Hildur Gudnadottir. (Bild: imago/Starface)
Audio: Inforadio | 09.02.2020 | Hans Ackermann | Bild: imago/Starface

Porträt über Hildur Gudnadóttir - Albtraum-Musik

Die Komponistin Hildur Gudnadóttir könnte in der Nacht auf Montag einen Oscar gewinnen. Sie hat dem Film "Joker" seinen düsteren Klang gegeben. Geboren wurde sie in Island, doch seit Jahren lebt und arbeitet sie in Berlin. Von Hans Ackermann

Fix und fertig kommt man aus dem Film "Joker" heraus. Die Musik von Hildur Gudnadóttir ist daran nicht ganz unschuldig. Mit ihrem Cello gibt die isländische Komponistin dem eskalierenden Wahnsinn der Hauptfigur Arthur Fleck einen Klang. Die Töne bleiben im Ohr und sogar im Bewusstsein, kehren Stunden später im nächtlichen Albtraum tatsächlich noch einmal zurück.

Die Trauer und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur spiegelt sich dabei manchmal nur in einzelnen Tönen wieder. Nicht jede Filmszene ist mit Musik unterlegt. Umso wirkungsvoller setzt der Soundtrack dann immer wieder ein. Gemischt mit Großstadtgeräuschen aller Art, verhallen die experimentellen Klänge in den Häuserschluchten von Gotham-City. Dort erfährt Arthur Fleck so viel Willkür und Ungerechtigkeit, dass seine gewalttätige Reaktion beinahe unvermeidlich erscheint. Diese langsame Zuspitzung bildet Hildur Gudnadóttir auch in ihrer Musik ab.

Inspiration für Joaquin Phoenix

Anders als bei früheren Filmen hat die 37 Jahre alte Musikerin bei "Joker" zunächst ganz ohne Bilder gearbeitet. Der Regisseur Todd Phillips hatte ihr schon einige Monate vor Drehbeginn seine Filmentwürfe als Manuskript zukommen lassen. Ihre musikalischen Einfälle zu diesen Skizzen entwickelte sie dann am Cello, schickte die fertigen Aufnahmen anschließend wieder zurück. Begeistert von ihrer Arbeit hat der Regisseur die Musik während der Dreharbeiten seinem Hauptdarsteller vorgespielt. Joaquin Phoenix habe teilweise erst zu dieser Musik seine eindrucksvolle Darstellung entwickelt. Ein ungewöhnliches Verfahren, das zeigt, wie wichtig die Filmmusik als Element der Erzählung sein kann - wenn sie von Hildur Gudnadóttir stammt.

Mit ihrem sieben Jahre alten Sohn lebt sie in Berlin, hat in Kreuzberg ihr "kleines Studio" - zu sehen in einem Internet-Video, das sie bei der Arbeit zeigt. Der Raum ist mit verschiedenen Celli und einem Computerarbeitsplatz ausgestattet. Zwei große Bildschirme gibt es dort, auf dem oberen Schirm läuft gerade ein Filmausschnitt aus "Joker", auf dem Schirm darunter sind die einzelnen Spuren des Soundtracks zu sehen.

Ungewöhnliche Spielweisen

Musik, Computer, Elektroakustik - die isländische Künstlerin hat all diese Fächer in Berlin studiert. Dabei werden an der Universität der Künste überwiegend klassische Musikerinnen und Musiker ausgebildet. Die akademische Einteilung in einen "richtigen" und "falschen" Umgang mit Bogen und Cello habe ihr aber nie zugesagt, wie Gudnadóttir in Interviews betont. Tatsächlich nutzt sie allerlei "unakademische" Spielweisen, um mit ihrem Instrument eben auch ungewöhnliche Geräusche zu erzeugen, sie am Computer zu bearbeiten oder elektroakustisch zu verfremden.

Sämtliche Filmkomponisten arbeiten heutzutage mit dem Computer - der allgegenwärtige Hans Zimmer, sicher auch der in Hollywood vielbeschäftigte Thomas Newmann. Mit seiner Musik für das Drama "1917" ist Newman ebenfalls für den Oscar nominiert, zum 15. Mal. So oft wie er wurde bisher niemand nominiert, ohne jemals zu gewinnen. Dieses Jahr könnte er wieder leer ausgehen, denn Gudnadóttir hat ihn bereits bei den Golden Globes geschlagen. Starke Konkurrenz kommt sicher auch von John Williams. Der Meister des orchestralen Soundtracks alter Schule hat den jüngsten "Star-Wars"-Film musikalisch untermalt.

Klänge für den Super-GAU

Während Williams, Zimmer und andere fast immer an ihrem jeweiligen Stil zu erkennen sind, überzeugt Gudnadóttir auch durch eine enorme stilistische Vielseitigkeit. Allein ihre beiden letzten Filmmusiken für "Joker"  und "Chernobyl" sind in vollständig unterschiedlicher Arbeitsweise entstanden. Bei "Joker" aus der Improvisation am Instrument. Für "Chernobyl" hingegen hat die Komponistin, in einem stillgelegten Atomkraftwerk echte Geräusche eingesammelt.

Dort in Litauen, wo der Film auch gedreht wurde, habe sie Stunden mit dem Mikrofon an einer riesigen Stahltür zugebracht, um die unterschiedlichsten Geräusche von Turbinen und Pumpen aufzunehmen, erzählt Gudnadóttir in einem Interview. Aus Tausenden solcher Tonschnipsel hat die Klangsammlerin dann eine Collage hergestellt. Kombiniert mit Musik hört man auch bei "Chernobyl" äußerst beängstigende Klänge.

Professionell und kreativ

Gudnadóttir stammt, wie sie sagt, aus einer "musikalischen Familie". Sie speist ihre Kreativität vor allem aus musikalischer Praxis, spielt als Cellistin seit rund 20 Jahren in verschiedenen Bands und Ensembles. Vor diesem "Bühnen-Hintergrund" hat sie viele Jahr lang auch immer wieder Musik für Theater und Film komponiert. Falls sie tatsächlich mit einem Oscar ausgezeichnet wird, kommt dieser Erfolg also keineswegs "über Nacht".

Dass sie den Preis erhält, daran kann es nach dem musikalischen Meisterwerk "Joker" eigentlich keinen Zweifel geben. Die Isländerin wäre damit erst die zweite Frau, die als Einzelkünstlerin den Oscar für die beste Filmmusik bekommt. 1998 hatte die Komponistin Anne Dudley für ihre Musik zur britischen Komödie "Ganz oder gar nicht" die Auszeichnung erhalten.

Beitrag von Hans Ackermann

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