SYMBOLBILD - Liam Gallagher, früherer Oasis-Sänger, bei einem Konzert am 07.02.2020 in Amsterdam (Foto: dpa/Hollandse Hoogte/Marcel Krijgsman)
Audio: Inforadio | 12.02.2020 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Hollandse Hoogte/Marcel Krijgsman

Konzertkritik | Liam Gallagher im Tempodrom - Oasis-Nostalgie mit Straßenköter-Attitüde

Liam Gallagher prägte mit Oasis ein ganzes Genre: Britpop. Nach der Band-Auflösung ist er solo unterwegs, jetzt war er mit seinem zweiten Album im Berliner Tempodrom. Doch die Fans wollten vor allem die Vergangenheit - und Gallagher lieferte. Von Hendrik Schröder

Schon der Anfang ist stürmisch. Scheppernde Musik vom Band, Stroboskoplicht donnert über die Bühne, Liam Gallagher erscheint überlebensgroß auf der Videowand. Bierbecher fliegen durch die Luft, Arme recken sich, die Vorfreude ist riesig. Das Tempodrom ist lange ausverkauft, vor dem Eingang fragen Fans verzweifelt nach Karten. Ganz junge Leute sind da, die Oasis kaum zu Lebzeiten live gesehen haben können, ältere, die ihr altes Bandshirt noch mal rausgekramt haben, und alle raunen sie: Liam.

Und dann kommt er. In einer Art weißem halblangen Kapuzenkittel, wie sie in England anscheinend dauerhip sind - sieht aus wie ein Oberarzt auf dem Weg zum Sport, später dann wie ein Patient in einer Zwangsjacke, wenn er die Arme wie immer beim Singen hinter dem Rücken verschränkt und sich leicht nach vorne zum Mikro beugt.

Der halbe Saal aus Leeds?

Der Sound ist blechern und derb. Es ist wahnsinnig laut – und die Frage drängt sich auf: Ist das Absicht oder ist die Akustik des Tempodroms nicht gemacht für so eine Lautstärke? Und trotzdem bellt Liam Gallagher irgendwann: "Wollt ihr es lauter?" Alle wollen. Ansonsten sagt er nicht viel. Nur mal so Sachen wie: "Sind hier Leute aus Leeds?", woraufhin der halbe Saal "Yeah" schreit - was ja wohl nicht sein kann. Egal. Hauptsache: "Yeah".

Liam Gallagher spielt einige seiner Solo-Songs und die sind gut, richtig gut. Der Typ ist nicht nur Rockstar mit Straßenköter-Attitüde, er ist ein überragender Songschreiber. Und trotzdem warten alle nur auf die Oasis-Sachen. Das weiß er und ist sich nicht zu schade, den Leuten zu geben, was sie hören wollen

Gallagher und Band wirken angestrengt

In Hamburg vor einer Woche hatte Gallagher das Konzert nach fünf Songs erschöpft beendet - Stimme kaputt. Offenbar bekam er Cortisonspritzen, dann ging es wieder. An diesem Abend im Tempodrom wirkt er angestrengt, die ganze neunköpfige Band wirkt so, als hätten sie Angst, dass etwas schief geht. Aber es geht alles gut.

Bei Liam Gallagher scheint es zwar die ganze Zeit, als gehe ihm das Ganze hier total auf den Senkel. Immer wieder macht er genervte Handzeichen zu seinen Roadies. Aber letztendlich ist das einfach nur Energie, die er rotzig in jede Note steckt. Also, wenn schon Nostalgie - dann so.

Sendung: Inforadio, 12.02.2020, 6:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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3 Kommentare

  1. 3.

    Bei der scheppernden Musik vom Band handelte es sich natürlich um "Fuckin' in the Bushes" von der 2000er Oasis LP "Standing on the Shoulder of Giants" und wurde schon damals gerne als Konzert Intro benutzt.

  2. 2.

    Ob seine "army of songwriters" damit einverstanden ist dass ihre Arbeit hier nur Liam zugeschrieben wird? ;) Was das Songwriting angeht hat er seit "little James" definitiv Fortschritte gemacht - der größte dürfte es sein dass er den Großteil seiner Lieder mittlerweile von anderen Leuten schreiben lässt. Also wie früher - auch ein schöner Nostalgie Gedanke...

  3. 1.

    Lieber Hendrik Schröder,
    Liam Gallagher war weder bei Oasis ein überragender Songschreiber (das war sein Bruder Noel) noch ist er es heute - die allermeisten seiner Songs lässt er schreiben.

    Ansonsten guter Bericht!

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