Ich bin nicht Mercury im Schlossparktheater (Bild: DERDEHMEL/Urbschat/Schlossparktheater)
Audio: Inforadio | 13.01.2020 | Ute Büsing | Bild: DERDEHMEL/Urbschat/Schlossparktheater

Theaterkritik | "Ich bin nicht Mercury" - Ohne gesprochene Worte wäre es so schön

Eine Band will ein Queen-Cover-Album aufnehmen - doch der Sänger ist, wie einst Freddie Mercury, schwer krank. Der Abend im Berliner Schlosspark-Theater ist musikalisch beachtlich, aber die Story ist ein Schmu mit homophoben Nicht-Dialogen. Von Ute Büsing

Dies ist kein Theaterstück mit Musik. Dies ist schon gar kein Musical. Vielmehr ist "Ich bin nicht Mercury" eine Hommage an den Queen-Sänger Freddie Mercury und die berühmtesten Hits seiner Band in Gestalt eines veritablen Konzerts. Es ist ein Showcase für geschulte Musical-Stimmen, eine Variation von "Stars in Concert".

Angeführt von Thomas Borchert, bekannt aus "Tanz der Vampire" und "Graf von Monte Christo", im labbrigen, güldenen Glitterhemd schlüpfen die ebenso vielbeschäftigen Musical-Kollegen Sophie Berner ("Cabaret"), alternierend mit Frederike Haas ("Chicago") Marco Billep ("West Side Story") und Michael Ernst ("Dirty Dancing") in die Rollen der Mitglieder einer Band, die kurz vor der Studioaufnahme eines Albums mit Queen-Covern steht.

Homosexualität als Trennungsgrund

Wie das so sein soll im Musiker-Milieu, scheint das Platten-Projekt gründlich schief zu gehen. Denn Leader Chris hat spät seine Homosexualität entdeckt und erschüttert Sängerin und Freundin Lisa damit in den Grundfesten. Warum eigentlich, fragt sich diese Zuschauerin - auch wenn das Leben von Mercury Pate steht, der allerdings lebenslang mit seiner langjährigen Lebensgefährtin verbunden blieb, ihr auch alles vererbte. Doch "das" (also das Schwulsein) ist der Lisa im Stück unbekannt. Weil sie nicht mit Frauen um Chris konkurriert, fühlt sie sich besonders betrogen.

Dann droht die Plattenaufnahme abgesagt zu werden und Sänger Frank zeigt Erschöpfungszustände im Zusammenhang mit einer hier nicht genannten tödlichen Krankheit, bei der es sich nur um Aids handeln kann. Daran starb Mercury 1991. Im Stück will Chris, von Frank in einem kitschigen Dialog-Fragment darum gebeten, ihn auf seiner "letzten Reise" begleiten. Die Coverband fliegt nach der dann doch wieder angesagten Studioaufnahme also auseinander.

Dürftige, homophobe Story

Die dürftige Story von Regisseur Thomas Schendel ist ein Schmu, ein Nicht-Text mit unterschwellig homophoben Nicht-Dialogen. Chris wird vorgehalten "nach Fusel zu stinken" und "was weiß ich, auf welchem Scheißhaus du dich herumgetrieben hast". Dem Kollegen von Veggie Radio, der hinter mir etwas von "broadwayreif" murmelt, kann nur heftig widersprochen werden.

Unabhängig vom indiskutablen "Theaterstück" verdient der Ausflug der sonst auf Musical geeichten Sängerinnen und Sänger in die Popmusik der 1970er und 1980er Jahre durchaus Beachtung. Liebevoll fuchsen sie sich in den typischen Mercury- und Queens-Sound ein, in Falsett-Gesänge, Music Hall, Disco oder Funk - von "Bohemian Rhapsody" über "Another One Bitesthe Dust" bis zu "The Show Must Go On" und "We Are the Champions". Die musikalische Leitung der Begleitband liegt beim hochbewährten Bühnenmusiker Harry Ermer. Also: Alles schön, käme der Zweistünder ohne gesprochene Worte aus und hieße er: Stars in Concert, eine Hommage an Freddie Mercury.

Sendung: Inforadio, 13.01.2020, 07:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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