Carrington-Brown in der "Bar Jeder Vernunft" in Berlin (Quelle: imago-images)
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Audio: Inforadio | 24.01.2020 | Hans Ackermann | Bild: imago-images

Operette "Turnadot" - Die letzten Überlebenden des Brexit

Das Musik- und Comedy-Duo Carrington-Brown gastiert mit "Turnadot" in der Bar jeder Vernunft. In der Operette geht es um die haarsträubenden Folgen des Brexits für ein Opern-Ensemble. Diesbezüglich hat das Paar allerdings vorgesorgt. Von Hans Ackermann  

"Brexit, It’s A Catastrophy, Britains Now Think, They Are Free" - der Brexit ist eine einzige Katastrophe, singt das britische Musik- und Comedy-Duo Carrington-Brown in ihrem "Brexit-Song". Am Ende des Refrains werden noch einmal die drei Politiker benannt. die für das ganze Desaster verantwortlich sind: "David Cameron, Theresa May, Say Goodbye, Boris J!"

Der Song bildet den Auftakt zu "Turnadot", wie die beiden Comedians in Anlehnung an Puccinis Oper "Turandot" die "erste und kleinste Brexit-Operette der Welt" genannt haben. Pünktlich zum Ausstieg aus der EU feiert das abendfüllende Stück in der Bar Jeder Vernunft seine Berlin-Premiere.

Im Schlosstheater in Ludwigsburg hatten die beiden ihr Stück schon 2019 uraufgeführt. Damals war der Brexit bekanntlich noch einmal verschoben worden. Für die Berliner Premiere mussten jetzt nur "einige Namen" geändert werden, weil "Theresa May nicht mehr da ist. Boris Johnson hat ja gewonnen. Aber sonst ist alles, was wir in unserer Operette erzählen, das, was auch im wahren Leben passiert", erzählt Cellistin und Sängerin Rebecca Carrington.

Musiker sitzen am Flughafen fest

Wie im wahren Leben, aber mit einem schönen Maß an Übertreibung, präsentieren Carrington- Brown ihre haarsträubende Geschichte: Irgendwo auf dem europäischen Festland sollen zwei britische Musiker ganz allein eine große Oper aufführen. Gebucht worden war die ganze "Royal Imperial Victorian Opera Company" - doch nur die beiden dürfen nach Deutschland reisen, "weil sie schon eingebürgert sind und ein Reisepass haben". Alle anderen stranden am Londoner Flughafen Heathrow. Nur die beiden Musiker kommen am Opernhaus an und müssen alles allein machen, denn "Vertrag ist Vertrag".

Horace – Boris

Mit Cello und ausgebildeter Gesangsstimme erzählt Rebecca Carrington auf der Bühne die Geschichte von Horace Monsense alias Boris Johnson. Wie gut muss man eigentlich Englisch sprechen, um all die Anspielungen in den Liedern zu verstehen? "Wir haben diese Operette in Deutschland für die Deutschen geschrieben. Dabei benutzen wir natürlich diesen übertriebenen britischen Akzent." Rebecca Carrington demonstriert das affektierte Sprechen, imitiert einen schrillen Trinkspruch, in dem "Gin" und "Tonic" und auch das F-Wort vorkommen. Nach über zwölf Jahren in Deutschland wollen die beiden herausgefunden haben, "dass die Deutschen all das verstehen und lieben".

Alles auf Denglish

In der Tat liebt man hierzulande den Humor des Duos, das schrullige Auftreten und die amüsanten Bühnentexte. In einer lustigen Mischung aus Deutsch und Englisch wird daraus "Denglish". Ihre Lieder singen die beiden allerdings immer in der Muttersprache, wobei sprechende Titel wie "Chinese Cooking Song" oder "Botox-Baby" den Inhalt ahnen lassen. Wie bei "Now The Ship Is Really Sinking" aus dem "Anti-Brexit-Song" erklärt sich vieles von alleine. Während die "Britannia" gerade versinkt, erklärt die frühere Premierministerin "Tahina Hay", dass sie schon immer gegen den Brexit gewesen sei. Entlarvende Komik, die ein trauriges Kapitel britischer Europapolitik mit Humor aufspießt.

Einfach bekloppt

Nur mit viel Humor, so die Erkenntnis beim Operettenabend von Carrington-Brown, kann man die "Katastrophe Brexit" ertragen. Auch die beiden britischen Comedians haben vorgesorgt und schon vor einiger Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Ihre Dokumente konnten sie nach bestandenem Einbürgerungstest in einem Berliner Bürgeramt in Empfang nehmen.

Ein glücklicher Moment sei das gewesen, erinnert sich Rebecca Carrington: "Jetzt haben wir einen britischen und einen deutschen Reisepass. Wir sind beides, können entscheiden, heute bin ich deutsch, heute bin ich englisch". Und Ehemann Colin Brown ergänzt: "Wir spielen in verschiedenen Ländern, in Frankreich, Belgien. Wenn man für jede Reise ein Visum brauchen würde, das ist doch bekloppt!"

Beitrag von Hans Ackermann

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1 Kommentar

  1. 1.

    Da können es offenbar einige nicht ertragen, daß es in Kürze 1000 km weiter westlich - und damit gar nicht so weit weg - einen Platz geben wird, der frei von der deutschen Meinungs- und Haltungsregulierung sein wird und wo das Volk künftig wieder über sein eigenes Geschick frei entscheiden können wird. Nachtreten bleibt Nachtreten, auch wenn es unter dem Deckmantel von Kunst oder Satire geschieht.

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