Bov Bjerg © Gregor Baron
Audio: Inforadio | 06.02.2020 | Interview mit Bov Bjerg | Bild: Gregor Baron

Interview | Bov Bjerg über "Serpentinen" - "Das Thema ist natürlich ganz schön finster"

In Bov Bjergs neuem Roman "Serpentinen" reist ein Vater mit seinem kleinen Sohn in die alte Heimat. Nach seinem leichthändig erzählten Bestseller "Auerhaus" präsentiert der Berliner Autor eine düstere Familiengeschichte. Ein Gespräch über Kindheit, Elternsein und Erfolg. 

rbb: Herr Bjerg, "um was geht es also?" Mit dieser Frage beginnt Ihr neuer Roman, und diese Frage gebe ich an Sie zurück: Worum geht es Ihnen in "Serpentinen"?

Bov Bjerg: Könnte ich das in einem Satz beantworten, hätte ich wahrscheinlich keine 250 oder 270 Seiten darüber geschrieben. Um was geht es? Es geht um alles! Es geht ums Leben. Es geht darum, wie man sich von den Dämonen der eigenen Vergangenheit befreit. Das ist der wesentliche rote Faden. Und dann gibt es eine Menge Rückblenden in die Familiengeschichte des Protagonisten.

In Ihrem letzten Roman "Auerhaus" ging es vor allem um das Erwachsenwerden. In "Serpentinen" kehrt Höppner, der Held von damals, in die schwäbische Provinz zurück, aus der er geflohen war. Haben Sie das von vorneherein als einen Fortsetzungsroman gedacht?

Das wollten natürlich alle, vor allem die Verlage. Ich hab mich immer dagegen gewehrt. Dass sich der Ich-Erzähler auch Höppner nennen, jedenfalls am Anfang, und dass immer wieder Anspielungen auf seine Jugend auftauchen, war eher ein privates Spiel für mich. Wie der Höppner in "Auerhaus" hat natürlich auch dieser Ich-Erzähler Teile von mir selber und meiner Vergangenheit. Und da fand ich es reizvoll, einfach den Namen zu übernehmen.

Der Protagonist reist mit seinem jungen Sohn in die schwäbische Provinz, an Orte seiner Vergangenheit. Was genau sucht er da?

Das ist anfangs gar nicht klar. Es könnte auch einfach ein längerer Ausflug in den Ferien sein. Relativ bald wird aber klar, dass der Vater womöglich etwas viel Düsteres vorhat. Und darum geht es dann.

"Auerhaus" war sehr leicht im Tonfall, "Serpentinen" ist wesentlich düsterer, ernster. Der Protagonist leidet darunter, dass sich sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater umgebracht haben. Im Text gibt es Anspielungen, dass er vielleicht sich oder auch dem Jungen etwas antun könnte. Kann man sich daraus überhaupt befreien?

Der Vater leidet offensichtlich an wiederkehrenden, ziemlich schweren Depressionen. Woher diese Depressionen und diese Niedergeschlagenheit kommen, entfaltet sich im Laufe des Romans in den Rückblenden.

Es ist ein schweres Erbe, das auch ein wenig für die Altlast der Vergangenheit steht, die uns heute auch prägt. War das vielleicht ein Antrieb, dieses Buch zu schreiben?

Es gab eine Menge Anlässe, Eindrücke. Ich habe jetzt selber Kinder, und man durchlebt unweigerlich die eigene Kindheit nochmal. Und man muss aufpassen, nicht die gleichen Fehler zu machen, die die eigenen Eltern gemacht haben, und den Kindern nicht die Belastungen aufzubürden, die man selber noch spürt. Eigene Kinder großzuziehen ist durchaus eine Möglichkeit, sich von seiner Vergangenheit zu befreien. Schon allein deshalb, weil die Kinder natürlich in die Zukunft weisen.

Sie lesen sehr oft in Schulen. Was erleben Sie da, was diskutieren die Schüler?

Wenn die Schüler das Buch – "Auerhaus" – tatsächlich gelesen haben, dann entspinnen sich immer sehr interessante Gespräche für mich. Dann geht es um die Frage der freien Liebe, und manchmal geht's auch ganz schlicht um die Frage: Was verdient denn ein Schriftsteller so? Ich lese sehr gern in Schulen. Denn ich hatte in dem Alter auch Vorbilder gesucht, die etwas anderes machen als das, was ich kannte – nämlich harte körperliche Arbeit oder arbeitslos zu sein. Und dann als jemand hinzugehen, der sagt, ich verdiene mein Geld, indem ich Geschichten aufschreibe, finde ich sehr sinnvoll.  

Wie schwierig ist es, heute  jenseits traditierter Eltern-Rollen seinen eigenen Weg zu finden?

Es ist heute für beide Geschlechter wesentlich einfacher, sich gemeinsam darauf zu einigen, was man möchte. Früher war man festgelegter. Wenn ich meine Kinder damals so erzogen hätte, wie ich sie heute erziehe, wäre ich sicher merkwürdig angeguckt worden. Ich versuche, möglichst viel präsent zu sein, auch zu Elternabenden zu gehen. Andersrum arbeitet natürlich auch meine Frau. Generell ist diese klassische Rollenverteilung zum Glück sehr aufgebrochen. Aber aus scheinbaren Sachzwängen fallen wir immer wieder in alte Muster zurück. Aber trotzdem ist es heute ganz anders als früher. Zum Glück!

Sie selbst sind 1984 aus der schwäbischen Provinz nach Westberlin gezogen. Was hat Sie hierher gebracht?

Für mich war es tatsächlich wie bei Höppner in "Auerhaus" die Flucht vor der Bundeswehr. Ich wollte nicht zur Bundeswehr, und ich wollte ja auch keinen Zivildienst machen, weil ich die ganze Wehrpflicht abgelehnt habe. Dann blieb eigentlich nur der Gang nach Westberlin.

Sie haben in den Neunzigern die Lesebühnen-Bewegung mit begründet, etwa das Mittwochsfazit mit Horst Evers. "Auerhaus" war ein unglaublicher Erfolg, und ist sogar ins Koreanische übersetzt worden. Wie sehr hat Sie das überrascht?

Es hat mich schon sehr überrascht. Mein Roman davor war 224 Mal verkauft worden. "Auerhaus" ist sofort auf sehr positive Kritiken gestoßen, was mich schon überrascht hat. Warum die Koreaner das übersetzen – keine Ahnung. Ich weiß nur, dass das Südkorea ein sehr lesefreudiges Land ist und für den deutschen Buchmarkt sehr wichtig. Denn nach China ist Südkorea auf Platz zwei der verkauften Lizenzen. In Italien hat man es immer mit Salinger und "Catcher in the Rye" verglichen, was mir natürlich sehr schmeichelt.

Nach so einem Erfolg wird der Druck für das zweite Buch nicht unbedingt kleiner!

Ja, das sagt man immer, aber ich empfand es gar nicht so. Der Druck für mich selber war groß, weil das Thema natürlich auch ganz schön finster ist. Die erste Fassung zu schreiben, war nicht so angenehm. Aber da es ist eher ein bisschen die Angst, dass dieses überschwängliche Lob umkippt, wie es denn oft ist, und ich dann wirklich fies aufs Maul kriege für das Buch. Aber das ist bis jetzt nicht passiert. Und ich hoffe, das bleibt auch aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: Mit Bov Bjerg sprach Nadine Kreuzahler für Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

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