Der Schauspieler Ben Becker steht bei der Generalprobe als Affe verkleidet in seinem Theaterstück "Affe" am 17.02.2020 im Admiralspalast auf der Bühne (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 19.02.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Britta Pedersen

Kritik | Solo-Show im Berliner Admiralspalast - Ben Becker inszeniert sich als "Affe"

Vor fünf Jahren tourte Ben Becker mit der der Soloshow "Ich, Judas" durch ausverkaufte Hallen und Kirchen. Jetzt inszeniert er sich im Berliner Admiralspalast als "Affe" in Kafkas "Bericht für eine Akademie". Von Ute Büsing

Er hat was vom Hohepriester, der den Seinen die Messe liest. Auch etwas vom Popstar. Dabei spricht Ben Becker frei, erst Friedrich Engels Fragment "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen", dann Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie". Das allein ist schon eine Leistung. Mit Furor und Pathos steigert er sich in Engels kleinen Kapitalkurs über die gnadenlose Ausbeutung der Natur durch den Menschen und legt den Mensch gewordenen Affen Rotpeter im zweiten, dem Hauptteil, erstmal eine Stufe leiser an.

Vom Affen zum Menschen

Zunächst allerdings verfolgt das dem Alleindarsteller von Beginn an geneigte Publikum im nicht ganz ausverkauften Admiralspalast einen evolutionsgeschichtlichen Einführungsfilm: Wie sich da ein Affe (Becker im Kostüm) auf einer Insel zu aufrechtem Gang und menschenähnlichen Tätigkeiten aufrappelt, sodann im orangenen Overall auf einem Frachtschiff anheuert und dort den Boden schrubbt. Durch Arbeit wird der Affe zum Menschen. Verwandelt bis auf die noch erkennbaren Affenfüße geht er in einer Hafenstadt an Land.

Der Schauspieler Ben Becker steht bei der Generalprobe seines Theaterstücks "Affe" am 17.02.2020 im Admiralspalast auf der Bühne (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
In Ben Beckers Solo-Show "Affe" soll es laut Ankündigung "um die existenzialistischen und philosophischen Fragen unserer Zeit" gehen | Bild: dpa/Britta Pedersen

Rotpeter im Varieté

Nachdem Ben Becker im Einführungsfilm evolutionäres Allgemeinwissen und Kapitalismuskritik unters Volk gebracht hat, wendet er sich mit Kafkas "Bericht" an das zur Akademie gewordene Publikum. Er leiht seine heisere tiefe Stimme dem Affen Rotpeter, berichtet von dessen Gefangennahme durch eine Expedition des Hagenbeck Zoos, von den qualvollen Tagen in einer Kiste im Schiffsbauch, den Nachahmungs- und Anpassungsmanövern des Affen. Der zieht allabendliche Varieté-Auftritte dem Eingesperrtsein im Zoo-Käfig vor.

So wie Rotpeter tritt Ben Becker als Rotpeter in Gehrock und Weste zum Vergnügen der Massen vor einen Glitzervorhang. Nur noch die großen Ohren verraten den Affen. Mit weit ausholenden Armbewegungen oder Händen in den Hosentaschen durchmisst er die große Bühne, nimmt gelegentlich auf einem Stuhl Platz, betrachtet sich im Spiegel, erzählt mit Furor in der Stimme, wie der Affe menschliche Verhaltensweisen erlernt: Ausspucken, Rauchen, Trinken. Den bewegenden Monolog Kafkas bricht er aus seinem voluminösen Körper heraus, als sei es ein Stück von ihm.

Stehende Ovationen für die "Affe"-Messe

Ben Becker moduliert seinen rauen Erzählerton allerdings kaum. Für Zwischentöne ist in seiner Solo-Show wenig Platz. Wie sehr ihn das Schicksal des domestizierten Affen rührt und darüberhinaus die menschliche Hybris der Natur- und Weltaneignung insgesamt, wird am Schluss spürbar. Da weint Rotpeter bittere Tränen, wenn er sich, tags ganz Mensch, nachts zum Affenweibchen legt. Oder ist es tiefe Rührung über die eigene Leistung am Ende eines gelungenen Parforce-Rittes? Vom traurigen äffischen Ausweg handelt seine Gute-Nacht-Geschichte. Nicht von der großen Freiheit.

Eine Offenbarung über das Verhältnis von Zivilisation und Natur, Freiheit und Zerstörung, ist der 70-minütige Abend nicht. Auch deshalb nicht, weil Engels Manifest nicht mit Kafkas Bericht verschränkt wird, obwohl der gefragte Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel die Textvorlage für Beckers Solo-Show geliefert hat, die der Schauspieler in Eigenregie umsetzt. Dem bekannten Stoff wird wenig Neues abgewonnen, keine Nuance hinzugefügt. Aber die "Affe"-Messe des Ben Becker kommt an: seine Fans, ihm treu seit "Ich, Judas", sind gerührt und johlen ihm aufrechtstehend zu. Wie einem Popstar-Messias.

Sendung: Inforadio, 19.02.2020, 07:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Ben Becker, ein Garant für Unterhaltung mit Niveau und Kopfkino . Wir waren, wie immer unglaublich begeistert und freuen uns schon auf das nächste Event von und mit einem Künstler, den man ohne Abstrich einen Ausnahmekünstler
    nennen darf ! Einer der wenigen wirklichen Stars die unser Land hat ! Danke für eine wunderbar gelungene Aufführung !

Das könnte Sie auch interessieren

Verhüllungskünstler Christo (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
dpa/Britta Pedersen

Verhüllter Reichstag 1995 - Aktionskünstler Christo ist tot

Wer sich heute den Reichstag vorstellt und damals dabeigewesen ist, der bekommt die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Dick eingepackt in hellen Tüchern stand er da, wochenlang bestaunten ihn Gäste aus der ganzen Welt. Nun ist der Schöpfer dieser Idee gestorben.