Katja Hiller als Berit Rosenberg während der Fotoprobe zu <<die welle 2020>> im Grips Theater am Hansaplatz in Berlin, Januar 2020. (Quelle: imago images/M. Müller)
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Audio: Inforadio | 16.01.2020 | Magdalena Bienert | Bild: imago images/M. Müller

Theaterkritik | Berliner Grips-Theater - Verstörend aktuell: "#diewelle2020"

Das Buch "Die Welle" ist immer noch an vielen Schulen Pflichtlektüre. Die Uraufführung "#diewelle2020" im Berliner Grips-Theater hat am Mittwochabend gezeigt, wie relevant der Stoff auch heute noch ist. Von Magdalena Bienert

"Stellt euch vor, ich könnte euch beweisen, dass man Stärke durch Disziplin erzeugen kann, gleich hier im Klassenzimmer!" Berit Rosenberg hat sich einen Plan überlegt, wie sie ihre unaufmerksamen Schüler und Schülerinnen an einer Berliner Gesamtschule mehr für das Dritte Reich interessieren kann. Sie zeigt Filmausschnitte aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Eine echte Doku flimmert kurz durch den Raum, wir alle kennen die Bilder: die großen Brillenhaufen, Schuh- und  Kofferberge, die "Brausebäder".

Im ausverkauften Berliner Grips-Theater, das überwiegend mit Teenagern besetzt ist, hört man plötzlich kaum mehr ein Atmen. Berit Rosenbergs Klassenclown fragt danach nur: "Was hat das mit uns zu tun? Das waren ein paar hässliche alte Arier, die dumm waren!" Mitnichten. Das weiß die Lehrerin, aber auch sie kann keine Antwort auf die Frage finden, wie es überhaupt zum Holocaust kommen konnte. Schülerin Laura sagt: "Nur 11 Prozent waren doch überhaupt nur in der Partei". Die Lehrerin geht einen gewagten Versuch ein.

Ludwig Brix als David Kater, Frederic Phuong als Benjamin Börne, Marius Lamprecht als Robert Landmann, Katja Hiller als Berit Rosenberg, Alina Strähler als Laura Sanders, Christian Giese als Paul Sanders, Esther Agricola als Anna Kempowski, Regine Seidler als Ellen Rosenberg und Lisa Klabunde als Alexandra Staiger, v.l., während der Fotoprobe zu <<die Welle 2020>> im Grips Theater am Hansaplatz in Berlin, Januar 2020. (Quelle: imago images/M. Müller)
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Damit sich der "Vogelschiss in der Geschichte Deutschlands" nicht wiederholt

"Die Nazis waren kein Vogelschiss in der Geschichte Deutschlands. Ich wollte den extremsten Endpunkt einer faschistischen Diktatur so spürbar machen, dass wir von da an den 2. Weltkrieg unter diesem Blickwinkel analysieren können." Dass Morton Rhues Jugendbuch-Klassiker in der Jetztzeit spielt, wird immer wieder durch aktuelle Bezüge und oder AfD-Zitate unterstrichen – der Stoff verlangt auch förmlich danach.

Und so startet die Geschichtslehrerin (übrigens verpartnert mit der Musiklehrerin) ihr Experiment, das sich nach wenigen Tagen verselbständigt. Robert, der Außenseiter wird dank der Welle endlich Teil der Gemeinschaft und gleichzeitig ihr stärkster Befürworter. Die Mädchen Laura und Alex, die sich gegen die Bewegung stellen, werden dafür angefeindet. Während es in Rhues Vorlage von 1981 ein jüdischer Mitschüler ist, der angegriffen wird, ist es in der Berliner Version ein libanesischer Junge, der neu auf die Schule gekommen ist.

Alina Strähler spielt beeindruckend die Figur der Laura, die sich von ihrem Freund David trennt, weil der blind zur "Welle" hält, egal, um welchen Preis. Sie schreit ihn an: "Das ist kein Spiel mehr! Menschen werden angegriffen!" David redet sich raus: "Da haben sich dämliche Neonazis unsere Idee gegriffen und ihren Scheiß gemacht!"

Die Welle gerät außer Kontrolle

Die Lehrerin hat die Kontrolle über ihr Experiment verloren, die Bewegung vergrößert sich rasch und sie "tut alles, um die Utopie zu schützen". Als Rosenberg einen Schlussstrich setzen möchte, eskaliert die Situation. Besonders Einzelgänger Robert möchte das Ende nicht wahrhaben.

Esther Agricola als Anna Kempowski, Ludwig Brix als David Kater, Alina Strähler als Laura Sanders und Frederic Phuong als Benjamin Börne, v.l., während der Fotoprobe zu <<Die Welle 2020>> im Grips Theater am Hansaplatz in Berlin, 13. Januar 2020. (Quelle: imago images/M. Müller)
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Gelungene, moderne Bühnenfassung von Jochen Strauch

Dieses Experiment gab es wirklich. Der kalifornische Lehrer Ron Jones unternahm es 1967 mit seiner High School Klasse. Darauf bezieht sich der Film von 1981, aus dessen Drehbuch schließlich der Roman von Morton Rhue entstand und zum Klassiker wurde.

"#diewelle2020" in der Bühnenfassung und unter der Regie von Jochen Strauch ist eine wirklich starke Ensembleleistung, allen voran Katja Hiller als Lehrerin.

Hinzu kommen Live-Musik, Videoelemente und ein beeindruckendes Bühnenbild, das hauptsächlich durch eine klappbare Wand und Kreide alle Räume entstehen lässt.

Der zweite Teil verliert zwar etwas an Kraft aber "Die Welle" ist und bleibt ein bewegender Stoff, der in dieser modernen Fassung des GRIPS Theaters einmal mehr den Blick schärft und zum Nachdenken anregt. Absolut empfehlenswert.

Beitrag von Magdalena Bienert

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich darf Sie korrigieren:

    Es gibt nicht nur "den" Film, sondern DIE Filme (der erste lief schon häufig im Fernsehen).
    Im Zeitalter von "Fridays for Future" und "MeToo" ist Mitläufertum in der Tat ein heißes Eisen (das man sich freilich immer nur von EINER Seite aus anzupacken traut) und ich frage mich ab und an, warum nicht auch "1984", "Farm der Tiere" oder "Schöne neue Welt" in Deutschlands Schulen Pflichtlektüre sind.

  2. 1.

    Sowohl das erschreckende Experiment von 1967 als auch der Film und jetzt die Theateraufführung offenbaren das Verhängnisvolle des Mitläufertums und der starren Autoritätsfixiertheit. Auch das Milgram-Experiment der Weißkittel, denen blind gefolgt wurde selbst bei Verbrechen, fußt darauf.

    Die Schreierei hat in diesem Land zwar weitgehend ihr Ende gefunden - außer ggf. bei einschläigen AfD-Veranstaltungen -, das Mitläufertum jedoch noch lange nicht.

    * Das aufkommende "Follower"tum im Internet, bei dem die bloße Anzahl der Likes über dem jeweiligen Argument selbst steht,
    * spezifisch in Deutschland: dass eine bestens funktionierende Maschinerie per se besser sei als eine, die zuweilen stockt und
    * dass ein einmal beschlossenes Gesetz unabhängig aller Umstände bis zum letzten Punkt und Komma durchgesetzt werden muss,

    sind geradezu Garanten dafür, dass sich das Genannte tagtäglich Bahn brechen kann. - Entschuldigung für meine Düsternis zuweilen.

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