Tenacious D während ihres Konzerts in Wien im Februar 2020. (Quelle: dpa/Markus Wache)
Audio: Inforadio | 18.02.2020 | Steen Lorenzen | Bild: dpa/Markus Wache

Konzertkritik | Tenacious D in der Max-Schmeling-Halle - Eine Weltuntergangs-Rockoper, die in die Hose geht

Seit mehr als 25 Jahren sind die US-Schauspieler Jack Black und Kyle Gass mit ihrer Comedy-Rockband Tenacious D erfolgreich. Ihr neuestes Programm ist in Berlin allerdings in die Hose gegangen - im wahrsten Sinne des Wortes, findet Steen Lorenzen.

Die Menschheit ist hinüber. Fast hinüber. Es regieren eine Handvoll furchteinflößende Frauen, zwei verrückte Wissenschaftler und außerdem noch eine Kreatur, die sowohl über eine Vulva als auch über einen Penis verfügt.

Und dann sind da noch Jack Black und Kyle Gass, die angetreten sind, die größte Band der Welt zu gründen, und das Unmögliche möglich machen: Sie trotzen den neuen Herrscherinnen auf dem blauen Planeten und luchsen Donald Trump Junior den grünen Gilgamesch-Kristall ab und dann…

Neue Mission von Tenacious D

Nein, nein, das Ende dieser postapokalyptischen Rockoper wird nicht verraten. Nur so viel: Es dauert an diesem Montagabend in der Max-Schmeling-Halle 45 Minuten, bis Black und Gass ihr Konzeptalbum aus dem Jahr 2018 in Gänze aufgeführt haben.

Vermutlich haben sie diese wirre Geschichte, mit der sie sich nach eigener Aussage knapp hinter großen Rockerzählungen wie "Tommy" von The Who oder "The Wall" von Pink Floyd einreihen, in einem rauschhaften Zustand erdacht. Sie sind dabei musikalisch in den 60er und 70er Jahren gelandet. Und dort vor allem bei den Balladen.

Die Inszenierung ist eine Kombination aus Comicfilmchen und Livemusik der fünfköpfigen Band, die hinter einem durchlässigen Stoff spielt. So entstehen witzige Effekte, wenn zum Beispiel in einer auf dem Stoff projizierten Rakete der reale Jack Black davonfliegt. Raffiniert!

Liveband spielt zu wirren Comicfilmen

Black, der mit Spielfilmen wie "School of Rock" oder "High Fidelity" seinen Durchbruch als Schauspieler schaffte, hat die skurrile Geschichte selbst gezeichnet - vielleicht animiert von der Comicband Gorillaz, bei der er kürzlich einen Gastauftritt in einem Video hatte.

Doch im Gegensatz zu Gorillaz-Zeichner Jamie Hewlett fehlt Jack Black eine besondere Handschrift und die Story ist so hanebüchen, dass große Erleichterung in der Max-Schmeling-Halle zu spüren ist, als endlich der zweite Teil des Abends beginnt. Die Greatest-Hits-Show von Tenacious D.

Bierbauch-Performance auf hohem Niveau

Nun wird klar, warum das Projekt dieser beiden Schauspieler seit über 25 Jahren so erfolgreich ist. Ihre Rockparodien funktionieren, weil beide Schauspieler, aber vor allem auch die Backingband, auf hohem Niveau spielen – auch wenn es vielleicht etwas übertrieben war, Tenacious D 2015 den Grammy für die beste Metal Performance zu geben.

Jack Black zieht mit seiner Stimme alle Register der großen Vorbilder wie Deep Purple, Led Zeppelin oder Metallica. Zeitweilig macht es Spaß, den ergrauten und vollbärtigen Bierbauch-Performern bei ihrer schweißtreibenden Show zuzusehen.

Pennälerhaft bis zum Schluss

Die drei Musiker hinter den Hauptdarstellern werden allerdings nicht so richtig von der Leine gelassen. Und der Humor der beiden, mit dem sie es ins Vorprogramm von den Foo Fighters und Pearl Jam geschafft haben, wirkt insgesamt zu pennälerhaft.

Das gilt leider auch für das Finale des Abends. Gemeinsam mit den Fans wird der größte Hit von Tenacious D gesungen. Thema:  Es zahlt sich aus, wenn der Mann freundlich ist zu seiner Frau, denn dann erfüllt sie ihm die kühnsten Sex-Träume. Kein spektakulärer Höhepunkt für ein Konzert im Jahr 2020.

Sendung: Inforadio, 18.02.2020, 8.40 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um eine Antwort zu verfassen.

Antwort auf [Scarlett] vom 18.02.2020 um 10:34
Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Ja, das denke ich auch. Ich hab den Anfang aber leider nicht aushalten können. Versuche mich jetzt an den "alten" Scheiben. Besten Gruss.

  2. 7.

    Das ist eben Journalismus - Die Meinung eines einzelnen, der das Erlebte nur aus seiner Sicht erzählt. Letztendlich ist doch alles Geschmackssache. Dem einen gefällt es, dem anderen nicht.

  3. 6.

    Dann Haben Sie das Beste verpasst. Ja, die Post Apocalyptica war gewöhnungsbedürftig, für mich als Erstbesucher von den Beiden. Aber so sind sie halt. Annie Lennox interpretierte mal: "It's a thin line between love and hate" und so ist es bei TenatiousD eben auch.
    Aber es war auszuhalten, wir hatten textsichere Fans hinter uns und die Band nebst den beiden Protagonisten haben die Halle gut gerockt. Zum Schluss hat fast das ganze Publikum mitgesunge und das hat für Gänsehaut gesorgt.
    Also wenn unten vor der Bühne die Leute moshen, dann isses geil. Und geil war der Hauptteil auf jeden Fall.
    Mein erstes Konzert von TenaciousD, nicht mein letztes....

  4. 5.

    Ich werde weder missionieren, noch korrigieren oder gar versuchen, zu bekehren - möchte aber doch klarstellen, dass ich mir im Leben kein Urteil über ein Konzert erlauben würde, das ich nach 15 Minuten verlassen habe. Was ist das für eine Logik? Die ersten beiden Tracks haben nicht gefallen, also "bashe" ich die gesamte Veranstaltung, ohne sie überhaupt aus eigener Erfahrung beurteilen zu können? No, Ma'am...

  5. 4.

    Ich kann dem Artikel nur beipfichten. Ich bezeichne mich auch als Kennerin der Szene, aber war hier im ersten Teil des Konzertes abgeliefert wurde, war flach und peinlich - und die Musikstücke waren auch nicht der Brüller - liebe Fans, ich möchte nicht missioniert oder verbessert werden, denn ich bin schon groß und weiß selbst, was künstlerischen Tiefgang und Rumms hat. Die Geschmäcker sind verschieden, die Ansprüche sind es auch.
    Ich hörte von meinen Freunden, dass die tatsächliche Fete erst nach 45 min losging.
    Ich selbst bin nach einer Viertelstunde gegangen.

  6. 3.

    Das Album "Post-Apocalypto" wurde in 38 Minuten und nicht 45 Minuten präsentiert und Tenacious D reihen sich nicht knapp hinter großen Rockerzählungen wie "Tommy" von The Who oder "The Wall" von Pink Floyd ein, sondern knapp davor.
    Das Konzert war super, hätte zwar gerne mehr songs aus den 2 Alben "The Pick of Destiny" und "Rize of the Fenix" gehört, war aber trotzdem toll. Dem Publikum hat es gut gefallen. War inzwischen mein zweites Tenacious D Konzert.

  7. 2.

    Man kann es mit der "political correctness" auch übertreiben. Wollen wir die Kirche an dieser Stelle vielleicht einmal im Dorf lassen - wer Tenacious D kennt weiß auch, was ihn auf einem Live-Konzert erwartet. Dass die Shows und Texte längst nicht jugendfrei sind, ist doch wohl hinreichend bekannt; der Band aber in irgendeiner Form im Subtext Frauenfeindlichkeit zu unterstellen ist, mit Verlaub, lächerlich. Es ist eine Comedy-Band, Überspitzungen in alle Richtungen sind der Kern und zum Thema "gender equality" lohnt sich eine etwas genauere Betrachtung der Texte, der beiden Künstler und der Zusammensetzung des Publikums. Black und Gass haben mit Hilfe Ihrer Band m.E. einmal mehr eine handwerklich großartige Darstellung geboten und auch im gehobenen Alter (mit deutlich gestiegener Körperfülle) nichts von Ihrer Energie und Bühnenpräsenz eingebüßt.

  8. 1.

    Was für eine schlechte Kritik, die das Bild der Stimmung vor Ort 0 wiedergibt. Die Konzertbesucher haben die Band gefeiert, mitgesungen, geklatscht und die Show genossen. Ich habe selbst von Fremden am Abend nur gutes nach dem Konzert gehört. Alle waren begeistert. Auch mich hat diese Show umgehauen und das als eingefleischter Konzert- und Festivalgänger und Kenner der Szene! Man darf die Bands mit ihren Comics und Aussagen nicht zu ernst nehmen, aber was sie gesanglich und instrumental abliefern ist spitze. Wahrscheinlich saß / stand dieser Reporter an der falschen Stelle, denn woanders steppte der Bär und die Leute konnten nicht ruhig bleiben. Es gab sogar standing Ovations. Es ist sehr interessant wie unterschiedlich Menschen Musik wahrnehmen, aber man muss als Reporter nicht immer Schlagzeilen und Fehler suchen wollen. Echt traurig sowas!

Das könnte Sie auch interessieren

Corvus Corax bei ihrem Konzert auf einem Bauernhof in Alt-Lübars in Berlin. Quelle: Hendrik Schröder
Hendrik Schröder

Konzertkritik | Corvus Corax - Zurück ins Mittelalter

Konzerte zu machen ist schwer in Corona-Zeiten. Auf einem Bauernhof in Alt-Lübars hat man nun einen guten Weg gefunden, wieder Musik zu veranstalten. Am Wochenende spielte die Mittelalterband Corvus Corax. Von Hendrik Schröder