Altin Gün am 17. 07.2018 auf dem Paleo Festival in Nyon, Schweiz. (Quell: dpa/Laurent Gillieron)
Audio: Inforadio | 06.02.2020 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Laurent Gillieron

Konzertkritik | Altin Gün im Astra - Wenn türkische Rockmusik plötzlich groovt und funkt

Türkische Rockmusik der 1970er Jahre, psychedelisch und groovend interpretiert. Das ist das ungewöhnliche wie erfolgreiche Konzept der Band Altin Gün, mit dem sie nun auch im Berliner Astra auftrat - und den Nerv des Publikums traf. Von Hendrik Schröder

Haben Sie schon mal etwas von Anadolu Rock gehört? Nein? Macht nichts, denn so wird es den meisten gehen. Anadolu Rock war eine Musikrichtung in der Türkei der 1970er Jahre, die bei uns nahezu unbekannt blieb.

Altin Gün beleben diesen Sound nun gänzlich neu: Wabernd und schwer groovend. Fünf Musiker und eine Musikerin stehen auf der Bühne und die Hälfte von ihnen sieht aus, als wären sie gerade von einem ausgedehnten Indientrip zurückgekommen. Bunte Hemden, Sänger und Saz-Spieler Erdinc mit ungekämmten langen Haaren und Schnauzbart, Sängerin Merve im schwarzen kurzen Kleid. Der Gitarrist spielt lässig aus dem Handgelenk, der Basser verharrt stoisch Läufe dreschend und mit dem Kopf zuckend auf einem Fleck, der Sänger lässt auch mal die Saz, die Langhalslaute, naturcool in der linken Hand baumeln und streut wie beiläufig mit der Rechten psychedelische Keyboard-Linien in die Musik ein.

Dazu Drums, Congas, Bongos – Altin Gün fühlen sich an wie ein einziger, lebender Organismus, voller Freude an der Musik, ohne Posen oder Allüren, verlieren sie sich im positiven Sinne auch mal bebend und schlackernd in endlosen Groove-Sessions, die das Publikum juchzend quittiert.

Türkische Musik aus den Niederlanden

Das wirklich Abgefahrene an Altin Gün ist, dass die meisten Bandmitglieder gar nicht aus der Türkei kommen, sondern aus den Niederlanden, der Gitarrist aus England. Basser Jasper hatte Altin Gün vor wenigen Jahren gegründet, nachdem er alte türkische Platten gehört hatte und verzaubert war. Über Anzeigen im Internet hatte er dann von Amsterdam aus erfolgreich nach Mitstreitern gesucht. Mittlerweile hat die Band zwei Alben veröffentlicht, tourt bejubelt um die Welt und verwandelt auch das Astra an diesem Abend in Berlin in einen bunten Tanztempel.

Psychedelische Musik, dabei wird nicht mal geraucht

Altin Gün machen psychedelische Musik, ein wenig wie auf LSD oder mindestens auf Hasch, dabei wird im Publikum nicht mal geraucht. Es klingt irgendwie türkisch, aber auch ein wenig nach Flower Power und Krautrock. Ohne dabei altbacken zu sein.

Gitarre und Saz kommen rüber wie ungleiche Verbündete, wie sie unisono schrille Melodien spielen. Dazu die derben, ausholenden Drum-Schläge und ein Bass, der hypnotisch auf dem immerselben Lauf tanzt. Viele Deutsch-Türken sind gekommen, die die Texte mitsingen, aber auch das Berliner Szene-Publikum aus Hipster, Freaks, Studenten und Touristen. Verrückt, dass diese 40, 50 Jahre alte Musik von ein paar jungen Besessenen gespielt, wieder oder immer noch so mitreißen kann.     

Sendung: Inforadio, 06.02.2020, 06.55 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Habe Altin Gün Anfang Dezember in Hamburg gesehen - eher zufällig - und bin immer noch schwer begeistert. Großartige Musiker, mitreissende Songs, ein tolles (sehr lockeres) Publikum: Ich hatte selten so viel Spaß bei einem Konzert! Beide Daumen hoch!

  2. 2.

    Türkischer Rock aus den 70er war auch schon vorher groovy unf funky. Was also labern Sie?

  3. 1.

    nice

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