Tom Smith, Sänger der britischen Band Editors singt auf der Bühne (Quelle: dpa/Bosio).
Audio: Inforadio | 04.02.2020 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Pacific Press/Alessandro Bosio

Konzertkritik | Editors im Ufo - Eine schweißtreibende Herzensangelegenheit

Nach zwei Jahren gaben sich die Editors mal wieder in Berlin die Ehre. Mit ihrem neuen Best-of-Album "Black Gold" traten die Briten im Ufo im Velodrom auf – kein Wort zum Brexit, aber dafür 15 Jahre Bandgeschichte satt. Von Magdalena Bienert

Das Ufo ist die noch recht junge, verkleinerte Hallen-Variante des Velodroms. Trotzdem fasst es 5.000 Menschen und die fiebern den Spezialisten für düsteren Indiesound entgegen. Die Editors lassen dann von Song Eins an – passend: "An end has a start" -  keinen Zweifel daran, dass es für sie eine Notwendigkeit war, nach sechs Studioalben jetzt die Best-of-Platte "Black Gold" zu präsentieren.

Darauf sind auch drei brandneue Lieder zu finden, wie eben besagtes "Black Gold", doch der Titelsong steht an diesem Abend überraschenderweise gar nicht auf der Setlist. Dafür, zur Freude der Fans, Hits, wie "Munich", "Blood" oder "Bullets" vom Debut-Album "The Back Room". 15 Jahre ist das her, kaum zu glauben und zu hören.

Lasst die Monster tanzen

Die fünf Briten um Sänger Tom Smith stehen unter einer beeindruckenden Lichtanlage. Bei dem nagelneuen Lied "Frankenstein" senken sich sechs Scheinwerferarme senkrecht über die Band ab und tauchen sie in giftgrünes Licht, um dann beim Refrain Stroboskope in die Menge zu schießen. Der treibende Song sei, so Tom Smith, "voller Freude und Eskapismus - ein Cartoonsong für die Freaks, die, die anders sind und für die Nacht".

Schwerstarbeit aus tiefstem Herzen

Während die vier Mitstreiter von Tom Smith eher unauffällig bleiben, kann man gar nicht anders als den schlaksigen Frontmann zu beobachten, wie er auf der großen Bühne in seinem schwarzen Longsleeve mit etwas zu langen Ärmeln umherschlufft, taumelt oder sich biegend quer über die Bühne windet.

Was nach Schwerstarbeit aussieht, ist wahrscheinlich eine echte Herzensangelegenheit. Dieser Mann macht keine halben Sachen. Das Publikum liegt ihm zu Füßen und da hat es nicht weniger als vollen Einsatz verdient. Respekt. Der Multiinstrumentalist macht nur kurz am Klavier oder Synthesizer halt, um den bandtypischen Sound zu kreieren, der sich immer mehr vom Indierock weg hin zu scheppernden Synthie-Pop-Hymnen entwickelt.

Hungrige Künstler soll man nicht aufhalten

Fast zwei Stunden fegt die Band durch ihre sechs Alben und lässt wenig Wünsche offen. Tom Smith bedankt sich immer höflich, auch mal auf Deutsch. Für mehr, oder gar politische Statements, was ihre Heimat Großbritannien nur drei Tage nach dem Brexit angeht, ist kein Platz. An diesem Abend steht allein die Musik im Vordergrund.

Einmal greift Tom Smith ganz allein zur Akustikgitarre und beweist mit der Ballade "The Weight of the World" vom zweiten Album, was eigentlich nicht notwendig wäre: dass er auch ohne Bombastsound ein fantastischer Sänger ist. Und, auch wenn Best-of-Album immer so klingt, als fiele der Band nichts mehr ein -  dieser Abend ist genau richtig, so wie er ist.

Die Editors sind nach gut 15 Jahren Bandgeschichte eine derart relevante Größe, dass sie durchaus auch einfach nur mal zeigen dürfen, was sie bereits hervorgebracht haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Außerdem machen die drei neuen Lieder Hoffnung, dass das nächste (neue) Album nicht lange auf sich warten lässt. Schließlich sagte Tom Smith in einem Interview: "I think the new songs show that the band are hungry." Und hungrige Künstler soll man nicht aufhalten.

Sendung: Inforadio, 04.02.2020, 6:55 Uhr

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6 Kommentare

  1. 6.

    hmmm , also das war sicher nicht das beste Editors-Konzert. Hatte was mit dem Sound zu tun, der Abfolge der Songs, vielleicht auch mit dem etwas falsch eingesetzten Licht. Aber dass manche Kommentare hier die Vorband besser fanden, kann doch nicht ernst gemeint sein. Über Geschmack lässt sich offenbar doch streiten.
    Editors als routiniert zu bezeichnen, find ich bei dem Einsatz den Tom auch gestern zeigte, etwas vermessen. Aber ja, es wirkte alles etwas steril. Das hat mir zuletzt auf dem Highfield 2018 deutlich besser gefallen. Dennoch war es ein Editors-Konzert. Und schlecht sind die nie.

  2. 5.

    Sehr geehrter Thomas, Sie sprechen mir sowas von aus dem Herzen. Es war einer dieser Abende an denen die mir bisher vorher leider völlig unbekannte Vorband um Längen besser gefallen hat als der Hauptact. Im Gegensatz zu den "Whispering Sons" spielten die "Editors" nach meinem Geschmack blutleer und zu routiniert. Auch die unsägliche Angewohnheit, den Hauptact lauter spielen lassen zu müssen als die Vorband, führte leider dazu das die eigentlich so prägende Stimme von Tom Smith, für meinen Geschmack, zu häufig in einem sich übersprechenden Klangbrei unterging (ich stand gestern gewohnheitsmäßig relativ nah am Soundcheck). Für Fans sicher ein gelungener Abend. Für Menschen, die die Band bisher "nur" ganz gut fanden, kein Grund sich stärker zu begeistern.

  3. 3.

    Leider muss man dem grundpositiven Ton dieser Rezension widersprechen. Und das kann man auch aus gutem Grund. Selten hat eine Band so oberflächlich und effektgeil an ihrem Publikum vorbei gespielt. Von ehrlicher Performance "aus tiefstem Herzen" keine Spur. Ein durchkommerzialisierter Abend, dessen unsägliches Lichtdesign das Ganze auch noch auf das Plumpeste illustriert. Dass die hervorragende Vorband "Whispering Sons" hier keine Erwähnung findet, spricht Bände über den verklärten Blick auf diese Darbietung, die alles andere als "Indie" ist: Kalkulierte, einförmig performte Popmusik mit Pseudoweltschmerzattitüde. Ein technisch fragwürdig schluchzender Ville Valo hat dermaleinst in den Zeiten von HIM wenigstens noch soviel Anstand besessen, die Vermarktbarkeit von Weltschmerz im Kitsch zu ironisieren. Fazit: Eine große Anerkennung für "Whispering Sons". Die Editors sollten wohl nach dieser Performance lieber über neue Projekte nachdenken. Ein Ende muss eben auch ein Ende haben.

  4. 2.

    Und noch ein kleiner Nachtrag: schön das es mal ein Konzert ohne politische Statements war...Brexit hin oder her.

  5. 1.

    Eine starke Band, die eine starke Kritik verdient hat. Immer wieder ein Hochgenuss.

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