Filmstill aus "Das Cabinet des Dr. Caligari" (Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)
Bild: imago images/Prod.DB

100 Jahre Stummfilmklassiker - Im Rausch der Stille: "Das Cabinet des Dr. Caligari"

Der erste Psychothriller, ein expressionistisches Meisterwerk und der wohl einflussreichste deutsche Stummfilm aller Zeiten: "Das Cabinet des Dr. Caligari" brachte das deutsche Kino vor 100 Jahren in die Welt. Gedreht wurde er in Weißensee. Von Sebastian Schneider

Nichts in dieser Welt beruhigt: Die Wände stehen schief, die Fenster sind dreieckig, die Gassen der Kleinstadt scheinen jeden Moment in sich zusammenzufallen. Die Figuren: Verrückte, die Handlung: deprimierend. "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist ein expressionistischer Alptraum - und der erste Welterfolg des deutschen Kinos. Die Geschichte über einen Schlafwandler, der unter dem Einfluss seines dämonischen Herrn mordet, wurde im Oktober 1919 in Weißensee gedreht. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Vor 100 Jahren feierte der Film Premiere, "Caligari" tritt wieder aus dem Schatten. Zeit, zurückzublicken.

Die Handlung

Francis (Friedrich Fehér) und sein bester Freund Alan besuchen einen Jahrmarkt in ihrer Heimatstadt Holstenwall. Dort führt der unheimliche Schausteller Dr. Caligari (Werner Krauß) den Schlafwandler und Hellseher Cesare (Conrad Veidt) vor. Cesare sagt Alan dessen Tod voraus - in derselben Nacht wird Alan umgebracht.

Francis verdächtigt Caligari, der aber kann den Verdacht von sich weisen. In der Kleinstadt geschehen weitere Morde. Beim Versuch, Francis' Verlobte Jane (Lil Dagover) zu entführen, entkommt Cesare. Den fliehenden Caligari verfolgt Francis bis in ein Irrenhaus - und entdeckt, dass der offensichtlich Wahnsinnige der Leiter der Anstalt ist. Doch dort stellt sich die Frage, ob nicht in Wahrheit Francis geisteskrank ist.

Der Hintergrund

Berlin, 1919: Nach dem Ersten Weltkrieg liegt Deutschland am Boden, die Menschen leiden unter Hunger und Arbeitslosigkeit. Die Kinos zeigen leichte Unterhaltungsware, um die deprimierten Deutschen in die Vorstellungen zu locken. Die beiden jungen Drehbuchautoren Carl Mayer und Hans Janowitz fühlen sich davon unterfordert. Sie wagen etwas Neues: Ihre traumatischen Erfahrungen in den Schützengräben verarbeiten sie in "Das Cabinet des Dr. Caligari" – einer Geschichte über Angst, Identitätsverlust und den Missbrauch von Macht.

"Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft. Das wurde in unserem Film durch (...) den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt charakterisiert, der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte", schrieb Mayer später. Um das Drehbuch zu verkaufen, fahren die beiden an den Stadtrand Berlins, nach Weißensee. Der Arbeitervorort ist damals das Zentrum der deutschen Filmindustrie – in Babelsberg steht nur ein kleines Studio.

Erstmal zum Pfandleiher

Mayer und Janowitz platzen während der Mittagspause ins Büro des Produzenten Erich Pommer in der heutigen Liebermannstraße. Sie lesen Pommer, dem Chef der Decla-Filmgesellschaft, aus ihrem Drehbuch vor. Er zahlt den beiden Newcomern auf Anhieb 4.000 Mark  – für damalige Verhältnisse sensationell. Als erstes lösen sie ihre Zigarettenetuis beim Pfandleiher aus. 

Pommer bietet "Dr. Caligari" dem jungen österreichischen Regisseur Fritz Lang an, der aber sagt wegen eines anderen Drehs in Weissensee ab. Stattdessen übernimmt der 37-jährige Robert Wiene. Bisher ist das Studio für seichte Detektivstories wie den "Hund von Baskerville" bekannt.

Wiene aber will anspruchsvolle, experimentelle Filme drehen, er will dem jungen, noch belächelten Medium Film zu künstlerischer Anerkennung verhelfen. Für die Hauptrolle engagiert er den Theaterstar Werner Krauß, der bereits als Hamlet überzeugt hat. Conrad Veidt, der den Schlafwandlers Cesare spielt, hat kurz zuvor schauspielerischen Mut bewiesen: Er verkörperte einen Homosexuellen, damals ein Skandal.

Eine virtuelle Reise durch das Cabinet des Dr. Caligari

Die Dreharbeiten

Im Oktober 1919 wird "Das Cabinet des Dr. Caligari" innerhalb von nur einer Woche abgedreht. Die Stummfilmfabriken produzieren im Akkord – und die Decla-Film steht kurz vor dem Konkurs. Um zu sparen, werden die "Caligari"-Kulissen aus Sperrholz, Papier und Leim gebastelt. Der Ausstatter Hermann Warm und seine zwei Kollegen sind von der expressionistischen Künstlergruppe "Der Sturm" fasziniert. Die Vision des Regisseurs stachelt sie an. "Wir drei Maler schafften immer bis in die Nacht hinein, wie in einem Taumel. Es war die damalige neue Welle, die alle Mitwirkenden umspülte", erinnert sich Warm später.

Für "Caligari" kehren sie den Wahnsinn der Figuren nach außen: Sie erschaffen schiefe Schornsteine, kippende Häuser, Dächer, die im Zick-Zack verlaufen. Im Film geistern die Darsteller durch diese Traumwelt, als seien sie nur Teil eines expressionistischen Gemäldes. Der spinnengliedrige Cesare mit seiner kalkweißen Fratze wirkt wie eine durchgedrehte Version des Ballettänzers Rudolf Nurejew.

Er enthält so viel Können, Intelligenz, Gewandheit und Verschlagenheit, dass man wünschen möchte, ein Amerikaner hätte denselben gemacht."

Rezension im "New York American", 1921

Der erste deutsche Blockbuster

Die Decla riskiert viel mit diesem kühnen Psychothriller. Erich Pommer aber ist ein Vermarktungsgenie. Schon Wochen vor der Premiere des Films kleben in ganz Berlin Plakate mit dem rätselhaften Slogan: "Du musst Caligari werden!" Heute würde man sagen: Guerilla-Marketing.

Am 26. Februar 1920 feiert "Das Cabinet des Dr. Caligari" im Marmorhaus am Kurfürstendamm Premiere – er wird ein weltweiter Erfolg. Im ersten Monat zeigt das Kino gegenüber der Gedächtniskirche den Film 150 Mal. "Er enthält so viel Können, Intelligenz, Gewandheit und Verschlagenheit, dass man wünschen möchte, ein Amerikaner hätte denselben gemacht", kommentiert der "New York American" die Uraufführung in New York 1921. In Pariser Kinos läuft "Dr. Caligari" die nächsten sieben Jahre.

Von den Nazis vertrieben

In Deutschland begründet er eine kurze Phase expressionistischer Filme wie Paul Wegeners "Der Golem, wie er in die Welt kam" oder "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau. Doch schon 1922 kühlt der Hype wieder ab: "Caligaris" Erfolg lässt sich nicht kopieren.

Produzent Erich Pommer ist der Meinung, dass sich der Stil im Ausland nicht mehr verkauft. In Weißensee werden nun teure Monumentalfilme gedreht. Ende der zwanziger Jahre sind die Studios pleite. Das Decla-Atelier in der heutigen Liebermannstraße wird abgerissen. Als die Nazis an die Macht kommen, verbieten sie "Das Cabinet des Dr. Caligari" und stufen ihn als "Entartete Kunst" ein. Seine Schöpfer verlassen das Land.

Was bleibt

"Caligari" machte das deutsche Kino schlagartig populär, er ist einer der Schlüsselfilme für den späteren Aufstieg der Babelsberger Studios – und ermöglichte erst den Erfolg deutschsprachiger Regisseure wie Fritz Lang im Ausland. Seine Ästhetik beeinflusste "Citizen Kane" und den "Film Noir"; aber auch Tim Burtons Gruselkitsch oder David Lynchs Seelenspiegelungen wären ohne "Caligari" nicht denkbar. Grelle Lichter, spitze Schatten: "Das berühmte Helldunkel des deutschen Films", hat die Filmhistorikerin Lotte Eisner den Stil später genannt.

Vieles davon ist heute in Vergessenheit geraten. 94 Jahre lang lief "Das Cabinet des Dr. Caligari" in Kinos auf der ganzen Welt. Seine Bilder aber verstaubten in dieser Zeit, sein Zauber erlosch. Auf der Berlinale 2014 wurde zum ersten Mal eine digital restaurierte Fassung des Films aufgeführt, behutsam verjüngt und sichtlich leuchtend. Nun wird der Klassiker 100 Jahre alt, die deutsche Kinemathek am Potsdamer Platz ehrt ihn mit einer Sonderausstellung [deutsche-kinemathek.de]. Der deutsche Film verbeugt sich vor einem seiner entzückendsten Irren. Nur zehn Kilometer südwestlich einer kleinen Straße in Weißensee.

Der Horror aus Klein-Hollywood

Beitrag von Sebastian Schneider

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