Szene aus "20 20" im Wintergarten-Varieté
Audio: Inforadio | 28.02.2020 | Ute Büsing | Bild: Wintergarten/Carolin Saage

Theaterkritik | Revue im Wintergarten - Champagnerdusche in der Holzklasse

Einen "schillernden Abend im Gestern und Heute" verspricht die neue Show des Berliner Wintergarten Varietés. Sie heißt "2020" und steht ganz im Zeichen der 20er Jahre. Unsere Kritikerin Ute Büsing war gespannt.

Alles soll so sein wie früher und doch ganz so wie heute: "2020" eben. Die Revue ist ein Spagat, die gar nicht so goldenen 1920er Jahre, diesen vielbeschworenen Tanz auf dem Vulkan, mit 2020 zu vergleichen, beziehungsweise zu verbinden. Der Wintergarten wagt es, zeigt, noch bevor die eigentliche Show beginnt, wie die 75-jährige Doris Gold immer noch leichtfüßig am Vertikaltuch in den Spagat geht und legt dann ein Programm mit geborgten Gefühlen auf. Musikalisch überwiegend ein "Cabaret"-Medley mit entsprechend leicht geschürzten, eng geschnürten Korsagen, mit Lack und Leder.

Stil der Vergnügungstempel der 20er

Da ist viel Möchtegern-Verruchtheit im engagierten Spiel, der unbedingte Wille zur knisternden Erotik. Nicht nur bei der Burlesque-Darstellern Banbury Cross mit wallend roter Mähne, die sich lasziv ihrer wenigen Kleidungsstücke entledigt und die hier nostalgisch eingerichtete "Holzklasse" in der ersten Reihe einer Champagnerdusche unterzieht. Die wurde für sowas eigens mit Regenschirmen ausgerüstet. So wie ganz im Stil der Vergnügungstempel der 20er auch Barbiere und Schuhputzer bereitstehen und ein Stand mit Absinth.

Gutes altes Schmieren-Kabarett

Markus Pabst, der den bunten Abend gemeinsam mit Pierre Caesar konzipiert hat, wirft etwas ungelenk Kästner- und Tucholsky-Zitate ein. Als Redner am Pult mahnt er vor rechtsextremistischen Kräften heute, wie denen, die damals die Weimarer Republik zu Fall brachten. Der schrille MC Jack Woodhead gibt den durchgehend androgynen Ton vor. Bemerkenswert sind wie meist im Wintergarten die artistischen Acts aus aller Welt: extrem biegsame Körper in der Badewanne, filigrane Luftreifennummern, kühne Kunststücke an Pole-Stangen und am Chinesischen Mast.

Bestes gutes altes Schmieren-Kabarett bieten die Collins Brothers. Ihre treu-doofe Zauber-Komik wie die Nummer von der Zersägten Jungfrau war schon auf vielen Weltbühnen zu sehen und gewann Preise beim Zirkusfestival in Monte Carlo. Sehenswert sind auch die sinnlichen Hut-Jonglagen von Girma Tsehai. Es ist also für viele vieles dabei in diesem 2020-Sammelsurium, dem der schlagende rote Faden fehlt.

Sendung: Inforadio, 28.02.2020, 07.40 Uhr

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