Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) und Ensemble (Quelle: Ruth Walz)
Audio: ARD | 10.02.2019 | Maria Ossowski | Bild: Ruth Walz

Opernkritik | "Rosenkavalier" an der Staatsoper - Walzer, Wien - und keine Zuckerwatte

Aufdringlichen Kitsch und zu viel Süße erwartete Maria Ossowski vom "Rosenkavalier" an der Staatsoper - inszeniert durch Multimediakünstler André Heller. Bekommen hat sie stattdessen: angenehm süße Bitterkeit.

Walzer, Wien und Varieté, Zirkus, Zauber, Zuckerwatte: Wenn Multimediakünstler André Heller den Rosenkavalier von Richard Strauss inszeniert, sorgt schon die Ankündigung für Bauchweh. Zu viel Dekor und Schmäh habe ich erwartet - Wunderkammern, Feuerspektakel und Roncalli. Aber: nein. Die traurigschöne Tragikomödie um die alternde Feldmarschallin, ihren jungen Geliebten Oktavian, den dauergeilen Baron Ochs, die Klosterjungfer Sophie und all die Intrigen rundherum rührt auf melancholische Weise tief.

Der 73-jährige Heller, zu Hause in Wien, in Marokko und auf Reisen, hat noch nie eine große Oper inszeniert, das Genre aber immer geliebt. Ihm zur Seite stand Opern-Regisseur Wolfgang Schilly, ebenfalls ein Wiener und die Wiener Malerin und Bühnenbildnerin Xenia Hausner. Das Thema von Strauß' populärster Oper, Uraufführung 1911, ist die Liebe und ihre Vergeblichkeit in der verrinnenden Zeit.

Das Team um Heller hat der Verlockung widerstanden, die Geschichte ins Heute zu verlegen, denn jedes große Kunstwerk ist zeitlos, mit dem Libretto von Hofmannsthal ohnehin. Im japanisch ausgestatteten Schlafzimmer (japanische Möblierung und Kunst lag zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll im Trend), haben die Fürstin und ihr Lover eine Liebesnacht genossen. Camilla Nylund singt herzergreifend über die Zeit, dies sonderbar Ding.

"Der Harvey Weinstein der Opernwelt"

Michèle Losier in der Hosenrolle des Oktavian wirkt androgyn, flirrend und dennoch verführerisch. Auch Oktavian ahnt: Die Liebe zwischen einem 17-Jährigen und einer schönen, aber, wie es früher so deutlich hieß, verblühenden Frau hat keine Zukunft. In diese Tristesse bricht Baron Ochs herein, der Harvey Weinstein der Opernwelt. Ein ungeschlachter Trampel, den der Bass Günther Groissböck weltmännisch, verschlagen und brutal spielt. Einer, der alle Mädels flachlegt, und je mehr sie sich wehren, desto jünger fühlt er sich. Ein Widerling, den Widerstand anspornt. Ein sentimental-egomaner Kerl, der die reiche Sophie heiraten und die verkleidete Kammerzofe ins Bett kriegen will, alles im Dreivierteltakt.

Auch Buhrufe unter dem großen Applaus

Am Schluss kriegen sich Sophie und Oktavian, die edle Marschallin verzichtet. Aber schade: Das rätselhaft bezaubernde Bühnenbild, ein Jugendstilfenster, das in einen Sternenhimmel übergeht, bleibt seltsam leer. Heller ist zum Ende wenig eingefallen, alle drei stehen herum, singen überirdisch schön, haben aber wenig zu tun. Deshalb auch die deutlichen Buhrufe, die sich unter den großen Applaus mischen. Zubin Mehta am Pult der wie immer grandiosen Staatskapelle hätte temporeicher und energetischer dirigieren können.

Trotzdem: Die Kritikerin mit der Angst vor zu viel wienerischer Zuckerwatte ist froh um die heitere Schwermut und die süße Bitterkeit, die André Heller um den Rosenkavalier inszeniert hat.

Beitrag von Maria Ossowski

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2 Kommentare

  1. 2.

    Zur Zeit Maria Theresias, und in dieser spielt der Rosenkavalier, galt 36 leider schon als alternd. Frauen heirateten sehr jung, mit 36 waren viele bereits Großmütter.

  2. 1.

    Alternde Feldmarschallin? Laut H.v. H ist sie höchstens 36....

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