es geht um Körperkontakt und Umgangsformen: Was ist übergriffig und was angemessen? Von Magdalena Bienert

Es drängelt und schiebt sich aus dem Foyer ins Theaterinnere. Bevor jeder seinen Platz findet, laden die Tänzerinnen und Tänzer zu einer individuellen Begrüßung ein: per High Five, Umarmung oder Fingerhakeln. Oha. Möchte ich mich jetzt gerade körperlich berühren lassen oder sage ich nur "Hallo"? Naja, ein cooles High Five geht immer. Mit 20-minütiger Verspätung geht es endlich los. Aber persönliche Begrüßung braucht eben Zeit und die Idee ist schön.

Tänzerinnen und Tänzer tanzen eine Szene in "Can touch this" (Quelle: Jörg Metzner)
Das Spielerische wird immer wieder durch moderne Tanzszenen aufgebrochen | Bild: Jörg Metzner

Berührung ein menschliches Grundbedürfnis

Die zwei Tänzerinnen und die drei Tänzer springen mit Affenlauten und zu Dschungelsound-Untermalung auf die Bühne. Die tanzende Affenbande, alle in grünen Jeans und weißen T-Shirts, kreischt auf, wenn sie sich untereinander berührt. Während alle nach und nach den aufrechten Gang einnehmen, erfährt das Publikum alles zum Thema Säugetiere. Vom Band hört man eine ruhige männliche Stimme, die von "Mammalia", den Säugetieren  erzählt: den Wirbeltieren, deren Mütter die Fähigkeit haben, ihre Kinder durch ihre Milchdrüsen zu säugen.

Zu dem Erzählten machen die Fünf humoristisch Pantomime und es ist schnell klar, warum wir das gerade hören: Berührung ist und war schon immer ein menschliches Grundbedürfnis. Wie schnell das Bedürfnis kippen kann, oder in Zu- oder Abneigung umschlägt, wird wenig später durch lautes akustisches Gewisper deutlich. Jeder flüstert ein kleines Geheimnis, was mal witzig ist, wie: "Einige von uns mögen volle S-Bahnen" oder tragisch: "Einer von uns wurde als Kind von seinen Eltern nie umarmt". Wer sich angesprochen fühlt, macht sich in der Fünfergruppe auf der Bühne bemerkbar. Eine intime und berührende Idee.

Online-Sex versus echte Nähe

Aufgebrochen wird das Spielerische immer wieder durch dynamische, zeitgenössische Tanzszenen zu Musik von James Blake oder Nina Simone. Das Ensemble, bestehend aus Rebekka E. Böhme, Jana Heilmann, Michael Kaddu, Michele Meloni und Balázs Posgay, bildet dabei nur selten eine choreographische Einheit, vielmehr findet jeder deutlich als Individuum statt. Besonders eine minutenlange rhythmische Sportgymnastik-Einlage mit einem rot-weißen Flatterband zum Dirty Dancing Hit "Time of my life" macht augenzwinkernd klar: bitte nicht anfassen. Trotzdem fallen sich am Ende alle liebevoll in die Arme.

"Can touch this" ist das fünfte Tanzstück vom Theater Strahl (diesmal zusammen mit der performing:group aus Köln) und wurde vom Projekt "Offensive Tanz" speziell für Minderjährige entwickelt.

Das Projekt vernetzt verschiedene Akteure der zeitgenössischen Tanz- und Theaterszene für Kinder und Jugendliche. Das erklärt vielleicht, warum die Performance so lieblich bleibt. Die 50 Minuten sind kurzweilig und physisch stark, die Tänzerinnen und Tänzer wunderbar. Aber das Stück möchte ja dem Dilemma einer sexualisierten Welt und der Überforderung von echter Nähe nachspüren. Was ist übergriffig und was angemessen? Wie können Kinder und Jugendliche einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Körperlichkeit entwickeln?

Diese Fragen stellt zumindest der Pressetext und der Ansatz ist absolut richtig, doch die Umsetzung bleibt lückenhaft. Ein paar mehr Minuten mit ernsthafter Auslotung von (auch Schmerz-) Grenzen hätten nicht geschadet. So kratzt das Stück an der Oberfläche, stellt aber den Zuschauern keine weiteren Fragen. Das ist schade, denn Berührung darf gerne auch im Kopf stattfinden.

Sendung: Inforadio, 22.01.2020, 06:55 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Filmstill aus dem Kurzfilm "Cause of Death" (Bild: Blackboard Trust)
Blackboard Trust

Berlinale | Filmtipps - Von Erfurt bis Lagos

Ein Truck spricht Mut zu, ein Tanzensemble erkundet den Rausch der Masse, zwei Nigerianer träumen von Europa: Fabian Wallmeier empfiehlt drei Filme aus Forum und Panorama - und das beste Programm des Kurzfilm-Wettbewerbs.