Archivbild: DJ Shadow 2017 in Barcelona. (Quelle: imago images/Marta Perez)
Audio: Inforadio | 25.02.2020 | Bruno Dietel | Bild: imago images/Marta Perez

Frühkritik | DJ Shadow im Metropol - Ein virtuoser Perfektionist am DJ-Pult

DJ Shadow aus Kalifornien ist als Beatbastler im Hip-Hop eine Koryphäe. Er gilt als vinylsüchtig und absolut detailverliebt. Funktioniert das als Bühnenshow? Bruno Dietel hat im Metropol am Nollendorfplatz einen virtuosen Perfektionisten erlebt.

Schüchtern huscht DJ Shadow kurz auf die Bühne des im letzten Herbst wiedereröffneten Metropol. Ein schneller Kopfhörertest, dann übernimmt eine knarzige Computerstimme die Begrüßung. Ausschließlich Songs und Sounds von DJ Shadow selber wird es zu hören geben, der Produzent hebt wie zur Bestätigung den Zeigefinger – ja, das bin ich. Dann noch ein Mic Check, angeschnallt und eingestiegen in die Sampleachterbahn. Die Fans sind diesen musikalischen Vergnügungspark gewohnt. DJ Shadow gilt als rekordverdächtig, für ein Album hat er mal mehr als 500 Samples aus seiner riesigen Plattensammlung verwendet.

Perfektes Zusammenspiel aus Visuals und Klang

DJ Shadow steht unter einer kreisrunden Leinwand. Nach vorne durchsichtig, hinter ihm weiß – schon der visuelle Part der Show ist ein Spektakel. Zwischen blubbernden Blasen sieht Shadow aus wie ein zitternder Fisch im Aquarium. Die Umgebungen wechseln, Song für Song. Wir reisen durch das All, weichen knallig bunten Buchstaben in 90er-BRAVO-Optik aus, lassen giftgrüne Berglandschaften vorbeiziehen, tauchen in 2D-Computerspieleumgebungen ein, fliegen durch düstere Industriekulissen und beobachten nächtliche Autobahnen im Zeitraffer. Die Projektionen reichen bis in die Kuppel des Metropol, die Kronleuchter glitzern.

Ein harter Arbeiter am DJ-Pult

An seinem Pult hat sich DJ Shadow ein kleines Becken aufgebaut, er wechselt zwischen analogen und digitalen Klängen. Joshua Paul Davis – so DJ Shadows bürgerlicher Name – scratcht in atemberaubender Geschwindigkeit. Sein Instrument sind die Turntables. Er lässt organische Jazz-Klaviere mit trockenen Drums und massiven Subbässen gegeneinander antreten, spielt sich in einen Rausch aus Drum&Bass und Live-Scratch-Ekstase. Das ist knallharte, virtuose Pultarbeit, wie ein Dirigent in einer komplizierten Partitur jagen seine Finger zwischen Schallplatte und Laptop hin und her.

Zeitreise durch die Hip-Hop-Geschichte

Der Breakbeat- und Trip-Hop-Pionier lässt sich und seinem Publikum immer wieder Zeit für Zäsuren, erzählt von seinem ersten Besuch in Berlin vor 27 Jahren. Es war die erste europäische Hauptstadt, in der er auflegen durfte. Auch sein Set gleitet durch Hip-Hop- und Sample-Geschichte. Seit fast 30 Jahren schon ist er im Geschäft, viele Fans im Saal sind sicherlich durch ihn musikalisch sozialisiert worden. Shadow selber ist durch Vorbilder wie Grandmaster Flash und Public Enemy zum Hip-Hop gekommen.

Sanfter Typ, massiver Sound

Zwei Jahre lang hat DJ Shadow überhaupt keine Liveshows gespielt. Jedes Mal überlegt er sich vor einer Tour, ob ihn die Leute überhaupt noch sehen wollen. Was für eine Frage, das wollen sie unbedingt. Das Metropol am Nollendorfplatz ist ausverkauft und erlebt einen Produzenten mit einem sehr feinen Gespür für die Balance aus unterschiedlichsten musikalischen Sphären und aufbrechenden Rhythmen. So massiv der Sound, so zurückhaltend der Mann dahinter: Nach einem letzten Scratch-Gewitter verschwindet DJ Shadow so schnell und leise hinter der Bühne, wie er gekommen ist.

Sendung: Inforadio, 25.02.2020, 06:55 Uhr

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