Ein Journalist fotografiert am 12.02.2020 während der Pressekonferenz zur Ausstellung "Du musst Caligari werden! Das virtuelle Kabinett" in der Deutschen Kinemathek in Berlin (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: rbb24 | 12.02.2020 | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Ausstellung in Berlin - "Caligari ist einer der ersten Psychothriller"

Vor 100 Jahren kam mit "Das Cabinet des Dr. Caligari" einer der einflussreichsten deutschen Filme in die Kinos. Eine Jubiläumsausstellung in der Deutschen Kinemathek in Berlin zeigt, wie einflussreich er für die Filmgeschichte war - bis in die Gegenwart. Von Oliver Kranz

Graue Wände, abgedunkeltes Licht, Filmmusik: In einer sargähnlichen Kiste wartet Cesare – eine Puppe, die den Schlafwandler zeigt, der im Film zum Mörder wird. "Wir wollten den stilbildenden Einfluss zeigen, nicht nur der Sets, sondern auch der Figur des Somnambulen, des Cesare, damals verkörpert von Conrad Veidt. Der ist jetzt als eine interaktive Figur zu sehen, der durchaus Schrecken auslösen kann", erklärt Kristina Jaspers. Gemeinsam mit Peter Mänz hat sie die Ausstellung "Du musst Caligari werden! - Das virtuelle Kabinett" in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz in Berlin zusammengestellt.

Einer der ersten Psychothriller

Von Zeit zu Zeit schlägt die Puppe überraschend die Augen auf - ein wahrer Geisterbahneffekt. Ansonsten trägt die Ausstellung sehr sachlich Dokumente zusammen, wie alte Filmplakate, handschriftliche Notizen des Drehbuchautors oder Modelle des Szenenbilds. "'Das Cabinet des Dr. Caligari' gehört sicher zu den einflussreichsten Filmen der Filmgeschichte. Und das aus vielerlei Hinsicht. Da ist natürlich die Ästhetik", sagt Kristina Jaspers. "Dieser Film ist ganz bewusst antirealistisch. Er will nicht realistisch aussehen, sondern es gibt gemalte Kulissen."

Diese Kulissen sehen aus wie expressionistische Gemälde mit groben Pinselstrichen und verzerrten Perspektiven. Dies sei stilbildend bis in die Gegenwart, wie Filme von Tim Burton zeigten, die auch mit schrägen Perspektiven und gemalten Illusionen arbeiteten, sagt Kristina Jaspers. "Es gibt aber auch noch andere wichtige Aspekte an diesem Film. Zum Beispiel ist es einer der ersten Psychothriller."

Der Film von Robert Wiene, der im Februar 1920 Premiere feierte, erzählt die Geschichte des Schaustellers Dr. Caligari, der dem Publikum auf dem Jahrmarkt einen Schlafwandler präsentiert. In den Nächten geschehen rätselhafte Morde und bald scheint klar zu sein, dass Caligari den Somnambulen damit beauftragt hat. Doch am Ende sieht man den Ermittler in einem Irrenhaus. Interessant sei, dass der Film eigentlich offen lasse, ob das ganze Wahn oder Wirklichkeit sei, so Jaspers. "Es gibt eine Rahmenhandlung. Die lässt vermuten, das Ganze findet in einer Irrenanstalt statt und wir reden mit einem Kranken und vielleicht hat er sich das alles nur ausgedacht. Ist Caligari der Arzt oder ist Caligari der Wahnsinnige?"

Innovative Werbekampagne

Um die Produktion rankten sich viele Legenden, erzählt die Kuratorin. Gleich mehrere Künstler behaupteten zum Beispiel, die Rahmenhandlung erfunden zu haben. "Hermann Warm hat einen wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung und Hans Janowitz, der Drehbuchautor, hat ganz wesentlich auch auf die Handlung Einfluss genommen", sagt sie. In der Ausstellung wird auch das einzige erhaltene Drehbuch gezeigt. "Das ist eine sehr frühe Fassung, in der es die Rahmenhandlung noch gar nicht gibt."

Innovativ war auch die Werbekampagne für den Film - von ihr hat die Ausstellung den Titel übernommen. "In Filmzeitschriften war die Anzeige 'Du musst Caligari werden' zu sehen, aber keiner wusste, was Caligari ist", sagt Jaspers. "Das blieb bis zum Schluss offen und wurde dann erst enthüllt, als der Film in die Kinos kam. Man denkt, das ist eine Technik des 21. Jahrhunderts, aber das haben die damals schon ausprobiert."

Mit Virtual-Reality-Brille durchs Filmset

Vor 100 Jahren hatte der Film Premiere. Die Ausstellung präsentiert auch eine virtuelle 3-D-Installation, die das Goethe-Institut Warschau aus diesem Anlass in Auftrag gegeben hat. Wer eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt, kann sich fünf Minuten lang durchs Filmset bewegen und dem Somnambulen Cesare begegnen - eine Technikspielerei, die den Film vielleicht für ein jüngeres Publikum interessant macht. Man kann um die Figur herum gehen, die Zuschauperspektive selbst wählen. Über den eigentlichen Caligari-Effekt erzählt das jedoch wenig - denn der basiert auf einer verrätselten Handlung und der expressionistischen Ästhetik.

Eine virtuelle Reise durch das Cabinet des Dr. Caligari

Sendung: Inforadio, 12.02.2020, 16:55 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

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3 Kommentare

  1. 2.

    Der im Artikel erwähnte Schauspieler, der den Cesare verkörperte, war Conrad Veidt. Das im Artikel verwendete "Konrad Veith" ist zwar phonetisch äusserst verwandt, aber dennoch nicht korrekt. ;-)

  2. 1.

    Für einen Filmfreak wie mich ist das ein ganz toller Artikel. Gerne hätte ich mehr davon...

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